Stuttgart - Eric Carle hat die kleine Raupe Nimmersatt erfunden, die es inzwischen auf Tassen, Schulranzen und als Plüschtier gibt. Im Interview spricht der Künstler über Bücher, die Hoffnung geben und Lehrer, die ihn in Stuttgart triezten.
Ich habe lange nicht verstanden, warum dieses Buch so populär ist. Mein Verlag und ich wunderten uns, warum es bei so vielen jungen Lesern in so vielen Ländern so gut ankam. Es wurde ja in mehr als 60 Sprachen übersetzt. In der Zwischenzeit glaube ich, dass es ein Buch über Hoffnung ist. Ich glaube, dass sich die meisten Kinder mit der kleinen, hilflosen, bedeutungslosen Raupe identifizieren können. Und sie freuen sich, wenn sie sich in einen wunderschönen Schmetterling verwandelt. Die Geschichte sagt: Ich kann auch wachsen. Auch ich kann meine Flügel und mein Talent ausbreiten und hinaus in die Welt fliegen. Ich glaube, diese Sorge ist universell: Werde ich je erwachsen werden? Und werde ich in der Welt der Erwachsenen bestehen?
Wann haben Sie angefangen, Bilderbücher zu machen?
Ich war Art-Direktor in einer Werbeagentur, die sich auf Medizinwerbung spezialisiert hatte. Für eine Werbung malte ich einen Hummer, der Dr. Bill Martin junior, einem Lektor bei einem großen Verlag, gefiel. Ich sollte ein Buch für ihn illustrieren. Das hat mir so gefallen, dass ich selbst Autor werden wollte. Und fand so meine wahre Bestimmung im Leben.
„Die kleine Maus sucht einen Freund“ ist Ihr persönlicher Favorit. Warum das?
Freundschaft ist ungemein wichtig für Kinder. Ich selbst war ein Einzelkind. Ich war schon 21 Jahre alt, als meine Eltern ihr zweites Kind Christa bekamen. All meine Spielfreunde hatten Schwestern und Brüder. Ich fühlte mich einsam. Und deshalb waren mir meine Freunde so wichtig. Ein Freund meiner Kindheit aus Syracuse schrieb mir einen Brief, als wir nach Stuttgart zogen: „Ich vermisse dich. Wann kommst du wieder zurück?“ Ich besuchte diesen Jungen unangekündigt 26 Jahre später, klopfte an seiner Tür und erklärte, wer ich bin. Er sagte nur: „Warum sagst du das? Ich weiß, dass du Eric bist!“
„Eigentlich mache ich die Bilder erst mal für mich“
Ihr Buch „Quatschparade“ ist surrealistisch und erinnert an den Maler René Magritte. Was können wir von ihm lernen?
Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, ob Kinder Surrealismus mögen. Eigentlich mache ich die Bilder und Geschichten erst mal für mich. Und ich mag die Surrealisten wie etwa Magritte. Ich will ihn auch jungen Menschen näherbringen und bin mir sicher, dass sie das Absurde mögen. Als ich so 12, 13 Jahre alt war, hat mir mein Kunstlehrer Herr Krauss Bilder sogenannter entarteter Kunst gezeigt. Er hatte expressionistische und abstrakte Bilder an einem Geheimplatz bei sich zu Hause aufbewahrt. Ich war mir ziemlich sicher, dass Herr Krauss verrückt war. Ich habe aber nie vergessen, welchen tiefen Eindruck die Bilder bei mir hinterließen. Vielleicht will ich ein bisschen wie Herr Krauss sein und meinen jungen Freunden das Ungewöhnliche und Schöne zeigen.
Warum sind Bilderbücher für Kinder wichtig?
Ich hatte nicht viele Bücher als Kind. Aber ich kann mich immer noch gut daran erinnern, wie ich bei meinem Vater auf dem Schoß saß und er mir die lustige Seite der Sonntagszeitung mit Mickey Mouse und Flash Gordon vorgelesen hat. Ich hoffe, dass Leser aller Altersklassen an Büchern Freude haben. Ich glaube, dass es für Eltern, Tanten, Großeltern wichtig ist, zusammen mit Kindern Bücher zu lesen. Die Nähe, die dabei entsteht, ist magisch. Wenn man Kindern vorliest, lässt man sie wissen, dass sie einem wichtig sind, dass man sich kümmert und dass man sie liebt.
„Ich hasste und fürchtete die Schule“
Sie lebten von 1939 bis 1952 in Stuttgart. Sie waren sechs Jahre alt, als Sie Amerika verließen. War das schlimm damals?
Ich erinnere mich an den Tag, als wir am Stuttgarter Bahnhof ankamen und meine Großeltern uns abholten. Ein Großvater hatte einen Bart wie Bismarck, der andere wie Hitler. Ich hatte zuvor noch nie Bärte gesehen. Ich saß in der Straßenbahn bei meiner Großmutter auf dem Schoß und liebte sie vom ersten Augenblick an. Ich verstand kein Wort Deutsch, lächelte sie an, und sie lächelte zurück. Die Schule in Syracuse war ganz anders als die in Stuttgart. Zwei Kulturen, zwei Sprachen, zwei unterschiedliche Unterrichtssysteme: In Syracuse hatte ich eine nette Lehrerin, die ihre Schüler liebte. Es gab großes Papier, bunte Farben und dicke Pinsel. Deutschland war anders. In der ersten Woche kam es schon zur körperlichen Züchtigung. Es gab drei schmerzhafte Peitschenhiebe mit dem Bambusstecken auf die Handfläche. Ich hasste und fürchtete die Schule – bis auf die Kunststunden bei Herrn Krauss später.
Sie haben den Übergang von zu Hause in die Schule als Trauma bezeichnet.
Was für eine Kluft müssen die Kinder da überbrücken? Von Heimat und Sicherheit, einer Welt des Spiels und der Sinne, geht es hinein in eine Welt der Vernunft, Ordnung und Disziplin.
Sie hassten die Schule, aber Sie liebten Ihr Studium in Stuttgart.
Kurz nachdem der Krieg vorbei war, verließ ich die Schule, ohne mit der mittleren Reife abgeschlossen zu haben. Mein Kunstlehrer Herr Krauss empfahl mir, Grafikdesign an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart unter Professor Schneidler zu studieren. Er war ein eindrucksvoller Künstler und Lehrer. Er brachte mir Designprinzipien bei, die noch heute wichtig für meine Arbeit sind. Vereinfache und verfeinere, sei logisch und harmonisch. Sein liebster Befehl war: „Immer wieder von vorne anfangen.“
War „Die kleine Raupe Nimmersatt“ eigentlich das Lieblingsbuch Ihrer eigenen Kinder?
Ganz ehrlich, meine Kinder interessierten sich nicht sehr für meine Arbeit. Aber jetzt sind sie sehr stolz auf mich. „Papa, bitte hol für mich den Mond vom Himmel“ war von meiner Tochter inspiriert, die mir wirklich diese Frage stellte. Für sie bastelte ich eine Version, bis dann Jahre später die Druckmöglichkeiten da waren, ein Buch mit den ausfaltbaren Seiten zu produzieren.
Eric Carle wurde am 25. Juni 1929 in Syracuse im US-Bundesstaat New York geboren. Seine Schul- und Studienzeit verbrachte er in Deutschland. Er studierte an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. 1952 ging er zurück nach Amerika. Sein erstes Bilderbuch veröffentlichte er 1968. Sein berühmtestes Werk ist „Die kleine Raupe Nimmersatt“ (1969).