AKW wird grüne Wiese Wo Kühe auf dem Atomfriedhof grasen
Im bayerischen Niederaichbach wurde das erste Kernkraftwerk europaweit komplett abgeräumt. Dort grasen jetzt vier Angusrinder. Eine Spurensuche nach den belasteten Hinterlassenschaften.
Im bayerischen Niederaichbach wurde das erste Kernkraftwerk europaweit komplett abgeräumt. Dort grasen jetzt vier Angusrinder. Eine Spurensuche nach den belasteten Hinterlassenschaften.
Marie, Lore, Vroni und Zilly scheint es nicht zu irritieren, dass sie ihren Nachmittagsimbiss auf einem Stück Land einnehmen, das eine heikle Vorgeschichte hat. Früher stand auf dem Gelände ein Kernkraftwerk. Das Areal barg tonnenweise radioaktive Hinterlassenschaften. Doch das ist lang her. Der Reaktor Niederaichbach am Isarufer nördlich von Landshut ist europaweit die erste Anlage dieser Art, die nach erfolgter Demontage komplett von der Bildfläche verschwunden ist: Rückbau bis zur grünen Wiese, heißt das. Tatsächlich ist nicht mehr als ebendies von dem Meiler geblieben: eine Wiese, die zumindest dann ergrünt, wenn es genug regnet.
Diese Wiese ist jetzt die Heimat von Marie, Lore, Vroni und Zilly. „Meine vier Damen“ nennt sie der Feierabendbauer Stefan Zöttl: eine kleine Herde von Angusrindern mit wuscheligem, braunem Fell. Zöttl hat das ehemalige Kraftwerksareal von dem Stromkonzern Preussag gepachtet. Dass hier einmal aus Kernenergie Elektrizität produziert worden ist, würde man nicht vermuten – wäre da nicht ein rostiges Metallgitter mit Stacheldraht, das erst passiert werden muss, um zu der Weide zu gelangen. Und ein Felsblock in deren Mitte, auf dem die Geschichte des lange Zeit beispiellosen Recyclings eines Atomreaktors verewigt ist.
Das Kernkraftwerk Niederaichbach ist nicht nur das erste, das vollständig zerlegt und beseitigt worden ist. Es war einst auch das letzte seiner Art: ein Schwerwasserreaktor, wie er später in Deutschland nicht mehr gebaut wurde. Der Meiler in Niederaichbach, ab 1957 geplant, war eigentlich schon veraltet, als er 1973 Strom ins Netz einzuspeisen begann. Am 31. Juli 1974 wurde er nach rechnerisch 18,3 Tagen in vollem Betrieb auch schon wieder stillgelegt. Die Anlage hatte weniger als ein Zehntel der Leistung des benachbarten Reaktors Isar II, mit dessen Abschalten vor wenigen Monaten das Atomzeitalter in Deutschland endete.
Isar II, wo 1300-mal so viel Strom produziert wurde als in dem kurzlebigen AKW Niederaichbach, ist bis heute der Arbeitsplatz von Stefan Zöttl. Hier hat er vor 30 Jahren eine Lehre als Industriemechaniker absolviert. Inzwischen baut er Geräte und Vorrichtungen, die bei der Demontage benötigt werden. Da der Rückbau bis Ende des nächsten Jahrzehnts dauern wird, hofft der 47-jährige Zöttl, dass er bis zur Rente weiter auf dem Kraftwerksareal arbeiten kann. Von dort kann er die Weide seiner „vier Damen“ nach Feierabend in wenigen Minuten mit dem Fahrrad erreichen. Da gibt es regelmäßig viel zu tun. Es müssen noch 600 Meter Zaun errichtet werden. Das Schlimmste, was Zöttl für seine Tiere befürchtet, hat nichts mit Radioaktivität zu tun, sagt er: „Ich hab Angst, dass die Viecher abhauen.“
Der Rückbau des Kraftwerkfossils Niederaichbach hat acht Jahre in Anspruch genommen. 1995 wurde das ehemalige Reaktorgelände mit „5000 Kubikmeter Mutterboden angedeckt“, danach erfolgte die „Durchführung der Wiesenansaat“, am 17. August in jenem Jahr schließlich die „symbolische Pflanzung einer deutschen Eiche und Setzung eines Gedenksteins“. Das alles ist in einem 100 Seiten umfassenden Bericht für das Kernforschungszentrum Karlsruhe protokolliert. Er gibt auch Aufschluss über den Verbleib der strahlenden Hinterlassenschaften und sämtlicher Bestandteile des entschwundenen Kernkraftwerks.
Demontage und Recycling waren übrigens teurer als der Bau des Reaktors. Sie haben 268,8 Millionen Mark gekostet, was immerhin unter dem Planziel von 280 Millionen lag. Die Baukosten werden mit 232 Millionen Mark beziffert. Von 1975 bis 1981 hat es damals gedauert, bis die Brennelemente sicher verpackt waren, ebenso das sogenannte schwere Wasser, das während des Betriebs dazu diente, umherschwirrende Neutronen einzufangen.Bei Betriebsschluss wurde im Zentrum des Reaktors eine Strahlendosis gemessen, wie sie bei der Explosion der Hiroshima-Bombe etwa zwei Kilometer vom Ort ihrer Detonation entfernt geherrscht haben muss. Nach dem „sicheren Einschluss“ war der Wert in den begehbaren Bereichen auf ein Hunderttausendstel gesunken.
Beim Rückbau des Kraftwerks waren bis zu 120 Leute beschäftigt – und während ihrer Arbeit einer variierenden Strahlenbelastung ausgesetzt. Laut Abschlussbericht war die maximale Dosis pro Person „sehr niedrig“. Im Durchschnitt seien „unter zwei Prozent des nach der derzeit gültigen Strahlenschutzverordnung zulässigen Grenzwerts“ erreicht worden.
Das Kraftwerksgebäude in Niederaichbach umfasste 130 000 Kubikmeter umbauten Raum. Es war damit etwas kleiner als die Münchner Frauenkirche (160 000 Kubikmeter), aber fast doppelt so groß wie die Martinskirche im nahen Landshut (74 000 Kubikmeter). Insgesamt musste bei dem Rückbau ein Berg von 88 000 Tonnen Material beseitigt werden. Das entspricht in etwa der Menge an Hausmüll, die in Baden-Württemberg landesweit binnen 14 Tagen anfällt. Allerdings ließen sich die AKW-Rückstände nicht einfach kompostieren oder deponieren, auch wenn es sich zu 85 Prozent um Betonbrocken handelte. Damit wurde die Baugrube vor Ort verfüllt. Sie dienen den „vier Damen“ von Stefan Zöttl heute als Fundament. Darüber ist längst Gras gewachsen.
Ein Teil des Abbruchmaterials landete – nach den vorgeschriebenen Strahlentests – in den Wäldern der umliegenden Gemeinden und wurde dort beim Wegebau wiederverwertet. Der zerriebene Beton habe sich als so gut geeignetes Material dafür erwiesen, so der Demontagebericht, „dass die gewünschte Nachfragemenge bei Weitem nicht zur Verfügung gestellt werden konnte“. 2800 Tonnen Stahl kamen in den Schrotthandel. Der spektakulärste Tag im Nachleben des stillgelegten Kernkraftwerks Niederaichbach war der 20. Januar 1995. Da wurde der 97 Meter hohe Abluftkamin gesprengt – ein kompliziertes Unternehmen in nur 700 Meter Entfernung von dem damals noch laufenden Reaktoren Isar I und II.
Insgesamt fielen bei dem Abbruch knapp 1700 Tonnen an radioaktiven Reststoffen an. Das ist so viel wie in 152 Castorbehälter passt. Die Brennelemente, insgesamt 46,3 Tonnen Schwermetall, wurden zur Wiederaufbereitung in das französische Kernforschungszentrum Cadarache überführt. 890 Tonnen kontaminierter Beton lagern in einem Salzstock des Endlagers Morsleben, das 1998 geschlossen und danach für eine Milliardensumme saniert wurde. Ein Teil des problematischen Materials wurde in dem nuklearen Versuchsreaktor Großwelzheim am Main wiederverwendet. Was auf solche Weise nicht recycelbar war, wurde im Kernforschungszentrum Karlsruhe „endlagerfähig konditioniert“ und im dortigen Zwischenlager deponiert, bis sich ein Endlager findet. Wenn es so weit ist, wird es 30 bis 40 Jahre dauern, um das riskante Material an seinen Bestimmungsort zu verfrachten – selbst wenn jede Woche ein Güterzug strahlende Abfälle dorthin transportiert.
All das bekümmert Stefan Zöttl heute nicht mehr. Er hegt keine Bedenken, dass er seine „vier Damen“ eventuell auf heiklem Boden grasen lässt, weil auf der 1,7 Hektar großen Weide einmal ein Kernkraftwerk gestanden hat. Das hätten die alles gründlich untersucht, glaubt Zöttl. Zudem habe der vorherige Pächter auf dem Areal auch schon jahrzehntelang Schottische Hochlandrinder weiden lassen. Er hat ohnehin nicht vor, Marie, Lore, Vroni oder Zilly je schlachten zu lassen und zu verspeisen. Zöttl sagt: „Alles, was Namen hat, wird kein Steak.“
Bei der Demontage des Kraftwerks gab es übrigens drei Zwischenfälle, die allesamt nichts mit dem nuklearen Risikopotenzial zu tun hatten. Das ist alles minutiös dokumentiert. Einmal riss das Zugseil eines Krans, durch ein herabstürzendes Betonteil wurde ein Arbeiter verletzt. Einmal ist der Strom ausgefallen. Und einmal musste die Feuerwehr anrücken, die Demontage war danach wegen verrußter Messgeräte und Computer für mehrere Tage blockiert. Grund: Eine defekte Kaffeemaschine war in Brand geraten.