AfD-Spitzenkandidat Professor an der Hochschule in Kehl Vor den Studenten ist das Parteiamt tabu

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AfD-Spitzenkandidat Jörg Meuthen unterrichtet an der Hochschule für Verwaltung in Kehl künftige Bürgermeister – eine Doppelrolle, die der Hochschule kritische Nachfragen beschert.

Seit sich    Professor Jörg Meuthen bei der Alternative für Deutschland (AfD) engagiert, ist auch die  Verwaltungshochschule in Kehl  mit kritischen Fragen konfrontiert. Foto: dpa
Seit sich Professor Jörg Meuthen bei der Alternative für Deutschland (AfD) engagiert, ist auch die Verwaltungshochschule in Kehl mit kritischen Fragen konfrontiert. Foto: dpa

Kehl - An seinen Studenten Ulrich Heckmann kann sich Professor Jörg Meuthen (54) auch nach vielen Jahren noch ganz gut erinnern. Schon damals sei der ein kritischer Kopf gewesen, der vieles hinterfragt habe – so wie er das eigentlich schätze bei den jungen Leuten, die an der Hochschule für öffentliche Verwaltung in Kehl ihre Ausbildung absolvieren. Seit 1997 ist der Volkswirt Meuthen dort Professor – und zudem Studiendekan – an der Fakultät für Wirtschafts-, Informations- und Sozialwissenschaften.

Auch Heckmann (45), diplomierter Verwaltungswirt und seit Langem als Wahlkampfberater von Bürgermeistern und Abgeordneten etabliert, hat manches von Meuthen „heute noch in bester Erinnerung“. „Ich habe sehr gerne bei Ihnen studiert und tatsächlich auch viel von Ihnen volkswirtschaftlich lernen dürfen“, schrieb er ihm unlängst.

Dann schlug der Ton des Briefes (Betreff: „Ihr Engagement in der AfD“) jäh um. „Aber ich schäme mich dafür, dass Sie sich in einer Partei . . . engagieren, die sich rechte Parolen zu eigen macht und den Konsens, dass Nationalismus in unserem Land keinen Boden erhalten darf, verweigert“, fuhr Heckmann fort. Sein kurzes Fazit: „Schade darum!“

Der AfD-Mann spricht von „vorsichtiger Anerkennung“

Ein „richtig böser Brief“ wie der des Bruchsalers Heckmann – das sei dann doch die Ausnahme, sagt der Karlsruher Meuthen. Direkte Missbilligung für seine Rolle bei der Alternative für Deutschland, wo er nach dem Beitritt 2013 dieses Jahr zum Bundessprecher und Spitzenkandidaten für die Landtagswahl in Baden-Württemberg avancierte, erfahre er im beruflichen Umfeld sonst eigentlich keine. Die Resonanz sei eher „vorsichtige Anerkennung“ - etwa nach dem Motto „Sie trauen sich aber was“ oder „Sie laden sich ja was auf“.

Umso mehr sieht sich die Hochschule Kehl mit kritischen Fragen konfrontiert, seit Meuthen Parteikarriere macht. Angehende Bürgermeister auszubilden und gleichzeitig an exponierter Stelle für die AfD aktiv zu sein – wie passe das denn zusammen? Werde Kehl jetzt zu einer Kaderschmiede für Rechte?, erkundigte sich kürzlich allen Ernstes ein französischer Journalist. War bisher vor allem die Schwesterhochschule in Ludwigsburg wegen der internen Dauerturbulenzen in den Schlagzeilen, gerät nun auch Kehl in den Fokus der Medien – allerdings ohne eigenes Zutun.

Die Doppelfunktion ist rein formal nicht problematisch

Formal ist Meuthens Doppelfunktion kein Problem. Als Beamter hat er seine Rechte und Pflichten – unter anderem zu einer gewissen Zurückhaltung – , und die AfD ist zwar umstritten, aber nicht verfassungswidrig. Schon früh hat ihn der Rektor Paul Witt gebeten, die Parteiarbeit so zu gestalten, dass der Hauptberuf nicht darunter leidet. Klagen darüber gibt es keine. Trotz des zeitintensiven politischen Engagements, hört man, sei der Professor (mit vollem Deputat) uneingeschränkt an der Hochschule präsent. Weder fielen Stunden aus, noch fehle er in Besprechungen.

Auch über Indoktrination oder gar Wahlwerbung habe sich noch niemand beschwert. Beruf und Partei trenne er strikt, beteuert Meuthen. Manchmal werde versucht, ihn in politische Diskussionen zu verwickeln; das wehre er aber gleich ab. Er habe „keinen Anlass zu zweifeln“, bestätigt Rektor Witt, dass Meuthen seine Dozententätigkeit und die parteipolitischen Aktivitäten sauber auseinanderhalte.

Gleichwohl ist ein Unbehagen spürbar, an der Hochschule und in deren Umfeld. Der Vorsitzende des „Vereins der Freunde“, der frühere Ortenauer Landrat Klaus Brodbeck, formuliert es so: Er finde es „schon irritierend“, dass sich Meuthen „ausgerechnet für diese Partei hergibt“. Die inhaltlichen Akzente der AfD passten so gar nicht zum Profil der Beamtenschmiede.

Das Engagement im Landtagswahlkampf ist zeitlich begrenzt

Beispiel Europa: Die Hochschule hat sich in den letzten Jahren immer mehr internationalisiert, pflegt viele Kontakte über Grenzen hinweg. Die Alternative für Deutschland dagegen lebte lange von der Euroskepsis ihrer Unterstützer; auch Meuthen hat die Gemeinschaftswährung schon früh kritisch gesehen.

Beispiel Flüchtlinge: der Protest gegen den Kurs von Angela Merkel, dem Meuthen eloquent Ausdruck gibt, soll die AfD 2016 in den Stuttgarter Landtag tragen. Die Hochschule dagegen stellt, nach den Worten des Rektors, „Solidarität und Menschlichkeit“ in den Vordergrund. In Sonderseminaren unterstützt sie die Verwaltungen von Land und Kommunen bei der Bewältigung des Zustroms; auch ein Bewerbertraining für Flüchtlinge fördert sie. Demnächst könnte auf ihrem Areal sogar eine Aufnahmestelle für Flüchtlinge entstehen, das wird gerade noch sondiert. Der Kontrast zum AfD-Vormann Meuthen würde dann noch deutlicher sichtbar.

„Die Hochschule wird das aushalten“, sagt der Freundeskreis-Vorsitzende Brodbeck. Zumal es um einen überschaubaren Zeitraum geht. Zwei volle Jobs mit 16-Stunden Tagen – das schaffe er, sagt Meuthen, „eine gewisse Zeit“, bis zum Wahltag im März. Dann aber hofft er, in den Landtag einzuziehen und in Kehl beurlaubt zu werden. Seinem einstigen Studenten Heckmann, der an ihm „sein Mütchen gekühlt“ habe, hat er übrigens nicht zurückgeschrieben. Begründung: schon aus Zeitgründen könne er „nicht allen antworten“.