Gleich nachdem Cherry Gehring, Mitglied der Band Pur, John Lennons „Imagine“ angestimmt hat, legt sich eine besondere Atmosphäre über den Rathausplatz. Menschen schließen die Augen, hier und dort fließen Tränen, und für einen kurzen Moment scheint auch das Treiben auf dem Wochenmarkt still zu stehen.
Der Krieg in der Ukraine, die Angriffe der Hamas auf Israel – an vielen Orten auf der Welt herrscht Krieg. Die Auswirkungen sind auch in Ludwigsburg zu spüren und zu sehen. Konflikte, die in der Stadt unter anderem in Graffiti sichtbar werden, wie die Erste Bürgermeisterin Renate Schmetz beobachtet hat. Graffiti, die auf Häusern das Judentum und den Islam verunglimpfen. Unsicherheit, die in Missverständnisse zwischen Menschen mündet. Angst, die zu Aggression führt.
Glückliche Gesichter
Am Samstagmittag setzen etwa 250 Menschen auf eindrucksvolle Weise ein Zeichen: Sie bilden um das Rathaus herum eine Menschenkette. Man wolle, betont Heinz-Martin Zipfel, Pfarrer der katholischen Kirchengemeinde St. Paulus, in seiner Begrüßung, für den Frieden und das friedliche Miteinander in der Stadt einstehen. Mit 50 Teilnehmern haben die Organisatoren gerechnet, dass es am Ende so viele mehr sind, macht auch Citypfarrer Martin Wendte glücklich. „Es ist toll, dass so viele Menschen gekommen sind. Menschen unterschiedlicher Religionen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen.“
Initiiert worden ist die Aktion vom Dialog der Religionen und dem Ludwigsburger Integrationsrat, der vor ein paar Tagen auch eine Stellungnahme zum Umgangston über und mit neu eingewanderten Menschen verfasst hat. Die Stimmung gegenüber Menschen, die neu nach Deutschland kommen, sei zunehmend negativ aufgeladen, heißt es darin. Diese Entwicklung, die sich auch in der Barockstadt zeige, bereite Sorge. Der Appell lautet: Mildert den Ton in der Debatte über Neueinwanderung und kehrt zu konstruktiveren Diskursen zurück.
Dass die vielen neu eingewanderten Menschen die Kommunen vor große Aufgaben stellen, bestreitet der Integrationsrat nicht. Viele Menschen würden sich legitime Sorgen machen hinsichtlich der Auswirkungen der Einwanderung auf Arbeitsmärkte, soziale Dienste und die nationale Identität. Sie müsste man ernst nehmen.
„Migration ist kein Spaß für alle Seiten“, betont das Ratsmitglied Stefan Jeuk. Dennoch gelte Artikel 3 des Grundgesetzes, wonach niemand aufgrund seines Geschlechts, seiner Herkunft und seiner religiösen und politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden dürfe. Politik, Medien sowie Bürger seien aufgefordert, ihre Ansichten so auszudrücken, dass der Respekt vor der Würde jedes Einzelnen bewahrt bleibe. Der verschärfte Umgangston in der Debatte sei kontraproduktiv. Persönliche Angriffe und Vorverurteilungen führten dazu, dass sachliche Argumente in den Hintergrund treten und die Debatte polarisiert werde.
Würde des Menschen achten
„Menschen, die zu uns kommen, kommen aus Not. Sie verlassen ihre Heimat nicht freiwillig, um in der Fremde als Flüchtling zu leben“, betont Jeuk. Außerdem seien Fluchtgeschichten keine neuen Phänomene. Es habe sie in der Weltgeschichte schon immer gegeben und sie betreffen bei weitem nicht nur die Menschen außerhalb Europas. „Flucht, zum Beispiel verursacht durch Klima- und Umweltschäden, betrifft uns alle.“ Respektvoller Dialog und die Betonung von Fakten und Daten seien der Weg, um Lösungen zu finden, die den Herausforderungen in einer Einwanderungsgesellschaft gerecht würden und gleichzeitig die Grundprinzipien von Toleranz, Vielfalt und sozialer Gerechtigkeit wahrten, heißt es in der Stellungnahme.
Das sieht Ludwigsburgs Oberbürgermeister Matthias Knecht ebenso. Auch er nimmt einen rauer werdenden Ton in der Stadt wahr. Vor allem in den sozialen Medien. Es gingen mehr „menschenfeindliche“ E-Mails und Briefe auf dem Rathaus ein. „Der Tonfall gegenüber unseren Mitarbeitern wird radikaler.“ Um die Schreiben angemessen zu beantworten, habe man verwaltungsintern eine Arbeitsgruppe „menschenfeindliche Sprache“ gebildet, sagt Knecht. Darüber hinaus gebe es eine Stabstelle Integration, die inzwischen besetzt sei und zu Beginn des neuen Jahres die Arbeit aufnehme.
Mehr Bildungsarbeit
„Mit dem Dialog der Religionen haben wir bislang eine sehr gute Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit gefunden. Es ist uns gelungen, Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen zusammenzuführen. Der Ludwigsburger Weg war es, zusammenzustehen“, betont Matthias Knecht. Der Angriff der Hamas habe die Herausforderungen jedoch verstärkt. Deshalb wolle man unter anderem mit der Landeszentrale für politische Bildung mehr Bildungsarbeit machen und Zeichen setzen. Die Menschenkette am Samstag war ein eindrucksvolles.
Was ist der Integrationsrat?
Zusammensetzung
2019 wurde der Integrationsrat zum ersten Mal gewählt. Er setzt sich aus sieben Gemeinderäten und 17 Bürgern zusammen. Sie bringen Fachwissen in den Bereichen Partizipation und Integration mit. Der Rat ist auf fünf Jahre gewählt und berät Verwaltung und Gemeinderat bei integrationsrelevanten Themen.
Aufgabe
Nach vorheriger Beratung kann der Integrationsrat Themen in die Ausschüsse des Gemeinderats einbringen und hat bei Beratungen über die Anträge im Gemeinderat ein Rede- und Anhörungsrecht.