Agrarexperte im Interview: „Fleisch und Milch sollten teurer werden“

Artgerechte Tierhaltung braucht Platz und Geld, meinen Experten. Foto: dpa/Peter Gercke

Alle wollen mehr Tierwohl und nachhaltig bewirtschaftete Böden. Doch nur wenige wollen für bessere Produkte mehr bezahlen. Das muss sich ändern, sagt der Agrarwissenschaftler Achim Spiller.

Berlin - Zukunftsfähige Landwirtschaft, nachhaltige Bewirtschaftung und Tierwohl funktioniert nur, wenn den Landwirten mehr Geld zur Verfügung steht. Da sind die Verbraucher gefragt, sagt Achim Spiller von der Uni Göttingen.

 

Herr Spiller, quer durch die Republik gibt es Bauern-Demos, an diesem Montag lädt Kanzlerin Merkel zum Agrargipfel. Agrarpolitik ist ein viel beachtetes Thema geworden. Wie erklären Sie sich das?

Die Proteste von Landwirten zeigen sich mit einer erstaunlichen Wucht. Einer der Gründe ist zweifellos, dass die Gesellschaft stärker als früher kritische Fragen an die Landwirtschaft stellt.

Welche Fragen sind das?

Zum einen geht es um die Tierhaltung mit umstrittenen Eingriffen wie Schwanzkupieren oder betäubungslose Ferkelkastration, zum anderen um den Pflanzenschutz und damit um die Lebensräume von Insekten sowie die Düngung.

Und was sind weitere Gründe?

Bei Landwirten ist das Gefühl sehr verbreitet, dass ihre Arbeit keinerlei Wertschätzung erfährt. Aus Studien wissen wir, dass die Befragten zwar den einzelnen Landwirt sehr wohl schätzen, nicht aber das Agrarsystem als solches. Diesen Unterschied nehmen viele Bauern aber offenbar nicht wahr, sie meinen vielmehr, dass die Gesellschaft ihnen im Grunde die Berechtigung für ihre Arbeit abspricht.

Kann das der Beginn einer Debatte darüber sein, was Landwirtschaft leisten soll?

Diese Debatte ist jedenfalls längst überfällig. Leider hat sich die Branche ihr viel zu lange nicht gestellt. Jetzt gibt es die Chance voranzukommen – aber nur, wenn die Debatte nicht zu stark polarisiert und niemand die Enden mehr zusammenbekommt.

Sehen Sie diese Gefahr?

Leider ja. Auf beiden Seiten gibt es Vertreter, die der jeweils anderen Seite die Redlichkeit absprechen. Das passiert, wenn Bauern die Umweltverbände als unseriöse Akteure abqualifizieren, denen es angeblich nur darum gehe, mit haltlosen Vorwürfen gegenüber der Landwirtschaft Spenden einzutreiben. Umgekehrt passiert es, wenn die Kritiker des Agrarsystems den Bauern unterstellen, allein auf Profite zu setzen und dafür billigend Tierquälerei in Kauf zu nehmen oder die Böden zu vergiften.

Wie sieht eine konstruktive Debatte aus?

Sie muss ein Ziel benennen und einen Gesellschaftsvertrag aushandeln. Wie sollen, sagen wir in 10 oder 20 Jahren, Tierhaltung und Ackerbau aussehen? Wie kann es mehr Tierschutz und mehr Nachhaltigkeit geben? Und davon ausgehend leiten sich dann die konkreten Schritte ab – auch die Frage: Wer soll das bezahlen?

Welche Schritte sind das?

Es ist völlig klar, dass die EU-Agrarsubventionen geändert werden müssen. Und dabei vor allem die so genannten Direktzahlungen, die allein an die bewirtschaftete Fläche anknüpfen. Die machen jedes Jahr in Deutschland rund fünf Milliarden Euro aus. Gut die Hälfte davon geht aber gar nicht an Bauern, sondern an Personen oder Firmen, die Boden besitzen und ihn verpachten. Warum die Bodeneigentümer, die zumeist wohlhabend sind, öffentliches Geld bekommen, versteht kein Mensch. Denn eine bessere Landwirtschaft braucht mehr Geld. Es muss aber den richtigen Empfänger erreichen.

Wozu braucht die Landwirtschaft mehr Geld?

Bessere Tierhaltung geht nur mit modernen Ställen. Das setzt einiges an Investitionen voraus. Und diese Investitionen können nicht allein aus einer Umschichtung der EU-Subventionen kommen.

Welche andere Quelle schwebt Ihnen vor?

Fleisch und Milch werden heute mit sieben Prozent bei der Mehrwertsteuer erfasst. Ich meine, das sollte der reguläre Satz von 19 Prozent sein. Das bringt Mehreinnahmen von zirka fünf Milliarden Euro im Jahr.

Die müsste der Verbraucher bezahlen.

Stimmt. Aber das ist im Interesse einer zukunftsfähigen Landwirtschaft gut zu begründen – und zwar dann, wenn parallel dazu der Staat vorgibt, wie die Haltungsbedingungen im Stall verbessert werden. Die Gesellschaft wünscht ja überwiegend eine bessere Tierhaltung, und die ist teuer. Das ist den meisten Menschen auch klar.

Solange andere Länder miese Bedingungen haben und ihre Ware zu uns liefern, hilft das doch nichts.

Es wäre schwer, im Binnenmarkt gemeinsame Standards zu erreichen. Aber was folgt daraus? Dass man es gar nicht erst versucht? Nein, an der Stelle ist Berlin gefragt, mit anderen EU-Regierungen Normen zu setzen. Frankreich hat es mit sehr viel Engagement und Beharrlichkeit geschafft, bei der Herkunftskennzeichnung einen hohen Standard durchzusetzen. Nach diesem Beispiel müssten Deutschland, Dänemark und die Niederlande in puncto Tierhaltung tätig werden. Von dort kommt heute der Großteil des Fleisches auf den deutschen Markt.

Der 19 Prozent-Satz auf Fleisch könnte Empörung bei den Verbrauchern auslösen. Die Landwirte beklagen, dass die Leute zwar laufend gute Ware verlangen, dafür aber möglichst wenig bezahlen wollen.

Die Wissenschaft weiß schon lange, dass es den so genannten Consumer/Citizen-Gap gibt, das heißt: eine Lücke zwischen dem, was viele als Bürger wollen, als Verbraucher aber nicht tun. Diese Lücke wird sich auch mit einem Tierwohl-Label nie ganz schließen lassen. Das entbindet die Bundesregierung aber nicht ihrer Pflicht, für mehr Tierwohl und Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft einzutreten. Der Markt allein wird das nicht regeln. Studien zeigen, dass 20 Prozent der Bürger kein Fleisch essen oder bereit sind, ihren Fleischkonsum zu senken. Vegetarier können durch ihr Kaufverhalten den Tierschutz nicht fördern. Denn im Umkehrschluss folgt aus der Zahl ja, dass 80 Prozent weiterhin Fleisch essen werden und gerade die Vielfleischesser weniger auf Tierschutz achten.

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