Adina Pintilie im Württembergischen Kunstverein Stuttgart Wie intim darf Kunst sein?
„Eine Kathedrale des Körpers“ errichtet die rumänische Künstlerin Adina Pintilie mit ihrem Projekt „You Are Another Me“. Faszinierend und ängstigend zugleich.
„Eine Kathedrale des Körpers“ errichtet die rumänische Künstlerin Adina Pintilie mit ihrem Projekt „You Are Another Me“. Faszinierend und ängstigend zugleich.
Früher, sagt Christian Bayerlein in seiner ruhigen, immer wieder überlegenden Diktion, habe er oft den Eindruck gehabt, als bloßes Gehirn ohne Körper aus einer Position in eine andere, von einem Ort zu einem anderen gebracht zu werden. Er habe überhaupt erst verstehen müssen, was das sei, was das sein könne, ein Körper. Heute, sagt der Mann mit spinaler Muskelatrophie, sei Sexualität für ihn „sehr wichtig“.
Christian Bayerlein war zentraler Protagonist in Adina Pintilies Film „Touch Me Not“ (2018 bei der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet) und bestimmt auch die Fortschreibung wesentlich – bis hin zu Pintilies Projekt „You Are Another Me. Eine Kathedrale des Körpers“, das der Württembergische Kunstverein Stuttgart nun in seiner bisher größten Fassung zeigt.
Ein Wagnis – faszinierend und ängstigend zugleich, und im Titel „You Are Another Me“ auch eine Anspielung auf den Maya-Gruß „In Lak’ech Ala K’in“ als Ausdruck einer ethischen Haltung gegenseitiger Abhängigkeit.
Wie beschreibt man eine Mehrkanal-Videoarbeit, die sich dem Ausloten des Intimen widmet? Viktor Neumann, (Gast-)Kurator des Gastspiels von Adina Pintilie in Stuttgart, skizziert ein zunächst ablesbares Szenario: „Inmitten des weltweiten Wiederauflebens rechter Ideologien, das durch die jüngste Pandemie, bei der auch die Diskurse über die körperliche Autonomie unterwandert wurden, noch verstärkt wurde, entwirft Pintilie einen zeitgenössischen Ort für gegenseitige Zuneigung und Hingabe, um Trennlinien zu überwinden.“
Wie erlebt sich eine Frau, die in Aussehen und lesbarer Persönlichkeit lange zurückblicken kann, zugleich um die Kraft des immerwährenden Neuanfangs weiß und die Einsamkeit nicht fürchtet? Wie nähert sich ein männliches Paar, in dem die Typologie des jüngeren Jägers und des älteren Souveräns fast Klassisches hat, auf dennoch überraschende Weise? Und wo dürfen oder müssen in der Pflege die Grenzen körperlicher Nähe überschritten werden?
Pintilie, 1980 in Bukarest geboren und seit Oktober 2022 Professorin für Dokumentarfilm an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg, schafft sich für ihre Fragestellungen einen betont neutralen Raum, eine ganz in Weiß gehaltene Forschungsanordnung und damit den größtmöglichen Widerspruch: ein Labor möglicher Körperlichkeit.
Auch für die Präsentation im Vierecksaal des Kunstvereins bedient sich Pintilie eines Widerspruchs: Umgeben von scheinbar frei schwebenden Projektionsflächen ist das Publikum inmitten eines Überangebots dessen, das Pintilies Forschungsarbeit doch zunächst als Verlust identifiziert: Vertrauen zum eigenen und zum anderen Körper; Sexualität als Bereitschaft, wechselnd Kontrolle abzugeben; Intimität als Gegenmodell zu politisch gewolltem Misstrauen.
Ja, Pintilie hat ebendieses, hat ebendiese Szenerien im rumänischen Pavillon bei der Biennale Venedig 2022 gezeigt. In völlig anderer Dimension aber geraten ihre Bilder in Stuttgart nun in Bewegung, befragen sich die Einzelsequenzen gegenseitig. Ja, da ist Tänzerisches im Raum – und vielleicht auch deshalb kontert Adina Pintilie die erreichte filmische Souveränität durch das Offenlegen ihrer Methodik.
Als „performativ-kinematografischen Raum“ beschreibt Viktor Neumann das Ensemble, das formal unmittelbar Erinnerungen weckt an die Methodiken von Carrie Mae Weems, Trinh T. Minh-ha und Delphine Seyrig, aber auch von Anna Oppermann – von Künstlerinnen mithin, deren Werk von den Kunstvereinsverantwortlichen Iris Dressler und Hans D. Christ in den vergangenen Jahren umfassend vorgestellt wurde.
„Waffenstillstand“ betitelt Adina Pintilie ihr Ensemble, ihre Installation, ihr offenes Labor. Im Zentrum und buchstäblich umstellt (von gläsernen Trennwänden, Kameras, überdimensionalen Telepromptern und Scheinwerfern): das weiße Bett. Gleißendes Licht verstärkt den Eindruck einer Verschiebung – von der Installation hin zur Anlage, mithin zu einem Thema der Ende der 1980er Jahre jungen Kunst, das vorzeitig überlagert wurde von anderen künstlerischen Äußerungsformen. Pintilie holt die Anlage zurück – auch, um selbst nicht in eine Endlosschleife von „Touch Me Not“ zu geraten?
Iris Dressler und Hans D. Christ weisen noch auf anderes hin: Wie auch etwa Carrie Mae Weems gehe es Adina Pintilie um „Übersetzungen und Überlagerungen zwischen den Methoden und Formaten von Kino und Ausstellungsraum“ sowie um eine „grundlegende Neubestimmung der binären, hierarchisch angeordneten Positionen vor und hinter der Kamera sowie der filmischen Apparatur selbst“. Künstlerische Forschung als Schrittmacher des Filmerlebens von morgen? Das Kino, möchte man einwenden, hat schon manchem Gedanken seiner Pulverisierung widerstanden.
Widerstandsfähig zeigen sich zuletzt auch die filmischen Annäherungen Pintilies an Lust, an das Erleben von buchstäblich grenzenloser Körperlichkeit. Unendliche Sehnsucht wird spürbar – dem misstrauenden Modell des Fremden das vertrauende Modell der Nähe entgegenzusetzen. Mit „Waffenstillstand“ gelingt Pintilie in Stuttgart dabei das Kunststück, die Frage, wie Intimität entsteht, wie genutzt und benutzt wird, neu zu schärfen.
Die Ausstellung
„You Are Another Me. Eine Kathedrale des Körpers“ im Württembergischen Kunstverein Stuttgart (Kunstgebäude am Schlossplatz) ist bis zum 14. Januar zu sehen (Di bis So 11 bis 18 Uhr, Mi 11 bis 20 Uhr). Der Eintritt kostet 5 Euro (ermäßigt 3 Euro). Die Ausstellung hat eine Altersempfehlung – mindestens 16 Jahre sollten Besucherinnen und Besucher sein.
Die Performance
Zum Ende der Ausstellung (11. Januar 2024, 18.30 bis 21 Uhr) wird Adina Pintilies neue Installation „Waffenstillstand“ durch die Premiere einer zweieinhalbstündigen Performance aktiviert. Gemeinsam mit Pintilie und ihrem Team laden Dirk Lange und Hermann Müller das Publikum dazu ein, an einem Prozess teilzuhaben, der untersucht, wie Zeitlichkeit, Erinnerung und Geschichte in den Körper eingeschrieben sind und Erfahrungen von Intimität beeinflussen.
Die Beteiligten
Seit mehreren Jahren arbeitet Adina Pintilie mit einem festen Stamm zusammen. Es sind die Aktivistinnen und Aktivisten für Behindertenrecht Christian Bayerlein und Grit Uhlemann, die Schauspielerin und Pädagogin Laura Benson, die Transgenderaktivistin und Sexarbeiterin Hanna Hofmann sowie die Schauspieler Hermann Müller und Dirk Lange.