Ärzteversorgung im Kreis Ludwigsburg Warum zwei junge Ärzte aufs Land ziehen

Das neue Ultraschallgerät ist schon da, Maximilian Schiedeck (links) steigt im April ein. Bis dahin leitet Armin Omerčević die Hausarztpraxis in der Marbacher Altstadt alleine. Foto: Simon Granville

In Affalterbach hat zum Jahresende überraschend ein Allgemeinmediziner aufgehört. Das ist kein Einzelfall im Landkreis Ludwigsburg. Doch es gibt auch junge Nachwuchsmediziner, die ganz bewusst aufs Land gehen. Ein Beispiel.

Ludwigsburg: Karin Götz (kaz)

Schon wieder eine Hausarztpraxis im Landkreis weniger. Zumindest für den Moment. Peter Schlotzer hat seinen Dienst zum 31. Dezember beendet. Wer die Praxis in Affalterbach telefonisch erreichen möchte, wird von ihm über seine Entscheidung aufzuhören via Tonband informiert. Seit 1998 versorgte der Allgemeinmediziner, der krankheitsbedingt aufgehört hat, Groß und Klein am Apfelbach. Dass damit Schluss ist, hat viele überrascht. Auch Bürgermeister Steffen Döttinger. Gleichwohl sei er sich des Privilegs bewusst, das die Affalterbacher bislang hatten, sagt er. Denn am Ort gebe es eine weitere Hausarztpraxis und damit eine ärztliche Versorgung, von der manch andere Kommune nur träumen könne.

 

Pflegedienst statt Praxis

Etwa die Rielingshäuser. Im Herbst hatte Ursula Gierath nach 34 Jahren ihre Praxis im Marbacher Stadtteil geschlossen. Altershalber. Die Suche nach einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin blieb erfolglos. Inzwischen ist ein Pflegedienst in die Räume eingezogen.

Formal übernommen hat Jürgen Wirth den Arztsitz der Kollegin. Er kümmert sich in der Kernstadt auch um ihre Patienten. In ein bis eineinhalb Jahren möchte der 66-Jährige höchstens noch in Teilzeit praktizieren, und kommt es so, wie Wirth vermutet, wird er nicht der Einzige sein, der in absehbarer Zeit in Marbach und drumherum den Arztkittel an den Nagel hängt. Allerdings haben sowohl Michael Herzog als auch Andrea Roderfeld für ihre Patienten vorgesorgt. Herzog möchte 2026 seine Praxis an den Sohn übergeben, der schon jetzt mit im Boot ist. Roderfeld hat zum Jahresende aufgehört und in der Praxis hat seit vergangener Woche Armin Omerčević das Sagen.

In Affalterbach versucht Bürgermeister Steffen Döttinger so gut es geht, die Werbetrommel für einen neuen Arzt oder eine neue Ärztin zu rühren. Die Praxis liegt im Untergeschoss des Rathauses. Bei der Miete würde man einem Nachfolger beziehungsweise einer Nachfolgerin entgegenkommen, versichert er. Ebenso bei der Suche nach einem Bauplatz oder einer Wohnung. „Die weichen Standortfaktoren in Affalterbach sind gut. Es hat Parkplätze vor der Tür, die Apotheke ist gegenüber“, wirbt er.

Gleichwohl weiß der Verwaltungschef, der bereits Kontakt mit dem Klinikum aufgenommen hat, dass es immer weniger Mediziner aufs Land zieht. „Früher wollten Ärzte raus aus Kliniken und ihre eigene Praxis aufmachen, aber heute ist das nicht mehr so. Der Landarzt vom alten Schlag ist ein Auslaufmodell“, sagt Döttinger.

Gemeinschaftspraxis beliebt

Kai Sonntag, Leiter der Stabsstelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg bestätigt diese Einschätzung. Es gebe ein Problem mit der hausärztlichen Versorgung, aber es sei keine Frage zwischen Stadt und Land. „Wir haben zwar junge Medizinerinnen und Mediziner, die sich für den Hausarztberuf entscheiden, aber das reicht nicht aus, um die Lücken zu füllen.“ Vor allem sei es schwierig, für eine (Einzelarzt-)Praxis einen Nachfolger zu finden. „Die jungen Mediziner wollen eher in ein Angestelltenverhältnis und eher in Teilzeit tätig sein. Und wenn Praxisverantwortung, dann eher nicht in einer Einzelarztpraxis, sondern in einer Gemeinschaftspraxis.“

So wie Armin Omerčević und Maximilian Schiedeck. Eine Praxis allein zu führen, käme für keinen der beiden in Frage. Auch wenn sie sich mit der Selbstständigkeit einen Traum erfüllen. Die beiden Männer verbindet seit der Schulzeit auf dem Friedrich-Schiller-Gymnasium in Ludwigsburg eine enge Freundschaft. Noch arbeitet Maximilian Schiedeck als Oberarzt am Klinikum Stuttgart, im April steigt der 35-Jährige dann in die Praxis im Ärztehaus ein.

Im gemeinsamen Studium, als es an die Doktorarbeit ging, kam die Idee auf, sich mit einer Praxis selbstständig zu machen. Im Sommer 2022 wurde Omerčević auf den frei werdenden Arztsitz in Marbach aufmerksam, und am Ende klappte alles so, wie es sich die Mediziner vorgestellt hatten. Aus der einstigen Einzelpraxis wird im April eine Gemeinschaftspraxis.

Die Klinikarbeit möchten beide nicht missen. Den zig Nacht- und Wochenenddiensten und dem damit verbundenen Stress weinen die Familienväter jedoch nicht nach. „Natürlich ist mir klar, dass eine eigene Praxis ein enormer Zeitaufwand und ein betriebswirtschaftliches Risiko sind“, sagt Omerčević, „aber wir haben auch vieles selbst in der Hand.“

Mindestens ebenso wichtig ist ihnen der enge Kontakt zu den Patienten und deren Begleitung über einen längeren Zeitraum hinweg. Das liege aber nicht jedem, wissen die beiden aus Gesprächen mit Kollegen und Kolleginnen. „Als Hausarzt musst du dich mit deinen Patienten unterhalten. Du kannst dich nicht hinter Geräten verstecken“, sagt Omerčević. Der ganzheitliche Ansatz, eine gute Kommunikation, das Erklären und Verständlichmachen medizinischer Sachverhalte und das Festlegen von Therapiezielen mit dem Patienten – für Maximilian Schiedeck und Armin Omerčević sind das nicht nur die Leitlinien ihrer Arbeit, sondern ist auch ihre Motivation.

Verteilung von Arztsitzen

Arztsitze
Im Mittelbereich Ludwigsburg/Kornwestheim, zu dem Affalterbach zählt, waren nach der Berechnung der Kassenärtlichen Vereinigung (KV) Ende Oktober 3,5 Arztsitze frei. Im Bereich Bietigheim-Bissingen/Besigheim gibt es 16 offene Sitze und in Vaihingen/Enz 6,5 Sitze. Macht 26 freie Sitze im mit rund 550 000 Einwohner starken Landkreis. Im Vergleich: Im Rems-Murr-Kreis gibt es derzeit 53 Lücken. Allerdings hat der Landkreis auch rund 70 000 Einwohner weniger.

Verteilung
Die KV greift, was die räumliche Verteilung angeht, nicht steuernd ein, betont KV-Sprecher Kai Sonntag. „ Die Sitze sind in dem Mittelbereich, so dass sich die Ärzte auch innerhalb des Mittelbereichs niederlassen können.“

Weitere Themen