Kritik an seinem Haltungskennzeichen für Schweine sei willkommen, meint Bundesagrarminister Cem Özdemir. Er weiche aber nicht vom Ziel ab, der Tierhaltung in Deutschland eine Zukunft zu geben. Zugleich weitet der Grünen-Politiker den Blick auf Haustiere.
Herr Özdemir, der Bundestag berät nun Ihren Vorschlag für ein Tierhaltungskennzeichen – und das just zu einer Zeit, in der die Inflation bei Lebensmitteln sehr hoch ist. Ist Ihr Vorschlag die richtige Maßnahme zur falschen Zeit?
In der vergangenen Legislaturperiode wäre es einfacher gewesen, den Umbau anzugehen. Die Inflation war sehr niedrig, die Staatskasse gut gefüllt. Nur fehlte der politische Wille, das Richtige zu tun – obwohl die gesellschaftlichen Mehrheiten dafür da waren. Und übrigens auch der Wille vieler Landwirtinnen und Landwirte, die Tierhaltung zu ändern. Aber der Rückblick führt uns heute nicht weiter. Ich bin fest entschlossen, der Tierhaltung in Deutschland eine Zukunft zu geben. Ich kann sehr beharrlich sein, das sollte niemand unterschätzen. Ich nehme aber auch zur Kenntnis, dass manche, die den Umbau fordern, sich nun wieder vom Acker machen, wenn es konkreter wird. Das sind dieselben Widerstände wie in der letzten Legislatur, nämlich von Menschen, die vom bisherigen System profitieren und zum Teil auch im Bundestag saßen.
Der Bauernverband meint, dass sich Ihr Modell nicht rechne. Ein Hof brauche 1500 Schweine, um einen Mitarbeiter bezahlen zu können. Was erwidern Sie?
Konstruktive Kritik, die das Ziel von mehr Tier-, Klima- und Umweltschutz mitdenkt, ist mir herzlich willkommen. Mir fällt übrigens auf, dass ich den einen zu weit gehe und den anderen nicht weit genug. Manche Kritik ist aber wohlfeil. Natürlich braucht ein Landwirt, der seinen Stall umbauen will, zunächst eine verlässliche Planungs- und Investitionsperspektive. Wer Tieren mehr Platz gibt, der wird die anfallenden Mehrkosten nicht gleich am Markt kompensieren können. Deshalb habe ich in der Koalition durchgesetzt, dass wir nicht nur den Umbau finanziell unterstützen, sondern auch bei den laufenden Mehrkosten – und zwar mit Verträgen von bis zu zehn Jahren Laufzeit. Und fraglos müssen künftig neben der Mast auch weitere Lebensabschnitte sowie andere Tierarten und Vermarktungswege einbezogen werden. Die Koalition will deshalb bis Ende März über ein langfristiges Finanzierungsmodell entscheiden. Aber auch wenn noch vieles zu tun ist, bleibe ich dabei: Wichtig ist, jetzt anzufangen und dabei die richtige Grundrichtung einzuschlagen.
Wie sieht die aus?
Öffentliches Geld gibt es nur für öffentliche Leistungen. Das heißt, Steuergeld gibt es für das Ziel: weniger Tiere, die dafür aber besser gehalten werden. Das ist auch gut für das Klima und die Umwelt.
Auf dem Markt sind auch ausländische Firmen aktiv, bei denen Sie nicht wissen, wie die Schweine gehalten worden sind.
Das ändert nichts daran, dass wir in Deutschland tätig werden müssen. Schon heute müssen viele der Schweinehalter aufgeben, weil etwa China als wichtiger Exportmarkt ausgefallen ist und eigene Produktionskapazitäten aufbaut. Zugleich essen die Deutschen immer weniger Fleisch – vor allem bei den Jüngeren ist dieser Trend sehr ausgeprägt. Und dann achten sie darauf, dass sie Fleisch von Tieren essen, die gut gehalten wurden. Also muss es das Ziel sein, dass die Tierhalter hier eine Zukunft haben – und zugleich die Verbraucherinnen und Verbraucher erkennen können, wie das Schwein gehalten wurde. Ich will, dass auch künftig gutes Fleisch aus Deutschland kommt.
Lieferanten aus anderen Ländern unterliegen dem Haltungskennzeichen aber nur, wenn sie dies wollen. Bleibt da nicht eine Lücke, die Ihr Ziel aushebelt?
Nein. Ich habe vergangenes Jahr in Brüssel alle so lange genervt, bis ich die Zusage hatte, dass die Europäische Kommission im ersten Quartal 2023 Pläne für ein Herkunftskennzeichen vorlegt. Das ist übrigens auch eine Forderung der Landwirtinnen und Landwirte. Die Verbraucher werden also auf einen Blick Haltung und Herkunft erkennen können. Das gibt gerade den kleinen und mittleren Höfen in Deutschland die Chance, im Markt bestehen zu können.
Das kommt doch zu spät. Aktuell geben viele Schweinehalter auf.
Das stimmt leider. Und das Schlimme ist: Mancher seit Generationen geführte Hof gibt nicht nur die Tierhaltung auf, sondern macht für immer dicht. Damit will ich mich nicht abfinden. Das zeigt ja, wie dringend der Handlungsbedarf ist. Ich mache also aus gutem Grunde Druck. Das bestehende System sorgt dafür, dass es vor allem kleinere Höfe raushaut. Viele von denen haben schon früh auf mehr Tierwohl gesetzt. Wissen Sie, mich ärgert es, dass CDU/CSU in ihrer Regierungszeit nichts getan haben, aber nun bei jeder Gelegenheit laute Töne anschlagen. Etwas mehr Demut wäre da möglicherweise angebracht.
Von den fünf Millionen Euro Förderung für die Heime, die Tiere von ukrainischen Flüchtlingen aufgenommen haben, wurden nur rund eine Million abgerufen. Vom Tierschutzbund heißt es: Weil die Antragsstellung zu bürokratisch war. Nehmen Sie diese Kritik an?
Nein. Wir haben das Antragsverfahren so unbürokratisch wie möglich gestaltet. Ich glaube, die Probleme der Tierheime liegen grundsätzlich woanders. Wir Bürgerinnen und Bürger müssen uns da an die eigene Nase fassen. In der Coronazeit, aber auch zu Weihnachten werden Tiere verschenkt, als wären sie eine Hose oder ein Hemd. Dann merkt man: Das Tier benötigt Auslauf, verursacht Futter- und Tierarztkosten – und sie werden wieder abgegeben. Tierheime werden auch mit Problemen konfrontiert, die man sich als Außenstehender gar nicht vorstellen kann. Manche Menschen legen sich Tiere zu, die aus meiner Sicht in privaten Haushalten nichts zu suchen haben.
Was für Tiere meinen Sie damit?
Warum braucht jemand etwa anspruchsvoll zu haltende exotische Tiere wie Schlangen oder ein Chamäleon zu Hause? Das habe ich nie verstanden. Die Heime werden diese Tiere nicht los, sie erzeugen hohe Kosten und Aufwand. Als Koalition sollten wir gemeinsam nach Lösungen suchen. Ich kann mir eine Positivliste vorstellen, also eine Auflistung mit Tieren, deren Haltung erlaubt ist. Dafür setze ich mich auf EU-Ebene ein.
Teil der Ernährungsstrategie aus Ihrem Haus ist ein geplantes Werbeverbot für ungesunde Lebensmittel an Kinder. Auf welcher Grundlage wollen Sie Werbung für Kinder denn einschränken?
Wir wissen, dass Werbung einen prägenden Einfluss auf die Essgewohnheiten von Kindern unter 14 Jahren hat. Rund 15 Prozent der Drei- bis Siebzehnjährigen in Deutschland sind übergewichtig, darunter knapp sechs Prozent adipös. In Kindertagen ausgebildetes Übergewicht bleibt oftmals bestehen und erhöht das Risiko für Adipositas und andere ernährungsbedingte Krankheiten. Heute ist es etwa eine Selbstverständlichkeit, dass es keine gesüßten Kindertees mehr gibt – aber als der Gesetzgeber das Verbot plante, gab es zunächst Widerstand. Wir wollen allen Menschen, unabhängig von Einkommen oder Herkunft, ermöglichen, sich in Deutschland gesund zu ernähren.
Welche Rolle spielt dabei Ihre persönliche Lebensgeschichte?
Ich will, dass Kinder anders aufwachsen, als ich das zum Teil erlebt habe. Bei mir in der Schule gab es kein Mittagessen, meine Eltern haben beide in der Fabrik geschichtet. Also habe ich mich jahrelang von Pommes und roter Wurst ernährt.
Moment, der erste vegetarisch lebende Landwirtschaftsminister hat sich jahrelang von roter Wurst ernährt?
Ich bin mit 17 Vegetarier geworden. In der Zeit davor habe ich wahrscheinlich mehr Fleisch gegessen als manche in ihrem gesamten Leben (lacht).
Am Rande der Grünen Woche werden Sie auf der Agrarministerkonferenz auch auf Amtskollegen aus Afrika treffen. Was entgegnen Sie denen, wenn sie fordern, dass sich Deutschland bei der sogenannten grünen Gentechnik bewegt, damit der globale Süden seine Bevölkerung besser versorgen kann?
Mein Ministerium veranstaltet nun zum zwölften Mal das Global Forum for Food and Agriculture (GFFA) – das ist sozusagen das Davos der Landwirtschaft. Rund 80 Länder werden hochrangig vertreten sein. Ich werde in die Gespräche nicht mit der Meinung herangehen, dass ich alles besser wüsste. Aber ich will hier einmal mit einem Gerücht aufräumen. Die Forschung zu neuen gentechnischen Verfahren ist nicht verboten. Allerdings gelten in der EU bislang strenge Regeln für die Anwendung von Gentechnik. Und zur Wahrheit gehört, dass selbst die größten Optimisten sagen, dass die neuen Verfahren in frühestens zehn Jahren so weit sind. Für mich stellt sich die Frage: Was machen wir in der Zwischenzeit? Die Hände in den Schoß zu legen ist keine Option. Vergessen wir nicht: Der Hunger ist dort am größten, wo die Klimakrise heute schon voll zuschlägt. Ich rate dringend dazu, nicht so zu tun, als würde in der Zukunft irgendetwas erfunden, was alle Probleme auf einmal löst. Das ist mir zu esoterisch. Wenn wir ernsthaft etwas gegen den Hunger tun wollen, dann bekämpfen wir mit allen Mitteln die Klimakrise. Funktionierende Ökosysteme sind die Grundlage für die Landwirtschaft und die globale Ernährungssicherung.
Ihre Familie gibt Ihnen immer Aufträge, was Sie einkaufen oder von Besuchen mitbringen sollen. Passt der Wunschzettel für die Grüne Woche noch auf ein DIN-A4-Blatt?
Also über Schnaps würde sich zumindest mein 13-jähriger Sohn nicht freuen – und meine 17-jährige Tochter hoffentlich auch nicht (lacht). Da wird es genug Köstlichkeiten zu probieren geben, hier und da ein Gläsle Wein oder ein Bier werde ich auch kosten, aber alles in Maßen. Und was zu viel für mich ist, bekommen dann meine Mitarbeitende – in meinem Ministerium arbeiten wir ja gegen Lebensmittelverschwendung an, wo wir können (lacht).
Die Grüne Woche startet am Freitag
Leistungsschau
Ukraine-Krieg, Klimakrise, aber auch wirtschaftliche Probleme der deutschen Landwirtschaft prägen den Start der Internationalen Grünen Woche ab diesem Freitag in Berlin. Nach zwei Jahren Coronapause findet die wichtigste Leistungsschau der Agrarwirtschaft erstmals wieder mit Publikum statt.
Minister
Cem Özdemir ist seit Ende 2021 Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft. Mitglied der Grünen ist der gebürtige Bad Uracher (Kreis Reutlingen) seit 1981. Dreizehn Jahre später wurde er als erster Abgeordneter türkischer Herkunft – seine Eltern kamen Anfang der 1960er Jahre nach Deutschland und lernten sich hier kennen – in den Deutschen Bundestag gewählt. 2008 bis 2018 war Özdemir einer von zwei Bundesvorsitzenden der Grünen.