Agrarökologie Wildbienen steigern die Erträge

Von Sören Stange 

Nicht nur Honigbienen, sondern auch Wildbienen, Hummeln und andere Insekten tragen wesentlich zur Bestäubung von Feldern und Plantagen bei. Doch in der Agrarlandschaft nimmt die Artenvielfalt rapide ab.

Auch Hummeln sind gut Bestäuber. Foto: dpa
Auch Hummeln sind gut Bestäuber. Foto: dpa

Stuttgart - Bienen sind eine Wirtschaftsmacht. Sie produzieren nicht nur Honig, sondern sorgen als Bestäuber dafür, dass Felder, Gemüse- und Obstplantagen Früchte tragen. Allein in den USA hängen Ernteerträge im Wert von jährlich 15 Milliarden Dollar von der Bestäubung durch Bienen ab, schätzt die US-Behörde Agricultural Research Service.

Umso besorgniserregender ist, dass weltweit die Anzahl der Bienenvölker zurückgeht. Pestizide und Parasiten machen den schwarz-gelben Insekten schwer zu schaffen. In einigen Regionen der USA sollen bereits 80 Prozent der Bestände verelendet, in China ganze Kantone entvölkert sein. Damit ist die Gefahr einer globalen Nahrungsmittelkrise nicht von der Hand zu weisen: Wer befruchtet Felder und Plantagen, wenn die Honigbienen ausfallen?

Glücklicherweise gibt es aber noch andere blütenbesuchende Insekten – und deren Bedeutung für die Bestäubung von Kulturpflanzen wurde bisher offenbar unterschätzt. Im Fachmagazin „Science“ präsentiert jetzt ein internationales Forscherteam um den argentinischen Agrarökologen Lucas Garibaldi von der Universidad Nacional de Río Negro eine umfangreiche Studie zur Bestäubungsproblematik. Die Forscher haben untersucht, was von Imkern gehaltene Honigbienen und wildlebende Insekten zur Pflanzenbestäubung beitragen – auf 600 Feldern an 41 Orten, verteilt über den gesamten Globus. Das Ergebnis: Honigbienen sind wichtig, noch wichtiger aber ist die Kooperation möglichst vieler unterschiedlicher Bestäuber.

Effektiv: Kombination aus Honigbienen und anderen Insekten

Eine unerwartete Erkenntnis der Studie ist, dass Schwebfliegen, Käfer und Wildbienen auch dann die landwirtschaftlichen Erträge „signifikant erhöhen“, wenn zuvor schon Honigbienen ihr Werk getan haben. Andersherum traf das immerhin noch in 14 Prozent der untersuchten Fälle zu. Vereinfacht gesagt: hundert Honigbienen und hundert Wildbienen sind zusammen effizienter als zweihundert Honigbienen. Weil sie beim Bestäuben unterschiedlich vorgehen, ergänzen sich die Insekten. Wer eine möglichst gute Ernte einfahren will, sollte folglich sowohl auf Honigbienen als auch auf wildlebende Insekten setzen – wobei ganz wichtig ist, dass nicht nur Honigbienen die Arbeit verrichten.

Aufgrund dieser Ergebnisse empfehlen die über 50 an der Studie beteiligten Forscher – darunter neun Angehörige deutscher Universitäten –, Maßnahmen zu ergreifen, die Käfern und Wildbienen zugute kommen. In Deutschland sind ungefähr 550 Wildbienenarten heimisch, weltweit gibt es rund 30 000. „Zum Überleben brauchen sie Kleinstrukturen, zum Beispiel Totholz in Hecken und Zäunen oder Steinhaufen“, erklärt der Agrarökologe Konrad Martin von der Universität Hohenheim.

Dass nicht nur die domestizierten Bienen, sondern auch die wildlebenden Bestäuber Unterstützung gut gebrauchen können, führt eine weitere, jetzt in „Science“ erschienene Studie vor Augen. Laura Burkle von der Universität St. Louis hat gemeinsam mit zwei Kollegen das Leben im Unterholz eines Waldes im US-Bundesstaat Illinois unter die Lupe genommen. Die Befunde haben sie mit Daten verglichen, die Ende des 19. Jahrhunderts erhoben wurden. Dabei fanden sie heraus, dass die Interaktion zwischen tierischen Bestäubern und Pflanzen innerhalb von 120 Jahren um fast die Hälfte zurückgegangen ist. Eine Ursache dafür sehen die Forscher in der intensiveren Bewirtschaftung der Landschaft. Das hat auch dazugeführt, dass der Lebensraum für Insekten stark geschrumpft ist.

Klimawandel ist wichtiger Faktor

Auch der Klimawandel ist Burkle zufolge ein Faktor. Dieser habe den jahreszeitlichen Rhythmus von Pflanzen und tierischen Bestäubern aus dem Tritt gebracht, sodass Flora und Fauna nun phasenweise aneinander vorbeilebten. Verhindern könne das nicht einmal die „Flexibilität der Netzwerke zwischen Pflanzen und Bestäubern“, welche die Wissenschaftler zu ihrer Überraschung feststellten.

Den beiden Studien nach ist das globale Bestäubungsproblem also durchaus vorhanden. Allerdings ist davon wohl nicht jede Region gleichermaßen betroffen: „Die Entwicklung in den Tropen ist dramatischer als in Mitteleuropa“, erläutert Konrad Martin. In tropischen Gebieten nämlich könnten die Verluste im Bestand der Wildbienen, die vor allem mit dem Rückgang der Waldflächen zusammenhingen, nicht einmal anteilig mit Honigbienen kompensiert werden. Für die hiesige Bestäubung von Feldern und Plantagen hingegen sei selbst der Klimawandel nicht zwingend negativ. „Sicher ist nur, dass sich der Bienenbestand bei uns ändert. Andere Arten wandern ein. Ob das gut oder schlecht für die Bestäubungsqualität ist, ist noch völlig offen“, sagt Konrad Martin.

Fest steht hingegen, dass aus Sicht der heute publizierten Erkenntnisse eine Fehlentwicklung im Agrarbereich stattfindet: „Die Studien machen vor allem deutlich, dass ein paar gemanagte Tierarten kein Ersatz für Biodiversität sind“, resümiert Jason M. Tylianakis von der University of Canterbury in Neuseeland. Seit einigen Jahren werden vor allem in den USA Honigbienenvölker in Lastwagen verladen und von Feld zu Feld kutschiert. Offenbar ist das nicht nur eine Tortur für die Tiere, sondern auch aus landwirtschaftlicher Sicht nicht sonderlich effizient. Den Studien zufolge wäre es wirkungsvoller, die intensiv genutzte Agrarlandschaft ökologisch aufzuwerten, so dass wildlebende Insekten bessere Überlebenschancen haben.