Adrenalinhaltiger Musical-Job für Sindelfinger Schneiderin Als Mary Poppins ohne Rock dastand

Alles Maßarbeit: Karolin Mahall legt in ihrer Mini-Schneiderei bei diesem eigens für einen Ball angefertigten Kleid noch einmal Hand an. Foto: Langner

Kleiderpannen und Vampire in Unterhosen: Als Ankleiderin am Stuttgarter Musical-Theater hat Karolin Mahall schon viel erlebt. Deutlich ruhiger geht es in ihrer Sindelfinger Mini-Schneiderei zu.

Böblingen: Edmund Langner (edi)

Sie hat dem Vampir Graf von Krolock schon die Unterhose zurechtgezupft, Mary Poppins beim Anziehen geholfen und Tarzans Affen die Löcher im Fell gestopft. Durch ihre Mitarbeit am Stuttgarter Musical-Theater hat die Schneidermeisterin Karolin Mahall schon eine Menge verrückter Sachen erlebt. „Dabei hatte ich mit Theater und all dem vorher noch nie etwas zu tun“, sagt die Sindelfingerin.

 

Als gelernte Damenschneiderin und staatlich geprüfte Direktrice hatte die in Freudenstadt aufgewachsene Karolin Mahall ursprünglich eine ganz andere Berufslaufbahn eingeschlagen. Allerdings hatte sich schon vor 30 Jahren bei ihrer Ausbildung in Pforzheim und später an der Staatlichen Modeschule Stuttgart abgezeichnet, dass sie sich für eine Branche im Umbruch entschieden hatte. Oder eher: eine sterbende Branche. „Das klassische Maßschneiderhandwerk galt zu dieser Zeit schon als sehr angestaubt“, erinnert sie sich an ihre Lehrjahre Mitte der 90er. Schon damals sei kaum noch jemand bereit gewesen, 3000 Mark (1534 Euro) für einen Maßanzug hinzublättern, wenn ein Boss-Anzug im Laden für 500 Mark zu haben war.

„Direktrice – den Begriff kennt heute keine mehr.“

Als Direktrice – „den Begriff kennt heute keiner mehr“, sagt die 49-Jährige – hat sie rund zwei Jahre lang für ein kleines Unternehmen in Fellbach Umstandsmode entworfen und produziert. „Aber auch diese Branche ist ausgestorben“, erklärt sie, weshalb sie noch einmal die Schulbank drückte und in den Einzelhandel ging. Bei der Yeans Halle in Sindelfingen und später bei DM war sie für den Einkauf tätig. Bei der Drogeriemarktkette war sie im Bereich Kindertextil für rund 1000 Filialen in Deutschland und Österreich zuständig. „Da ging es nur noch um Preisverhandlungen und Bestellmengen. Es war wirklich nichts Kreatives mehr dabei“, sagt Mahall. Also ging sie zurück zu ihren handwerklichen Wurzeln und machte 2015 ihren Meister. „Zur Auffrischung“, wie sie sagt.

„Ich wollte mich selbstständig machen, aber es war klar, dass ein eigener Laden unheimlich teuer werden würde“, erzählt sie. Also richtete sie in ihrer Wohnung in der Lützelwiesenstraße ihre „Mini-Schneiderei“ ein. So nennt sie die kleine, aber hochwertig ausgestattete Werkstatt, die zuvor das gemeinsame Schlafzimmer für sie und ihren Mann Karel Limbursky (in der lokalen Musikszene auch bekannt als Gitarrist der Rockband Kakerlakis).

Weil ihr die komplette Selbstständigkeit anfangs zu unsicher war, suchte sie nach einer Teilzeitarbeit. Durch Zufall entdeckte sie eine Stellenanzeige als Ankleiderin auf 15-Stunden-Basis beim Stuttgarter Musical-Theater. „Ich dachte, ich helfe denen ein bisschen beim Anziehen“, rollt sie mit den Augen. Sie hatte ja keine Ahnung, wie adrenalin- und schweißtreibend der Job werden würde. „Mary Poppins“, „Der Glöckner von Notre-Dame“, „Bodyguard“, „Anastasia“, „Ghost“, „Tanz der Vampire“ und zuletzt „Tarzan“ – bei all diesen Musicals hat Karolin Mahall mitgewirkt. „Man muss sich das so vorstellen, dass hinter der Bühne ebenso eine Choreografie abläuft wie auf der Bühne“, beschreibt sie die Arbeit als Dresser.

Unter enormem Zeitdruck gehe es hier darum, die bei acht Aufführungen pro Woche stark beanspruchten Stoffe notfalls im Eiltempo zu reparieren, die Kostüme für die Ensemblemitglieder vorzubereiten, ihnen beim An- und Auskleiden zu helfen und die nassgeschwitzten Socken auszuziehen oder – wie beim „Tanz der Vampire“ – dem Hauptdarsteller auch mal an die Unterwäsche zu gehen. „Wegen der angeklebten Fingernägel ist der ja völlig hilflos und kann sich nicht einmal die Unterhose richten“, erklärt Mahall.

Trotz extrem durchgetakteter Abläufe geht viel schief

In der Zusammenarbeit mit den Musicalstars berichtet sie von einem „unheimlich schönen Zusammenspiel“ und einem „großen Vertrauensverhältnis“. Anders könne das alles auch gar nicht funktionieren. Zumal trotz extrem durchgetakteter Abläufe ganz viel schief gehe.

So wie bei „Mary Poppins“, als einmal der Klettverschluss den Rock nicht zusammenhielt und die Hauptdarstellerin plötzlich im Bloomer-Höschen dastand. Oder beim großen „Bodyguard“-Finale, als bei einem „Quick Change“ der Reißverschluss am Kleid nicht zuging. Karolin Mahall musste dann hilflos dabei zusehen, wie die Rachel-Darstellerin auf einer Hebeplattform die Bühne hochfuhr und „I will always love you“-schmetternd ihr Kleid festklammern musste, weil sie sonst oben ohne dagestanden wäre. „Danach haben wir alle gelacht. Auch die Darstellerin“, erzählt sie.

Die Kehrseite der aufregenden Theaterarbeit: Jede Menge Überstunden und eine enorme geistige und körperliche Belastung. „Mit meinen fast 50 Jahren wurde mir das irgendwann zu viel“, sagt Karolin Mahall. Mittlerweile hat die Sindelfingerin die Anstellung am Musical-Theater aufgegeben und sich mit weiteren Standbeinen komplett selbstständig gemacht. Unter anderem gibt sie Nähkurse in Herrenberg, arbeitet mit einer Brautmoden-Anbieterin in Schönaich zusammen, macht Änderungsarbeiten und fertigt maßgeschneiderte Kleidung an.

Im Vergleich zum Musical-Betrieb geht es in ihrer Werkstatt deutlich ruhiger zu. Allerdings mache sie hier die Erfahrung, dass viele nicht den Unterschied zwischen Preis und Wert kennen: 350 Euro für eine Bluse, die jemand im Laden gesehen und nachgenäht haben will? „Viele Aufträge erledigen sich da ganz von selbst“, sagt sie trocken.

Auf Honorarbasis arbeitet sie weiterhin für das Musical-Theater

„Aber das Geschäft geht mir nicht aus“, ist sie sich sicher – schon alleine deswegen, weil sie weiterhin stunden- oder tageweise auf Honorarbasis beim Stuttgarter Musical-Theater in der Schneiderei aushilft. Zuletzt musste sie zum Beispiel dabei unterstützen, die Ausstattung für die Zweitbesetzung von „Tarzan“ zu schneidern und die schon durch die Probenarbeit stark beanspruchten Affenkostüme zu flicken. Schließlich wäre es ja eine Affenschande, wenn die Gorillas auf der Bühne plötzlich ohne Fell dastünden.

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