Hat die Anthroposophie eine offene Flanke nach rechts? Wieder einmal muss sich die Waldorfszene mit der Frage der Abgrenzung zum Rechtsextremismus befassen. Anlass ist eine Veranstaltung, die am kommenden Freitag im Rudolf-Steiner-Haus auf dem Campusgelände an der Stuttgarter Uhlandshöhe stattfinden sollte. Der Buchautor und Esoteriker Axel Burkart sollte dort auf Einladung der Anthroposophischen Gesellschaft (AG) Stuttgart über „Die spirituellen Hintergründe des aktuellen Zeitgeschehens“ sprechen. Am Samstag wollte er die Erkenntnisse in einem Tagesseminar vertiefen. Kurzfristig wurden beide Veranstaltungen am Mittwochmorgen nun abgesagt.
Ausschlaggebend dürfte dafür ein am Dienstag eilends verfasster Brief der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) der Freien Waldorfschulen gewesen sein. Darin fordern die Vertreter der rund 50 Waldorfschulen im Land unmissverständlich die Absage der Veranstaltung und eine klare Distanzierung. „Wie kann es sein, dass eine Person, deren Wirken im rechtsradikalen Milieu bekannt ist, überhaupt eingeladen wird?“, heißt es darin.
Axel Burkart sieht sich als Opfer der Linken
Burkart betreibt in Bad Reichenhall eine anthroposophische Akademie. Seine Vorträge im Internet über die „spirituelle Aufgabe Mitteleuropas“, das „Geheimnis der Seele“ oder den Klimawandel, den er für einen „Klimaschwindel“ hält, sind zehntausendfach geklickt. Seine Bücher veröffentlicht er im rechtsesoterischen Kopp-Verlag. Vom Magazin „Compact“, das der Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextrem“ einordnet, werde er beworben, sagt der Waldorf-kritische Blogger Oliver Rautenberg. Er verweist auf Postkarten, die Burkart vertreibt.
Darauf ist eine Hand mit spitzen Fingernägeln zu sehen, welche die Wissenschaft, die Presse und die Wirtschaft wie Marionetten lenkt – eine an antisemitische Karikaturen der Nazizeit erinnernde Darstellung, wie Rautenberg meint.
Auch in anthroposophischen Kreisen ist der Bayer umstritten. Im weit verbreiteten Waldorf-Magazin „Erziehungskunst“ wird er als Vertreter der Neuen Rechten einsortiert. „Für deren krude Argumentation muss Steiners Esoterik herhalten“, heißt es dort. Burkart selbst sieht sich als Opfer der gegenwärtigen Angriffe auf die Anthroposophie. „Es herrscht ständig Angst vor der Presse.“ Hier seien „linksideologische Tendenzen“ am Werk. Er sei aber nur Wissenschaftler.
Anthroposophen streiten intern miteinander
Offenbar teilen auch Stuttgarter Anthroposophen diese Meinung. Die Stuttgarter AG habe die Veranstaltung aufgrund von Anfragen aus dem Mitgliederkreis ins Programm genommen, sagt Matthias Niedermann. Er ist Sekretär des ebenfalls in Stuttgart angesiedelten AG-Bundesvorstands. Dort sei die Veranstaltung vor einer Woche auf den Radar gekommen. Man habe sofort gewarnt – zunächst aber offenbar vergeblich.
Interessant ist, dass die Stuttgarter AG mit Burkart vor Kurzem noch vor Gericht stritt. Es ging um die Namensrechte an Rudolf Steiner. Das Verfahren endete mit einem Vergleich. Burkart sagte zu, „Rudolf Steiner“ aus dem Namen seiner Akademie zu streichen. Der heftige Protest aus den Waldorfschulen hängt damit zusammen. Denn bei dem Streit war es darum gegangen, dass sich Burkart nicht an der „Stuttgarter Erklärung“ orientiere, mit der sich die Waldorfschulen von Rassismus und Diskriminierung distanzieren. Die Einladung an Burkart sei „ein Schlag ins Gesicht all derjenigen, die für eine klare Abgrenzung gegenüber rechten und rechtsradikalen Kreisen eintreten“, heißt es daher im Brief der LAG. „Mit einer solchen Veranstaltung wird der Öffentlichkeit gezeigt, dass sich rechtes Gedankengut mit der Anthroposophie scheinbar gut vereinbaren lässt. Dem widersprechen wir entschieden.“
Der Antisemitismusbeauftragte Michael Blume warnt
Was für die Waldorfschulen auf dem Spiel steht, zeigt die scharfe Reaktion des baden-württembergischen Antisemitismusbeauftragten Michael Blume (CDU). Er warnte die AG davor, Bühnen für Verschwörungserzähler wie Burkart zu bieten. Sonst müsse er den „freundlichen, aber kritischen Dialog“ beenden und darüber Landtag und Landesregierung informieren.
Dies könnte die Position der Waldorfschulen als staatlich anerkannte Ersatzschulen infrage stellen. Burkart hält die staatliche Schulaufsicht ohnehin für ein Übel. „Solange es Staatsschulen gibt, wird es keine Freiheit im Geist geben und so lange sind wir manipulierbar“, sagt er in einem Internetvideo, dessen Titel wie der in Stuttgart geplante Vortrag heißt.
Für Christoph Sander, den Landessprecher der Waldorfschulen, überschreitet er damit eine rote Linie. „Spätestens bei der Infragestellung der staatlichen Aufsicht bin ich raus“, sagt Sander.
War Rudolf Steiner ein Rassist?
Gründung
Die erste Waldorfschule der Welt wurde 1919 als freie Schule für die Kinder der Arbeiter der Zigarettenfabrik Waldorf-Astoria in Stuttgart gegründet. Als erster Schulleiter wurde Rudolf Steiner (1861-1925) berufen. Zuvor hatte er sich für die Überwindung autoritärer Gesellschaftsstrukturen eingesetzt.
Ideologie
Inwiefern Steiners anthroposophische Geisteswissenschaft von Rassismus durchzogen ist, wird unterschiedlich beurteilt. 2007 kamen zwei seiner Vorträge auf den Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften. Steiner verwendete Begriffe wie „Wurzelrasse“, die heute zurückzuweisen sind. Er war nicht frei von den Ressentiments seiner Zeit. Von Juden erwartete er die Assimilation.
Standort
Das Stuttgarter Schulgelände befindet sich oberhalb der Staatsgalerie. Dort ist auch die Anthroposophische Gesellschaft mit dem Rudolf-Steiner-Haus beheimatet.