InterviewAktionstag in Fellbach Hilfe beim Ausstieg aus der Gewaltspirale

Sonja Lupfer-Rieg  berät Opfer von häuslicher Gewalt. Foto: dpa
Sonja Lupfer-Rieg berät Opfer von häuslicher Gewalt. Foto: dpa

Schlagen, Beleidigen, Treten – Gewalt gegen Frauen hat viele Formen. In Fellbach spricht Sonja Lupfer-Rieg von der Opferberatung häusliche Gewalt vom Kreisdiakonieverband über die Hintergründe.

Rems-Murr: Eva Schäfer (esc)
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Fellbach - Wir brechen das Schweigen“ – unter diesem Motto stehen die Aktionen des Fellbacher Hilfenetzes bei häuslicher Gewalt am Donnerstag, 25. November, dem Internationalen Gedenktag gegen Gewalt an Frauen. Am Donnerstag sind von 10 bis 14 Uhr Expertinnen und Experten des Hilfenetzes im Fellbacher Rathausinnenhof vor Ort und informieren. Außerdem werden erstmals Kerzen entzündet, um der Frauen zu gedenken, die im Jahr 2020 bundesweit von ihren Partnern getötet wurden. Sonja Lupfer-Rieg von der Opferberatung häusliche Gewalt vom Kreisdiakonieverband spricht über die Hintergründe.

Frau Lupfer-Rieg, warum ist das Hilfenetzwerk in Coronazeiten besonders gefordert?

Corona hat manches verschärft. Die Zahl der Opfer häuslicher Gewalt, die mit mir in Kontakt getreten sind, haben sich im Vergleich zum Vorjahr bereits verdoppelt. Auch im Vergleich zu 2019 ist ein Anstieg zu verzeichnen.

Sie beschreiben Ihre Beratung als „proaktiv“, was heißt das genau?

Ich bin im Rems-Murr-Kreis für die Bereiche Fellbach und Kernen in der Opferberatung bei häuslicher Gewalt zuständig und Teil des Fellbacher Hilfenetzwerkes, in dem verschiedene Akteure Hand in Hand arbeiten. Zum einen gibt es Anlaufstellen, wo sich Frauen selber melden können. Aber ein wichtiger Baustein ist, dass meine Kolleginnen und ich uns direkt mit den Frauen in Verbindung setzen, wenn es einen Polizeieinsatz gab und eine Einverständniserklärung unterzeichnet wurde.

Gelingt es so besser, dass Betroffene Hürden nehmen, um Hilfe zu holen?

Die Situation, vom eigenen Partner oder Ehemann Gewalt zu erfahren, ist häufig mit Schamgefühl verbunden. Viele sind auch höchst verwirrt, da ist die Schwelle hoch, sich selber aktiv eine Beratung zu suchen. Daher haben wir das proaktive Modell umgesetzt. Wir nehmen telefonischen Kontakt auf. Wir beraten unabhängig davon, ob es zu einer Anzeige kommt oder nicht und unterstützen die Frauen auf ihrem Weg zu einem gewaltfreien Leben vorbehaltlos. Die Bewertung einer Lage ist nicht meine Aufgabe. Ich bewerte auch nicht das weitere Vorgehen.

Wird das Thema häusliche Gewalt nach wie vor unterschätzt?

Im Rems-Murr-Kreis stand von 2003 bis 2020 eine halbe Stelle für die Opferberatung bei häuslicher Gewalt zur Verfügung. Seit 2020 wurde diese auf eine 90-Prozent-Stelle erhöht. Die Beratung ist auf die fünf Polizeireviere im Kreis aufgeteilt, mein Stellenanteil liegt nun bei 18 Prozent seit diesem Jahr. Ich bin froh um die Aufstockung, auch wenn es wenig ist, um den Bedarf besser abdecken zu können. Statistiken gehen davon aus, dass jede dritte oder jede vierte Frau mindestens einmal in ihrem Leben von häuslicher Gewalt betroffen ist. Das ist viel. Ein hilfreiches Instrument ist das Gewaltschutzgesetz, das es ermöglicht, dass nicht die Frau ins Frauenhaus geht, sondern der Täter der Wohnung verwiesen werden kann, unter dem Slogan „Wer schlägt – der geht.“

Wie wird der Infostand coronaangepasst aussehen?

Man kann Informationsmaterial mitnehmen, aber auch zahlreiche Expertinnen und Experten des Hilfenetzwerkes sind vor Ort – unter anderem eine Polizeibeamtin aus Fellbach ist dabei, Ulrich Preuß von der Beratung für männliche Opfer, der Kinderkrisendienst. Ich selber werde auch im Rathausinnenhof für Gespräche bereitstehen. Zum Netzwerk gehören auch eine Anwältin für Familienrecht, das Ordnungsamt, das Frauenhaus, das Jugendamt und die Täterberatung. Koordiniert wird die Aktion von der Gleichstellungsstelle Fellbach. Und wir zünden Kerzen an, um an die Frauen zu erinnern, die bundesweit von ihren Partnern getötet wurden.

Die Opferberatung häusliche Gewalt vom Kreisdiakonieverband ist erreichbar unter der Telefonnummer 0 71 51/9 59 19-1 12.

Fahnen werden gehisst

Gedenktag
Als sichtbares Zeichen für „Nein zu Gewalt an Frauen und Kindern“ weht am Donnerstag, 25. November, am Waiblinger Rathaus die „Terre Des Femmes“-Fahne mit der Aufschrift „Frei leben – ohne Gewalt“ zum Gedenktag. Vor dem KARO Familienzentrum Waiblingen und dem Kulturhaus Schwanen wird auch eine Fahne gehisst. Die Stadt Waiblingen engagiert sich im kreisweiten Runden Tisch gegen häusliche Gewalt, um die Hilfsangebote im Kreis für Betroffene noch besser zu vernetzen. Informationen zum Netzwerk und Beratungsstellen können unter https://www.rems-murr-kreis.de/jugend-gesundheit-soziales/fachthemen/arbeitskreise/ abgerufen werden. Informationen zum Gedenktag gibt es im Internet auf der Seite www.frauenrechte.de.




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