Sternchen, Doppelpunkt oder Unterstrich – geschlechtergerechte Sprache ist noch immer ein Aufregerthema. Eine Stuttgarter Youtuberin nimmt das Gendern unter die Lupe – das Video schlägt hohe Wellen.

Digital Unit: Jonas Schöll (jo)

Stuttgart - Die Stuttgarter Youtuberin Alicia Joe sorgt mit einem Video über das Gendern für großes Aufsehen im Netz. In einem etwa 30 Minuten langen Film mit dem Titel „Warum Gendersprache scheitern wird“ erläutert die 25-Jährige anhand sprachwissenschaftlicher Argumente, welche Probleme ein konsequentes Gendern hervorrufen würde. Teils sei eine einheitliche Form des Genderns nicht möglich – was dem Wunsch nach einer flächendeckend geschlechtergerechten Rechtschreibreform entgegensteht. In anderen Fällen könne Gendersprache sogar diskriminieren – etwa Menschen, die Probleme mit der deutschen Sprache haben.

In mehr als 7000 Kommentaren unter dem Youtube-Video wird deutlich: Die Videoproduzentin aus dem Kessel trifft einen Nerv. Noch immer sind Gender-Stern und Binnen-I ein Aufreger. Seit Jahren wird in Deutschland diskutiert, ob die männlichen Formen in der Sprache durch weiter gefasste Begriffe ersetzt oder ergänzt werden – um Frauen, aber auch etwa Transmenschen einzubeziehen.

Das Gendersternchen in einem Wort ist eine Möglichkeit. Manche setzen an die Stelle auch einen Doppelpunkt oder einen Unterstrich. In gesprochener Sprache steht dafür eine kurze Pause mitten im Wort. Das Thema spaltet: Formulierungen wie „der*die Ingenieur*in“ oder „liebe Kolleg:innen“ empfinden Kritiker als eine Verhunzung der deutschen Sprache. Befürworter sehen darin ein Instrument, die Geschlechtergerechtigkeit voranzubringen.

Am Gendern scheiden sich die Geister

Innerhalb weniger Tage erntet Joes Clip mehr als 74 000 Gefällt-Mir-Angaben auf Youtube, mehr als 640 000 Mal wird das Video bis Dienstagnachmittag aufgerufen. Viele Nutzer loben die mit sachlichen Argumenten und Beispielen gefütterten Ausführungen der Stuttgarterin. „Ich bin grundsätzlich positiv gestimmt gegenüber dem Versuch, neben der Gesellschaft auch die Sprache gerechter zu gestalten“, erläutert Joe in dem am vergangenen Mittwoch veröffentlichten Clip.

Doch die Youtuberin lässt auch wissen, dass sie die aktuell verbreiteten Varianten des Genderns für „schlecht durchdacht bis hin zu problematisch“ hält. Joe zählt mehrere Probleme einer einheitlichen Gendersprache auf. „Was machen wir im Genitiv Singular oder Akkusativ Plural?, fragt sie beispielsweise. „Das Buch des/der Schüler*s*in gebe ich an die Gruppe von Schüler*n*innen?“

Youtuberin nennt Nachteile des Genderns

Müssen Artikel und Pronomen mitgegendert werden? Sollen auch geschlechtsneutrale Bezeichnungen wie „der Gast“ oder „die Person“ angepasst werden? Heißt es dann also „die Gästin“ und „der Personer“? Und wie sieht es mit eingedeutschten Worten aus dem Englischen aus? Heißt es künftig der oder die Follower*in? Das zunächst ernüchternd anmutende Fazit der Youtuberin lautet: „Wenn ihr euch mal mit solchen grundlegenden Fragen befasst habt, werdet ihr schnell merken, dass Personen in Podcasts oder im Fernsehen extrem inkonsequent gendern - wahrscheinlich, weil es ihnen selbst zu kompliziert ist.“

Doch Joe hat auch Lösungsvorschläge parat. „Für mich wäre die simpelste Lösung dieses Dilemmas sämtliche Movierungen aus der deutschen Sprache zu streichen“, schlägt die Kessel-Influencerin vor. Das hieße beispielsweise, männliche Worte wie „Lehrer“ zukünftig auch für weibliche Lehrer zu benutzen – und das Wort „Lehrerin“ streichen. Oder andersherum würde man einen Mann dann auch nicht „Witwer“, sondern „männliche Witwe“ nennen. Es gäbe quasi für beide Geschlechter immer nur eine Form.

Alicia Joe: So könnte Sprache gerechter sein

Der Gedanke dahinter: „Wenn Frauen und Diverse sich auch als Schüler, Studenten oder Lehrer bezeichnen würden, würde man dieses Wort genauso wenig für männlich halten wie das Wort Mensch“. Unterscheidungen sollten – wo sie wichtig sind – mit Adjektiven angestellt werden. Zum Beispiel ob man von einer männlichen oder einer weiblichen Leiche spricht. „Natürlich bräuchte es für so eine Umstellung eine gewisse Umgewöhnungszeit“, sagt die Stuttgarterin.

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