Affäre um Cohn-Bendit Gefangen in den Fallen der 68er

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Die Verleihung des Theodor-Heuss-Preises am Samstag an den Grünen Daniel Cohn-Bendit ist heftig umstritten. Aber wie sah der gesellschaftliche Hintergrund aus, vor dem Cohn-Bendit einst seine heute pädophil wirkenden Aussagen machte?

Die heute pädophil wirkenden Äußerungen Daniel Cohn-Bendits haben für heftige Reaktionen gesorgt. Foto: dpa-Zentralbild 17 Bilder
Die heute pädophil wirkenden Äußerungen Daniel Cohn-Bendits haben für heftige Reaktionen gesorgt. Foto: dpa-Zentralbild

Stuttgart - Äußerungen von Daniel Cohn-Bendit von 1975 und 1982 über das „Fantastische“ der kindlichen Sexualität – die StZ berichtete – haben viele Leser schockiert. Vielfach wird auf die 70er Jahre als Erklärung verwiesen, die geprägt waren von der sexuellen Revolution. Cohn-Bendits Äußerungen, die er heute als „unerträglich“ und „Fehler“ einschätzt, können durch die damalige Zeit nicht entschuldigt werden, aber sie zu erläutern, könnte helfen, das Unsägliche einzuordnen. „Die sexuelle Revolution war Teil einer kulturellen Revolution und eine Antwort auf die Prüderie der Adenauer-Zeit“, sagt der emeritierte Tübinger Erziehungswissenschaftler Ulrich Herrmann. Da gab es „schockierende“ Nacktbilder der Kommune 1 und es gab eine „sexuelle Libertinage“. Oswalt Kolles Aufklärungsfilme waren ein Riesenerfolg.

Während sich die klassische Pädagogik um das Erlernen von Geschlechterrollen bemühte, startete in den 70ern das neue Fach Sexualkunde. Im linken Milieu wurde freier Sex debattiert und praktiziert, es gab die Pille. „Von dort schwappte die sexuelle Revolution in Schulen und Kinderläden“, sagt Herrmann. Da gab es „Verirrungen“, was man aber trennen sollte von sexualisierter Gewalt, Missbrauch und Pädophilie. Auch wurde „mit Kindern experimentiert“, sagt Herrmann, angeblich im Namen des Kindeswohls, tatsächlich „verantwortungslos“.

Man zeigte Poster von nackten Jugendlichen im Unterricht

Dass es eine kindliche Sexualität gibt, das hatten schon im 18. Jahrhundert Pädagogen in der Debatte über Onanie erörtert, dann machte Sigmund Freud sie zum Thema und sie wurde in den 60ern mit der Psychoanalytischen Pädagogik wiederentdeckt. In den 20er Jahren hatte es bereits eine „normale“ Sexualaufklärung gegeben, die sich unter dem Begriff Volkshygiene um die Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten sorgte. Der Rückschritt kam dann in der NS-Zeit.

Herrmann sieht die Gefährdung moderner Sexualkunde in jüngster Zeit mit der Entstehung des Internets und seinen Verbreitungsmöglichkeiten gegeben. Er sieht da eine Herausforderung für die Medienpädagogik.

Auch die Pädagogin Katharina Zeller von der Tübinger Initiative für Mädchenarbeit kann über den Wertewandel berichten. Zeller, Jahrgang 1952, war Lehrerin von 1978 bis Ende der 80er Jahre und anfangs sei es im Sexualkundeunterricht vorgekommen, dass man Poster von nackten Jugendlichen im Unterricht zeigte, die gehörten zum didaktischen Material. „Das war überhaupt kein Thema, heute würde man das nicht mehr machen.“ Irgendwann fand sie die Bilder im Schrank, sie habe sie sofort weggeschmissen. Früher sei in linken Kreisen Günter Amendt mit seinen freizügigen Thesen „wie eine Bibel“ gelesen worden. Gerichte stellten später kinderpornografische Fotos in Amendts „Sex-Buch“ fest. Spätestens Mitte der 80er Jahre fand ein Umdenken statt, man wurde sensibler, sagt Zeller. Es wurden die ersten Beratungsstellen bei sexueller Gewalt an Kindern gegründet. „Wir machen bei Elternabenden heute deutlich, wo die Grenze von Zärtlichkeit zu sexuellem Missbrauch liegt und wo sie überschritten wird.“

Der Verein Glasbrechen fordert Absage der Preisvergabe

Aber wie ist der Fall Cohn-Bendit heute zu bewerten? Manche Experten äußern nur hinter vorgehaltener Hand Verständnis für Erklärungsversuche, wie die von Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Der Verein Wildwasser in Stuttgart betont, dass Cohn-Bendits 1975 geschildertes Verhalten in einem Kinderladen „nach heutigen Erkenntnissen als sexuell übergriffiges Verhalten zu bewerten ist“. Man würde sich wünschen, dass der Grüne die Preisvergabe nutzt, um sich „nochmals deutlich“ zu distanzieren und korrigieren, sagt Geschäftsführerin Marie-Luise Stöger: „Seine bisherigen Äußerungen reichen nicht.“ Kritischer ist der Verein Glasbrechen, der Opfern sexuellen Missbrauchs in der Odenwaldschule hilft. Er fordert eine Absage der Preisvergabe, alles andere wäre „ein Affront gegen die Opfer sexuellen Missbrauchs und eine nachträgliche Bagatellisierung der pädophilen Aussagen eines Politikers“.