Alleen in Ludwigsburg Früher Machtdemonstration, heute gut für das Klima

Gehört zu den schönsten Alleen in Ludwigsburg: die Königsallee Foto: factum/Simon Granville
Gehört zu den schönsten Alleen in Ludwigsburg: die Königsallee Foto: factum/Simon Granville

Für Herzog Carl Eugen war es einst Ausdruck seiner Macht, beliebig Alleen anlegen zu lassen. Heute gehören die grünen Wahrzeichen zur Stadt wie das Schloss. Doch es wird immer schwieriger, sie zu erhalten.

Ludwigsburg - Die Bedeutung der Ludwigsburger Alleen ist in jüngster Zeit stark gewachsen. So wertvoll wie heute waren sie nie. Die zahlreichen Baumreihen begrünen die Stadt, sie sind ein wichtiges Biotop und sorgen für ein besseres Klima in der Stadt. Nicht umsonst stehen die 23 Alleen mit ihren mehr als 4000 Bäumen unter staatlichem Schutz.

Die Stadt- und Landschaftsarchitekten des 18. Jahrhunderts sahen in Pflanzen hingegen ein Material, aus dem man Kunst formte. Ihre wie mit dem Lineal gezogenen Linien auf alten Karten sind ein Zeichen ihrer Zeit – und gegen die Natur. Alleen brauchen die Menschenhand, damit ihre Form entsteht, und Pflege, damit ihre Künstlichkeit dauerhaft bestehen bleibt, so die vorherrschende Meinung der damaligen Zeit. Natur war in den Augen vieler bloßer Wildwuchs. Zeit zu gedeihen, bekamen die Alleen nicht. Die Lindenbäume waren in Wäldern außerhalb Ludwigsburgs mehrere Jahre gewachsen, bevor sie mühevoll umgepflanzt wurden. Die längste und topografisch herausforderndste war die Solitudeallee zwischen dem Arsenalplatz und dem 15 Kilometer entfernten Schloss Solitude.

Die Einheimischen fremdeln

Im Absolutismus waren Pracht und Kunst ein und dasselbe. Für Herzog Carl Eugen (1728 bis 1793) war es ein Ausdruck seiner Macht, beliebig Alleen anlegen zu lassen, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, wem der Boden gehört. Nutzgärten und Felder mussten in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts den Alleen weichen. Dem Adel war es egal, was die Ludwigsburger über diesen Umgang mit Eigentum und Natur dachten. Es zählte die Außenwirkung – und die war beachtlich. 1777 schrieb ein Zeitzeuge: „Zur besonderen Zierde und Verschönerung der Stadt gereichen die breiten und langen Alleen, welche gleich anfangs sowohl innerhalb als außerhalb der Stadt angelegt worden, nachher aber sogar auch bis an die umliegenden Dorfschaften erweitert wurden, sodass die Stadt in der Ferne und bei jedem Anblick einem prächtigen Lustgarten gleicht.“

Aufseher gab Ludwigsburgern ihren Necknamen

Die Ludwigsburger selbst empfanden die Alleen in der Innenstadt aber als einen Fremdkörper. Sie beklagten die lästigen Insekten in den Bäumen. Durch die Bäume entstand auch eine zusätzliche Gefahr bei Bränden. Folglich gingen die Bürger mit den Prachtwegen nicht pfleglich um. Der Herzog reagierte und erließ 1745 ein Dekret, „das die Beschädigung der Alleen zu Kapitalverbrechen erhebt“, wie der kürzlich verstorbene Stadthistoriker Albert Sting in seinem Standardwerk schrieb. 1768 wurde ein Aufseher namens Friedrich Beutel bestellt. Er gab den Ludwigsburgern ihren Necknamen: die „Kastanienbeutel“.

Die Sicht auf die bepflanzten Boulevards änderte sich jedoch auch nach und nach in der Bevölkerung. 1960/61 gründete sich eine Bürgerinitiative, die sich für die Baumreihen einsetzte. Das „einmalige städtebauliche Bild von Schloss und Allee“, so wandte sie sich an die Öffentlichkeit, „soll durch einen neuzeitlichen Ingenieurbau verändert werden, ganze Baumreihen sollen fallen!“ Es war die Rede von einer „Verkehrsschlucht in unmittelbarer Nachbarschaft des Schlosses“. Die Initiative konnte den Ausbau der Stuttgarter- und Schlossstraße aber nicht verhindern. Auch die breite Baumallee der Friedrichstraße kam in den 1960er Jahren zugunsten des Durchgangsverkehrs weg.

Für die Gartenschau unverzichtbar

Die historischen Alleen sind dennoch weiterhin ein Wahrzeichen der Barockstadt. Die erste hieß Dicke Allee und ist heute als Königsallee bekannt. Der Blick zum Schloss ist ein beliebtes Fotomotiv – auch für die Einheimischen. Vom oberen Ende der Königsallee (Grüne Bettlade) kann man übrigens beinahe ohne Unterbrechung bis zum Monrepos unter Bäumen und somit bei heißem Wetter im Schatten spazieren. Hin und zurück ein Fußweg von immerhin zehn Kilometern.

In den vergangenen Jahren sind die Alleen immer mehr zum Sorgenkind der Stadt geworden. Fehlender Regen setzt den Bäumen zu, die zum Teil bereits krank und geschwächt sind. Für die Sanierung der Alleen sind im Haushalt 150 000 Euro jährlich vorgesehen. Künftige Herausforderungen sind darin allerdings nicht vorgesehen. Im Gegenteil. Eine Rathaussprecherin teilt mit: „Dieser Betrag wurde in den letzten Jahren mehrfach reduziert. Größere Maßnahmen müssen daher über mehrere Jahre gestreckt werden.“ Angesichts der Haushaltslage ist die Erhaltung der Alleen eine Herausforderung. Ihr kann die Stadt aber nicht ausweichen, sollte Ludwigsburg die Landesgartenschau in den 2030er Jahren ausrichten wollen.




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