Seine früheren Vorgesetzten von der Evangelischen Gesellschaft sagen, der Andreas Hertel sei ein Erzieher „mit Leib und Seele“, und wie er da unterm Sonnensegel auf dem Hof seines Hauses in Renningen neben seinem raketenförmigen bunten E-Auto und dem Freiluftgehege mit den hoppelnden Kaninchen sitzt, da möchte man das glauben.
Zwei Stunden kann Hertel von den Höhen und Tiefen seines Berufs erzählen und von den Momenten, wo es plötzlich „knack“ gemacht hat, und warum er kündigte und Ende September sein letzter Arbeitstag war. „Ich habe den Beruf geliebt, der Arbeitgeber war sehr gut, ich mochte den Schichtdienst – da hatte man auch mal eine paar Tage am Stück frei“, sagt Hertel. Der Personalschlüssel sei gut, die 38-Stunden-Woche wurde eingehalten, auch die Bezahlung sei ordentlich gewesen, 3300 bis 3400 Euro netto aufgrund der Nacht- und Wochenendzuschläge.
„Ich erreichte die Kinder nicht mehr“
Hertel hat 24 Jahre lang in Wohngruppen im Flattich-Haus in Stuttgart-Zuffenhausen als Erzieher gearbeitet. Früher hätte man Kinderheim gesagt, heute ist es eine Gruppe von bis zu acht Kindern im Alter von sechs bis 17 Jahren, die aus den verschiedensten Gründen nicht bei den Eltern wohnen können. Für sie über Jahre hinweg da zu sein, sich um sie zu kümmern, elterliche Funktionen zu übernehmen, ihre Entwicklung zu begleiten, sie zu motivieren – das war sein Ding, das war sein Lebenselixier. Und dann kam die Entfremdung.
„Die Veränderung setzte so vor drei, vier Jahren ein. Ich erreichte die Kinder und Jugendlichen weniger“, sagt Hertel. Man habe natürlich bei aller Neutralität auch als Erzieher zu manchen Kindern ein innigeres Verhältnis als zu anderen, und einen guten Draht habe er zum 17-Jährigen Pascal (Name geändert), den und dessen Brüder er über Jahre hinweg begleitet hat. Mit positiven Resultaten.
Eigentlich hängen alle nur noch am Handy oder Laptop
Aber gerade am Beispiel von Pascal ist die Zeitenwende ablesbar. „Der Pascal macht jetzt eine Ausbildung, kommt er nachmittags heim, legt er sich ins Bett und ist fast nur noch am Handy“, so Hertel.
Zu seinem Verhalten im Feierabend bekenne sich der Jugendliche offenherzig mit den Worten: „Mein Bett ist der schönste Ort in meinem Leben.“ Ein Einzelfall sei das nicht. Eigentlich hingen alle Jugendlichen „nur noch am Handy oder am Laptop“, sagt Hertel.
Er wolle das nicht kritisieren, auch die Erwachsenen seien ja vielfach handysüchtig: „Ich schaue auch ständig aufs Handy, gucke nach meinen Blutzuckerwerten, nach Whatsapp und den News.“ Aber die Arbeit eines Erziehers ändere sich dadurch massiv. Für eine Beziehungsarbeit mit den Kindern brauche man Vertrauen, und das entstehe bei gemeinsamen Aktivitäten.
„Vor Jahren noch hatten wir mittwochs immer einen Aktivitätentag. Da sind wir alle raus mit dem VW-Bus: Schlittschuhlaufen, Schwimmbad, Exkursion. Oder wir haben Fußball gespielt, die Jüngeren haben sogar gebastelt.“ Davon sei nichts mehr übrig, das Handy schlage alles. Verweigert ein Jugendlicher die Aktivität, kann das ganze Gruppenerlebnis platzen. Früher sei es üblich gewesen, das jeder in der Gruppe eine Sportart mache, bei Pascal war es eine koreanische Kampfkunst. Da hat er sich abgemeldet, wie viele andere auch vom Sport.
Es bleiben natürlich noch Begegnungen, die Mahlzeiten, Hausaufgabenbetreuung, Einkäufe, Arztbesuche und die drei Freizeiten im Jahr. Aber der Rückzug der Kinder und Jugendlichen ist unübersehbar. Handyverbote sind bei älteren Jugendlichen kaum durchsetzbar. Als man im Flattich-Haus bei den Jüngeren spätabends die Handys einsammelte – da tricksten die Kinder die Erzieher und Erzieherinnen mit der Anschaffung von Zweitgeräten aus.
Hertel sagt von sich, er sei schulisch ein „Spätzünder“ gewesen, absolvierte die Realschule, machte eine Lehre zum Industriekaufmann beim Daimler: „Da fühlte ich mich als kleines Rädchen.“ Es war in seiner Freizeit Jugendleiter im Schachverein von Rutesheim – seinem Heimatort –, wo er die Arbeit mit Kindern kennenlernte. Da habe man nicht nur Schach gespielt, sondern auch gezeltet, gemeinsam gekocht und gekickt. „Wie begeisterungsfähig die Kinder sein können, das hat mir gefallen.“
Hertel sattelte um, machte eine Ausbildung zum Erzieher. Sein Anerkennungsjahr absolvierte er in der Kinderpsychiatrie von Hirsau, wo er ein paar Jahre hängen blieb. „Wir hatten in Wahrheit wenig psychisch kranke Kinder – beispielsweise magersüchtige. Die meisten waren vollkommen normal, aber weil sie Probleme mit dem Elternhaus hatten, steckte man sie in die Psychiatrie stationär für ein oder zwei Jahre.“
Das seien sehr lange Betreuungszeiten gewesen, mit dem einzigen Vorteil, dass man die Kinder gut kennengelernt habe. „Ich denke, viele Kinder waren in den 80ern rabiater als heute. Wir hatten einen Toberaum, so ähnlich wie das Bällebad bei Ikea, wo wir sie hineingeworfen haben, wenn sie gekratzt, getobt hatten oder sehr aggressiv waren.“
Bei Aggressivität werden schnell Medikamente verabreicht
Angesprochen auf die Tötungsdelikte unter Kindern und Jugendlichen, die in den letzten Monaten wieder Schlagzeilen machten, sagt Hertel nur, dass es solche Taten schon immer gegeben habe. Im Flattich-Haus sei nur ein Fall bekannt gewesen, wo ein Jugendlicher – der „schon viel Mist gemacht hatte“ – später einen räuberischen Überfall verübte und im Knast landete.
„Wir müssen die Wut und die Power der Kinder aushalten“, sagt Hertel, und manchmal gehöre bei drohender Fremd- oder Eigengefährdung dazu, dass man sie mal festhalte. Heute hingegen werden bei Aggressivität rasch Medikamente verabreicht. Er ist nicht sicher, ob das der richtige Weg ist. Von den verhaltensauffälligen Kinder, so meint er, entpuppten sich später 80 Prozent „als nette, ganz normale Kinder“. Natürlich seien sie „sauer“, wenn man sie in ein Heim stecke, sie fragten sich, ob ihre Eltern sie nicht lieb hätten.
In einem Fall verzehrte sich ein Sechsjähriger aus Berlin, den man „wegen der sauberen Luft und dem anderen Umfeld“ in ein Heim in den Schwarzwald gesteckt hatte, so sehr am Heimweh, dass er zum Störenfried wurde. In einem anderen Fall litt ein Kind so unter dem ständigen Streit seiner Eltern, dass es in der Schule einen Mülleimer in Brand steckte. „Deshalb kam der Junge in die Psychiatrie, dabei hat er signalisiert: Zu Hause brennt es!“
„Das war die grausamste Zeit meines Lebens“
Zu den schlimmsten Episoden seines Berufslebens gehört für Andreas Hertel der Drogentod eines 20-Jährigen, der nach der Entlassung aus der Psychiatrie einen guten Weg eingeschlagen hatte, aber wieder in alte Muster verfiel: „Da kam der Anruf: heute ist die Beerdigung. Das war die grausamste Zeit meines Lebens.“
Langfristig stellen sich aber auch Erfolge und Glück ein: Da ist die Geschichte von Thomas (Name geändert), der in eine Schule für geistig Behinderte gesteckt wurde und nicht sprach, weil er immens unter dem zerrütteten Elternhaus – der Vater trank, die Mutter floh in ihr Heimatland – litt. Der habe mit seiner Schwester eine Geheimsprache entwickelt, sagt Hertel. Man habe ihn so gefördert, dass er die Hauptschule schaffte, und die Beziehung zum Vater habe sich gebessert, seit der das Trinken aufgab.
Der Vater sei dann oft zu Besuch ins Flattich-Haus gekommen. „Mit ihm habe ich dann im Wechsel die Schul- und Pausenaufsicht für den Thomas gemacht. Der kletterte sehr gut auf Bäume, wollte auch immer auf Dächer, aber das war verboten und mussten wir stoppen.“ Erzieher und Erzieherinnen könnten die Eltern nie ersetzen, sagt Hertel, egal wie die sich verhielten: „Blut ist dicker als Wasser.“
Diagnose Nierenkrebs
Vor einigen Jahren ist bei Andreas Hertel ein Nierenkrebs diagnostiziert worden. Sein Beruf sei schön, aber zum Teil auch anstrengend und belastend. Er habe versucht, gesund zu leben, sei Vegetarier und trinke keinen Alkohol. „Vielleicht ging mir der Job doch an die Nieren.“
Das veränderte Freizeitverhalten mit dem Medienkonsum ist ein gewichtiger Grund, warum Hertel gekündigt hat und künftig zwei Tage in der Woche in einer Fahrradwerkstatt arbeiten wird. Aber auch die Gesundheit. Eine Krebstherapie habe positiv angeschlagen, aber es fehle ihm vielleicht jetzt auch die Kraft und die Geduld für diese Arbeit, sagt Hertel: „Im Sommer war ich mit der Gruppe in Südfrankreich. Da sind mir die Jungs am Strand davongerannt – ich war chancenlos.“