AKWs stillgelegt Deutschland jetzt ohne Atomstrom
An diesem Samstag werden die letzten drei verbliebenen bundesdeutschen Kernkraftwerke abgeschaltet. Damit endet eine Ära: 62 Jahre Stromproduktion aus Atomenergie – was bis zuletzt umstritten war.
An diesem Samstag werden die letzten drei verbliebenen bundesdeutschen Kernkraftwerke abgeschaltet. Damit endet eine Ära: 62 Jahre Stromproduktion aus Atomenergie – was bis zuletzt umstritten war.
Die Orte Lingen, Neckarwestheim und Ohu spielen eine unrühmliche Rolle in der deutschen Technikgeschichte: Dort endet am 15. April das Atomzeitalter, zumindest dessen produktive Ära. Die letzten drei deutschen Atomkraftwerke werden nun definitiv stillgelegt. Mit den strahlenden Hinterlassenschaften aus 62 Jahren Atomstromproduktion werden wir und unsere Nachfahren jedoch noch lange zu schaffen haben. Bis jetzt steht noch völlig in den Sternen, wo sie dereinst entsorgt werden sollen. Wir blicken zurück auf die nukleare Epoche.
Seit wann gibt es Atomkraftwerke?
Erste kerntechnische Anlagen hatten bereits die Nationalsozialisten installiert. Sie schafften es in ihren Versuchsreaktoren aber nicht, eine Kettenreaktion in Gang zu setzen, die selbstständig weiterlief. 1957 starteten im bayrischen Garching und im ostdeutschen Rossendorf Forschungsreaktoren mit der Produktion von Atomstrom. 1961 speiste ein Atomkraftwerk im unterfränkischen Kahl erstmals Strom ins deutsche Netz. Seit damals gingen 110 kerntechnische Anlagen in Betrieb.
Welche Rolle spielte Atomstrom?
Ein Jahr vor dem rot-grünen Beschluss zum Atomausstieg hatte die nuklear erzeugte Elektrizität einen Anteil von 31,8 Prozent an der gesamten deutschen Stromproduktion. Die 18 AKWs speisten damals 164,8 Terawattstunden Strom ins Netz ein. 2022 produzierten die drei verbliebenen Meiler noch 65,4 Terawattstunden, was einem Anteil an der Stromproduktion von 12,6 Prozent entsprach. Aus Erdgas wurde 2022 ähnlich viel Strom produziert. Der Anteil entspricht ungefähr der Strommenge, die durch Solar- und Wasserkraft gewonnen wird. Windräder liefern knapp doppelt so viel wie die letzten drei AKW.
Warum „Atomkraft, nein danke“?
Die nukleare Stromproduktion war von Anfang an umstritten. Eine Protestbewegung formierte sich bereits in den 1970er Jahren – der Historiker Joachim Radkau nennt sie den „größten und gedankenreichsten öffentlichen Diskurs der Bundesrepublik“. Massiver Widerstand über viele Jahre hinweg verhinderte zum Beispiel den Bau eines Atomkraftwerks Wyhl am Kaiserstuhl, für das 1977 ein Baustopp verfügt worden war, und viele vergleichbare Projekte.
Als die Grünen 1998 im Bund mitregierten, kam der Atomausstieg auf die offizielle Agenda. Im Jahr 2000 verständige sich die rot-grüne Bundesregierung mit der Industrie auf ein Ausstiegsszenario („Atomkonsens“). Damals waren noch 18 AKWs in Betrieb. Zwei Jahre später wurde das Atomgesetz tatsächlich geändert, am 14. November 2003 mit Stade das erste AKW stillgelegt. Die vereinbarten Reststrommengen für die übrigen Reaktoren hätten ein Auslaufen der Atomstromproduktion in den Jahren 2015 bis 2020 ermöglicht.
2010 hat die Regierung von Angela Merkel (CDU) die Laufzeiten der verbliebenen AKWs jedoch um bis zu 14 Jahre verlängert. Nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima vollzog Merkel aber erneut eine Wende. 513 von 600 Bundestagsabgeordneten stimmten im Juni 2011 für einen Atomausstieg Ende 2022. Im selben Jahr wurden acht Meiler stillgelegt, 2015 bis 2021 weitere fünf.
Woher kommt der Strom ohne Atom?
Die drei Reaktoren, die jetzt stillgelegt werden, haben eine Leistung von zusammen 4285 Megawatt. Die müsste idealerweise durch Produktionskapazitäten in gleicher Größenordnung ersetzt werden, die erneuerbare Energiequellen nutzen. Im vergangenen Jahr wurden monatlich Windräder mit einer Gesamtleistung zwischen 100 und 350 Megawatt neu installiert. Die Bundesnetzagentur rechnet mit einem Ausbau der Windkraftkapazitäten bis 2030 von 123 000 auf 360 000 Megawatt. Sie geht davon aus, dass der Strombedarf in Deutschland auch ohne Atomkraftwerke „in allen Stunden des Jahres jederzeit gedeckt werden kann“. Neben den Atomkraftwerken müssen mittelfristig aber auch konventionelle Kraftwerke ersetzt werden, die mit Öl, Gas oder Kohle betrieben werden. Sie haben zuletzt knapp 43 Prozent des Stroms produziert und verfügen über eine Kapazität von zusammen 76 000 Megawatt.
Was bleibt?
Nach Informationen der Bundesgesellschaft für Endlagerung befinden sich mehr als 120 000 Kubikmeter schwach und mittel radioaktive Abfälle in Zwischenlagern an den AKW-Standorten. Ein Großteil ist bereits endlagergerecht verarbeitet und verpackt, aber nur ein kleiner Teil hat bereits die Prüfverfahren für die Endlagerung durchlaufen. Darüber hinaus stehen in den Zwischenlagern mehrere Hundert Castorbehälter mit hoch radioaktiven Abfällen. In den Reaktoren sind mehrere Zehntausend Tonnen an radioaktiven Schwermetallen in Form von abgebrannten Brennelementen angefallen. Das Aufkommen an radioaktiven Abfällen steige durch den Rückbau der Kernkraftwerke bis zur Mitte des Jahrhunderts stark an. Fachleute erwarten bis zum Jahr 2080 mehr als 10 000 Tonnen hoch radioaktiver Abfälle aus Brennstäben. Beim Rückbau der Kernkraftwerke werden bis 2050 noch einmal 180 000 Kubikmeter schwach und mittel radioaktive Abfälle anfallen.
Für die schwach und mittel radioaktiven Abfälle gibt es bereits ein genehmigtes Depot: Schacht Konrad in Salzgitter. Für den hoch radioaktiven Atommüll wird noch ein Endlager gesucht. Die Entscheidung für einen Standort fällt nach dem im Dezember 2022 veröffentlichten Rahmenterminplan frühestens in den 2040er Jahren – ursprünglich wurde 2031 angestrebt.
Reaktoren
Laut Internationaler Atomenergie-Agentur (IAEA) waren 2021 global 437 Kernkraftwerke mit einer Gesamtkapazität von 389,5 Gigawatt am Netz. Das entspricht der 90-fachen Leistung der letzten deutschen AKWs. 93 der Meiler stehen in den USA, 73 in Europa, 53 in China.
Atomstrom
Die Kernkraftwerke haben 2021 weltweit 2653,3 Terawattstunden Strom produziert – 40-mal so viel wie die drei letzten deutschen Meiler. Damit wurden laut IAEA 1,6 Gigatonnen Kohlendioxid vermieden – das sind 4,6 Prozent der globalen Emissionen.
Pläne
Insgesamt sind momentan 56 Atomkraftwerke mit einer Kapazität von 58,1 Gigawatt in Bau, davon allein sechs Meiler in China, zwei in den Vereinigten Staaten und 16 in Europa. Unter anderem werden je zwei neue AKWs in Großbritannien und in der Slowakei errichtet.