Maria Segura Pallerés sitzt auf der Tribüne der Scharrena, die morgendliche Trainingseinheit ist vorüber. Das Gespräch dreht sich um Volleyball, ihre Laufbahn, ihr Leben. Und natürlich um ihre Zeit in Stuttgart. Bei der Frage, wie sie denn waren, diese vier Jahre, gerät sie ins Stocken, ihr kommen die Tränen. Kollegin Kayla Haneline eilt herbei, erkundigt sich, ob sie eine Umarmung brauche. Die Spanierin lächelt, es geht schon wieder. „In dem Moment, in dem ich ankam, habe ich mich bereits wie zuhause gefühlt“, antwortet sie dann, „es war die beste Zeit meiner Karriere.“ Die bald vorbei sein wird.
Dass dieser Schritt irgendwann kommen würde, war klar. Die Außenangreiferin ist 31 Jahre alt, im Volleyball hören viele Profis früher auf. Und trotzdem gibt es eine Sache, die eigentlich auch Maria Segura Pallerés ins Grübeln bringen müsste: Sie spielt in dieser Saison stärker als je zuvor. „Das stimmt“, sagt sie, „aber vielleicht liegt es ja gerade daran, dass ich weiß, es wird die letzte sein. Ich liebe Volleyball so sehr, dass ich nicht erst gehen will, wenn ich nicht mehr auf meinem höchsten Niveau bin. Und ich möchte außerhalb des Sports mehr erleben. Es ist der richtige Moment, um etwas anderes zu machen.“
Maria Segura Pallerés zieht nach München
Ihrem Sport bleibt Maria Segura Pallerés allerdings treu. Sie wird nach München ziehen, zu ihrer Lebensgefährtin Alessandra Jovy-Heuser, die mit Allianz MTV Stuttgart 2015 den Pokal gewann. Dort will die Spanierin im Sportmarketing arbeiten und zudem für eine Agentur, die Volleyballerinnen betreut. „Ich muss noch viel lernen“, sagt sie, „aber ich habe einen Plan.“ Für ihre Zukunft. Und auch für die nächsten vier Wochen.
Denn natürlich möchte sich Maria Segura Pallerés nicht nur mit Tränen verabschieden. Sondern auch mit dem Triple. An diesem Samstag (17.10 Uhr, Scharrena) beginnen die Play-offs mit der Viertelfinalserie gegen den USC Münster, am Ende will der MTV nach dem Supercup und dem Pokal auch noch die Meisterschaft gewinnen. „Es wäre das perfekte Ende“, sagt die Kapitänin, „wir sind das kompletteste Team und selbst unser größter Gegner. Wenn wir fokussiert sind und wenig Fehler machen, dann gibt es in der Bundesliga niemanden, der uns schlagen kann.“ Was auch an Maria Segura Pallerés liegt.
Abschied von der Alleskönnerin
Sie ist die Alleskönnerin bei Allianz MTV Stuttgart: sicher in der Annahme, gut in der Abwehr, gefährlich über die Außenposition, stark im Aufschlag. Dazu kommen Ausstrahlung, Siegeswillen und der positive Einfluss auf ihre Teamkolleginnen. „Sie bringt die Stabilität in unserer Spiel, die anderen ihre Punkte ermöglicht“, sagt Sportdirektorin Kim Renkema, „und sie ist eine echte Anführerin, die eine ganze Mannschaft tragen kann.“ So sieht es auch Konstantin Bitter. „Durch ihr Können, ihre Erfahrung und das große Vertrauen, das wir in sie setzen, hat Maria eine enorme Strahlkraft“, sagt der MTV-Trainer, „sie ist immer zu 100 Prozent da, wenn es wirklich zählt, geht voran, ist die ideale Kapitänin. Das Team verliert eine große Persönlichkeit, der Verein eines seiner Gesichter.“
Die Verbindung zum Club, zur Führungsriege und zu den Fans („Die besten, vor denen ich je gespielt habe“) war Maria Segura Pallerés stets sehr wichtig. Der Anspruch des MTV, in familiärer Atmosphäre immer besser werden zu wollen, hat ihr immer gefallen. „Ich bin eine Spielerin geworden, die diese Werte repräsentieren konnte“, sagt sie, „Allianz MTV Stuttgart hat in der Bundesliga Geschichte geschrieben. Ich bin sehr stolz, Kapitänin dieses Vereins und dieses Teams zu sein. Das bedeutet mir enorm viel.“
Maria Segura Pallerés hat bereits Übernachtungsmöglichkeiten reserviert
Entsprechend schwer wird Maria Segura Pallerés zu ersetzen sein. Als Mensch. Aber auch als Sportlerin. „Sie hat einen unglaublichen Charakter und Fähigkeiten als Allrounderin, über die nur Wenige verfügen“, sagt Kim Renkema, „gute Annahmespielerin sind schwer zu finden und sehr teuer.“ Trotzdem ist Maria Segura Pallerés, was die Zukunft ihres Herzensvereins angeht, ziemlich zuversichtlich: „Es wird eine neue Generation kommen, die wieder um Titel spielt.“ Sie selbst wird es intensiv beobachten.
Etwaige Übernachtungsmöglichkeiten hat die Spanierin bereits reserviert, sie wird öfter an den Ort zurückkehren, der ihr viel gegeben hat. „Ich werde Stuttgart weiterhin brauchen, hier leben viele meiner Freunde“, sagt die Volleyballerin, die aus Barcelona stammt und in Stuttgart die „perfekte Kombination aus Urbanität und Natur“ liebt: „Die vier Jahre hier waren ein Traum. Es ist für mich immer klar gewesen, meine Karriere in Stuttgart zu beenden.“
Vor diesem Abschied stehen nun, wenn es gut läuft, drei Play-off-Runden. Und, so viel ist ganz sicher, noch viel mehr Tränen.