Der Blick von Spyridon Giouroukos wandert kurz nach oben. Dort schießt gerade fauchend eine Rotte von F-16-Kampfflugzeugen in den Himmel über der bayerischen Luftwaffenbasis Lechfeld. Giouroukos weiß, wie sich das anfühlt: Er ist Jetpilot der griechischen Luftwaffe, fünf Flüge hat er im Rahmen der riesigen Luftwaffenübung Air Defender 2023 schon absolviert. „Wir üben vor allem die Bekämpfung von Bodenzielen und die Zusammenarbeit mit Truppen am Boden“, erklärt Giouroukos.
Seit Montag läuft das Mega-Manöver unter Federführung der Deutschen Luftwaffe. Auch über der Region Stuttgart sind dafür Militärflugzeuge unterwegs. Für jedes der deutschlandweit drei Übungsgebiete haben sich die Planer ein anderes Szenario ausgedacht – im hiesigen, südlichen Übungsgebiet liegt der Fokus vor allem auf dem Zusammenspiel mehrerer Einheiten. Hoch oben sichern Jagdflugzeuge die Lufthoheit, weiter unten greifen A-10-Erdkampfflugzeuge Ziele am Boden an – simuliert, denn scharfe Munition gibt es bei Air Defender nicht. Mit Transporthubschraubern aus Laupheim sind auch Soldaten aus dem baden-württembergischen Standort Laupheim beteiligt. Sie trainieren zum Beispiel, mit den kleinen, mit schweren Maschinengewehren bewaffneten H-145-Helikoptern Spezialkräfte abzusetzen.
Flugsicherung und Militärs müssen sich eng abstimmen
Im Vorfeld der Übung hatte es Befürchtungen gegeben, Air Defender 23 könnte auf die Passagierluftfahrt massive Auswirkungen haben. Immerhin werden die drei Lufträume im Süden, Norden und Osten Deutschlands, in denen die Militärmaschinen üben, für mehrere Stunden am Tag gesperrt. Bislang scheint das Chaos aber auszubleiben – nicht zuletzt, weil sich die Deutsche Flugsicherung (DFS) mit der Bundeswehr kurzschließt, um das Vorgehen zu planen. „Die Abstimmung ist optimal, wir besprechen uns viermal am Tag“, sagt Robert Ertler, der Pressesprecher der DFS. Auch wenn er nach einigen Tagen, in denen die Übung erst läuft, noch vorsichtig ist, ein Fazit abzugeben, sei die Flugsicherung bislang zufrieden. „Insgesamt lief die Übung bisher sehr geordnet ab, sie hatte bisher wenige Auswirkungen auf den zivilen Luftverkehr.“
Laut Informationen unser Zeitung waren Passagierflüge in dieser Woche trotz Air Defender im Schnitt sogar pünktlicher als in den Wochen zuvor: Rein rechnerisch hatte jeder Flug im Schnitt weniger als vier Minuten Verspätung. In den Wochen zuvor waren es mehr gewesen – und nicht jede Verspätung war auf das Manöver zurückzuführen.
Angesichts der Sorge, Passagierjets könnten wegen massiver Verspätungen bei ihren Zielflughäfen Probleme mit dem Nachtflugverbot bekommen, hatte man im Vorfeld vereinbart, kulant zu sein, falls Maschinen zu später Stunde eine Einzelgenehmigung für eine nächtliche Landung beantragen. „Diese Möglichkeit wurde bislang aber kaum genutzt“, sagt Ertler.
So wirkt sich die Übung auf den Stuttgarter Flughafen aus:
Der Stuttgarter Flughafen liegt innerhalb eines Korridors zwischen zwei Lufträumen, in denen die Militärflugzeuge sich sammeln, auftanken beziehungsweise den Kampf üben. Dieser Korridor wird nicht wie die eigentlichen Übungslufträume komplett gesperrt, sondern lediglich auf vorher definierten Flughöhen von Militär- beziehungsweise Zivilflugzeugen genutzt. „Bislang hatte die Militärübung kaum Auswirkungen auf den Flugbetrieb am Flughafen Stuttgart – es herrschte weitgehend Normalbetrieb“, so der Flughafensprecher Johannes Schumm.
Vereinzelt sei es an den ersten Tagen allerdings durchaus zu Verspätungen von bis zu 45 Minuten gekommen. Ob die Auswirkungen auf Passagierflüge sich in den kommenden Tagen verstärken werden – Air Defender dauert noch bis zum 23. Juni – sei allerdings schwer zu beurteilen. „Wer in dieser Zeit Flüge gebucht hat, sollte sich deshalb vorab bei der jeweiligen Airline informieren“, rät Schumm, „den aktuellen Flugstatus können Passagiere oder Abholende auf den Apps der Airlines oder auf der Website des Flughafens einsehen“.
Bayerische Linke fordert Stopp der Übung
Kritik an der Übung gab es vor allem zum Beginn aber auch aus anderen Gründen. Einigen missfällt der Gedanke an ungewöhnlich vielen Kriegsmaschinen am Himmel: Beim Auftakt von Air Defender demonstrierten zum Beispiel rund 300 Menschen vor dem Fliegerhorst Wunstdorf in der Region Hannover. Viele der Teilnehmer befürchteten, die Großübung könne zu einer weiteren Eskalation des Kriegs in der Ukraine führen.
Die bayerische Linke kritisierte neben dem „enormen CO2-Ausstoß von voraussichtlich rund 35 000 CO2-Äquivalenten“, die Übung sei „ein Spiel mit dem Feuer“. „Nicht Aufrüstung und Drohgebärden bringen Frieden, sondern Diplomatie und Verhandlungen“, so Kathrin Flach Gomez, die bayerische Landessprecherin der Linken. Sie forderte einen Stopp der Übung.
Bei den Verantwortlichen ist von so etwas freilich keine Rede. „Diese Übung zeigt, dass wir bereit sind, jeden Zentimeter unseres Luftraumes gegen jeden Angreifer zu verteidigen“, sagt Günter Katz, der kommandierende General des Luftwaffentruppenkommandos. Lob kommt auch von der anderen Seite des Atlantiks: „Ich bin äußerst beeindruckt von der Professionalität, die wir hier sehen“, meint Timothy Liston, der US-amerikanische Generalkonsul in München.
Drohnen fliegen illegal über die Luftwaffenbasis
Die Sicherheitsvorkehrungen sind bei der Übung sehr hoch: Zu einem Pressetermin auf der Basis Lechfeld wurde am Donnerstag ein Journalist mit iranischer Staatsbürgerschaft nicht eingelassen. Anfang der Woche alarmierten Reservisten, die die Basis bewachen, die Polizei, weil mehrere Drohnen die Grenzen des Fliegerhorstes überflogen. Der oder die Piloten der ferngesteuerten Fluggeräte wurden nicht gefunden. Die Luftwaffe geht davon aus, dass die Drohnen keine Gefahr darstellten.