Alphaville im Wizemann Gold will kein Sonnyboy mehr sein

Von Christof Hammer 

Alles andere als eine One-Man-Show für Marian Gold: Alphaville präsentieren sich im Wizemann als Band zwischen Synthiepop und Elektrorock.

Marian Gold mit der Band Alphaville im Wizemann: Sie hatten „Forever young“ im Gepäck. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt 7 Bilder
Marian Gold mit der Band Alphaville im Wizemann: Sie hatten „Forever young“ im Gepäck. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Stuttgart - Verkehrte Welt im Hause Alphaville: Einerseits ist Marian Gold die einzig verbliebene Konstante bei dieser deutschen Synthiepopband. Die beiden anderen Gründungsmitglieder Bernhard Lloyd und Frank Mertens sind schon längst über alle Berge. Und doch will der Frontmann, der am Samstagabend auf der Bühne des Wizemann-Saals steht, nicht so recht als Identifikationsfigur taugen. Nach hinten gegelte Haare, Vollbart, eher zurückhaltende Bühnenpräsenz: Man tut sich schwer, den bald 65-Jährigen Gold des Jahres 2019 mit dem Alphaville-Sound von einst zusammenzubringen.

Und irgendwie fremdelt auch der Alphaville-Frontmann mit seiner Rolle als Popstar; selbst im Jahr 35 nach „Big in Japan“. Trotzdem verdient die Freiheit, mit der Gold sein Sonnyboy-Image aus Gründungstagen ignoriert, jeden Respekt. Hier denkt jemand nicht im entferntesten daran, sich von einer Bandidentität fesseln, in eine Imageschablone pressen zu lassen, sondern betreibt eine mehrfach umformierte Band aktuell als ganzheitlichen Klangkörper, in dem er nur ein Teil des Ganzen ist.

Soundtrack für Märchen-Fantasy

Natürlich spielt Gold als Sänger die Hauptrolle, aber Alphaville 2019 funktionieren als homogenes Quintett und nicht als One-Man-Show ihres Frontmannes. Wobei: Anfangs funktioniert das alles nur recht eingeschränkt. Vor allem im ersten Konzertdrittel reiht sich eine Belanglosigkeit an die nächste, knapp eine Dreiviertelstunde lang klingt die Musik so, als wäre sie als Soundtrack für einen Märchen-Fantasy-Film wie „Die unendliche Geschichte“ komponiert: zieht nett, flauschig, aber ohne Substanz ihre Kreise und bewegt sich mit viel Hall auf dem Schlagzeug sowie permanentem Tasten-Schönklang schon mal an der Grenze zum Schlagerpop.

Doch im Mitteldrittel ändert sich die Tonlage grundlegend – aus Synthiepop wird Elektrorock, technoid pluckern die Keyboards von Carsten Brocker, der mit David-Bowie-artiger Körpersprache auch optisch zum extrovertiertesten Akteur des Abends wird. Teil 3 des gut zweistündigen Abends gehört schließlich dem Gründungsmythos: Das Debütalbum „Forever young“ darf zeigen, wie taufrisch dieses deutsche New-Romantic-Meisterwerk Baujahr 1984 auch heute noch klingen kann. Dabei stiehlt „Sounds like a Melody“ mit einer Kombination aus Wucht und Melodie dem Welthit „Big in Japan“ übrigens glatt die Schau – und „Forever young“ bezaubert, vom Wizemann-Publikum in Karaoke-Manier intoniert, einmal mehr als Synthiepop-Ballade für die Ewigkeit.




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