Afrikaner in Deutschland sind dieser Tage in aller Munde – aber nicht so, wie es sich die Afrika-Engagierten aus Ludwigsburg wünschen würden. Denn die Afrikatage, die sie Ende Oktober nach Corona wieder im größeren Stil ausrichten, wollen Ludwigsburg als weltoffene Stadt feiern, die gute Kontakte nach Burkina Faso pflegt, und den Kontinent Afrika in seiner Vielfältigkeit ins Scheinwerferlicht rücken. Und überdies mit Unterstützung des Staatsministeriums einen Panafrikanischen Rat für Baden-Württemberg gründen – im Rahmen einer Tagung von afrikanischstämmigen Vertreterinnen und Vertretern von Vereinen und Initiativen aus dem ganzen Bundesland, die im Kulturzentrum zusammenkommen.
Dass sich die Wahrnehmung der 55 Staaten hierzulande oft auf ein Konglomerat aus Krisen – Kriege, Krankheiten und Korruption – verengt, werde Afrika nicht gerecht, mahnen Yodit Aiemut und Saliou Gueye vom Verein Afrika hilft Afrika und Konrad Seigfried und Susanne Karstedt vom Förderkreis Burkina Faso. Wer aktuell nur an die Krawalle in Stuttgart denke, tappe exakt in diese Eindimensionalitäts-Falle, warnt Seigfried. „Was hat zum Beispiel Eritrea mit Burkina Faso zu tun?“ Gueye stellt klar: „Es ist uns wichtig, ein differenziertes Bild zu vermitteln. Viele Leute denken pauschal, die Afrikaner seien unfähig und kriegen es nicht gebacken.“
Yodit Aiemut, die selbst eritreischer Abstammung, aber in Deutschland aufgewachsen ist, sagt zu den Ausschreitungen am Samstag: „Die Menschen aus der eritreischen Community, mit denen ich Kontakt habe, sind natürlich sehr entsetzt über den Vorfall. Ich bin sehr lange in Deutschland und habe noch nie so viel Gewalt gegen meine Landsleute erlebt wie in dieser Zeit.“ Sie glaube nicht, so Aiemut, dass diese Gewalttat gegen das Regime in Eritrea gerichtet gewesen sei, sondern gegen Eritreer, die in Europa ihrer Kultur und Sprache einen Platz einräumen wollten. Dass die „inakzeptablen Krawalle“ in Stuttgart auf die Ludwigsburger Afrikatage abfärbten, fürchte sie aber nicht.
Die Afrikatage – mittlerweile ist es die 13. Auflage und die erste nach Corona, die auch wieder mit einer großen Abschlussgala endet – thematisieren die gewaltigen Probleme des Kontinents nichtsdestotrotz. Etwa in der Podiumsdiskussion „Was die Lage in der Sahelzone so gefährlich macht“ am 27. Oktober, die Militärputsche, brutale Gewalt, Flüchtlingsströme und Hungerkrisen aufgreift. Darüber diskutieren Olaf Bernau, Autor des Buches „Brennpunkt Westafrika“, Barthélemy Sawadogo aus Burkina Faso, Koordinator der Klimapartnerschaft zwischen Ludwigsburg und Kongoussi, und Daniel Djedoubou aus dem Tschad, beim Friedensdienst Eirene für die Sahelregion zuständig.
Eindrücke von sehr anderen Lebenswirklichkeiten
Ein Filmabend im Caligari-Kino widmet sich zwei Tage zuvor, am 25. Oktober, einem düsteren Kapitel der deutsch-afrikanischen Geschichte: „Der vermessene Mensch“ von Lars Kraume behandelt den Genozid an den Herero und Nama, den die „Deutsche Schutztruppe“ in der Kolonie „Deutsch-Südwestafrika“ – dem heutigen Namibia – begangen hat.
Um auch den an Schulen oft vorherrschenden eurozentristischen Blick aufzufächern, haben die Organisatoren zudem den Kontakt zur nächsten Generation gesucht. Es gibt Workshops und Projekte mit der Justinus-Kerner-Schule, der Osterholzgrundschule, dem Mörike- und dem Goethe-Gymnasium. „Wir haben einen Lehmbauer gefunden, der mit den Schülern Lehmöfen macht“, erzählt Konrad Seigfried. Auch erhalten die Heranwachsenden im unbefangenen Gespräch Eindrücke von sehr anderen Lebenswirklichkeiten. „Damit haben wir schon bei den letzten Afrikatagen total gute Erfahrungen gemacht“, sagt Saliou Gueye.
Das Burkinische Dorf beim Rathaushof – bei schlechtem Wetter wird das Ganze ins Kulturzentrum verlegt – rückt ebenfalls in den Blickpunkt. Ludwigsburg baute 2006 mit der französischen Partnerstadt Montbéliard eine Entwicklungspartnerschaft mit Kongoussi in Burkina Faso auf. Der 2008 zur Unterstützung gegründete Förderkreis engagiert sich dort mit Projekten, etwa einer eigenen Berufsschule. „Wir freuen uns, dass wir zu den Afrikatagen auch Besucher aus Kongoussi haben, die aus eigener Anschauung erzählen können“, so Konrad Seigfried, der seinerseits mit Besuchen in der Region eindrückliche Erinnerungen verbindet. Am 28. Oktober kommen beim Burkinischen Dorf Jochen Faber und das Burkina-Faso-Komitée des Mörike-Gymnasiums ins Spiel, zudem gibt es einen Djembe-Kurs.
„Wenn er als afrikanischer Bruder kommt, warum denn nicht?“
Etwas nervös sind die Organisatoren wegen des Gala-Abends am Abend des gleichen Tages. Ob es gelingen wird, an die früheren rauschenden Feste anzuschließen? Aiemut, Karstedt, Saliou und Seigfried schwanken zwischen Hoffen und Bangen. „Es ist schwer einzuschätzen, wofür die Menschen ihr Geld noch ausgeben“, sagt Susanne Karstedt. Seit Corona sei die Sicherheit, dass so ein Abend – dessen Gewinn gespendet wird – ein volles Haus bedeute, weg. Dabei seien 25 Euro für ein aufwendig vorbereitetes Buffet mit afrikanischen Köstlichkeiten, Live-Musik und Partytime mit DJ eigentlich ein klasse Preis.
Würden die afrikanischstämmigen Menschen es eigentlich als kulturelle Aneignung empfinden, wenn nicht nur sie selbst in ihren nationalen Trachten kämen, sondern zum Beispiel auch Konrad Seigfried mit einem geschenkten Gewand aus Burkina Faso? „Das ist Ansichtssache. Aber wenn das als Geste gedacht ist, wenn er als afrikanischer Bruder kommt, warum denn nicht?“, sagt Saliou Gueye. „So etwas wird eher unter Weißen diskutiert“, meint Yodit Aiemut. „Uns beschäftigen andere Themen.“
13. Afrikatage mit Galafinale
Die Afrikatage
Die Afrikatage finden vom 25. bis zum 28. Oktober an verschiedenen Veranstaltungsorten in Ludwigsburg statt. Details gibt es auf der Website des Vereins Afrika hilft Afrika unter www.afrika-hilft-afrika.org. Die Initiative wurde 2011 von Menschen aus den verschiedensten Ländern Afrikas gegründet und hat ihren Sitz im Landkreis Ludwigsburg.
Die Abschlussgala
Nach mehreren Jahren Unterbrechung bildet der Afrika-Gala-Abend im Saal des Ludwigsburger Ratskellers, der am Samstag, 28. Oktober, um 19.30 Uhr beginnt, den Abschluss der Afrikatage. Für 25 Euro gibt es Musik aus Afrika mit Bakari Koné & Band und Selam Areya, ein großes Buffet mit afrikanischen Spezialitäten, eine Tombola und gegen später Partytime mit DJ. Um besser planen zu können, bitten die Veranstalter um Kartenvorbestellungen beim Verein Afrika hilft Afrika unter info@afrika-hilft-afrika.org oder Telefon 01 72 / 346 78 23.