Als Gastgroßmutter in der Türkei Luxusleben in Bodrum

Von Annette Hanisch 

Seit Mitte Mai ist Anna Rieth nun Au-pair-Grandmère bei Familie Kaplan. Ihr Arbeitstag beginnt um halb neun. Nach dem Frühstück gehen die 42-jährige Gülay Kaplan und ihr zehn Jahre älterer Mann Nuri zur Arbeit. Elif wird zur Schule gebracht. Eine Haushälterin putzt und kocht. Anna Rieth kann sich also voll und ganz auf Deniz konzentrieren. Sie spaziert mit ihm an den Strand oder zum Einkaufen in die Stadt. Oder sie spielt mit dem Jungen im großzügigen Garten. „So ein Luxusleben hatte ich als Mutter nicht“, erzählt Anna Rieth. „Da hatte ich kaum Zeit, mich um die Kinder zu kümmern, weil immer noch so viel im Haushalt zu tun war.“

Ursprünglich war abgemacht, dass sich die Au-pair-Oma fünf Stunden täglich um den Kleinen kümmert und im Gegenzug frei Kost und Logis genießt. Dass es inzwischen doch eher auf eine Vollzeittätigkeit hinausgelaufen ist, findet Anna Rieth nicht schlimm: „Ich wüsste gar nicht, wie es  anders gehen sollte bei Gülays beruflichem Arbeitspensum. Man gibt mir in jeder Hinsicht das Gefühl, dass ich zur Familie gehöre, und so tue ich, was eine leibliche Oma auch tun würde.“

Anna Rieths Gastfamilie ist gut situiert und Bodrum einer der liberalsten Orte der Türkei. Nuri Kaplan besitzt eine Elektrofirma und arbeitet von morgens bis spätabends, oft auch am Wochenende. Auch in Gülay Kaplans Kanzlei geht es hoch her. Die in Bielefeld ausgebildete Anwältin hat sich auf binationale und internationale Fälle spezialisiert. Die Familie lebt in einem großen Haus, und auch das zweistöckige Bürohaus, in dem beide arbeiten, ist Eigentum.

Aus einer Ferienliebe wurde eine Familie

Der Wohlstand ist hart erarbeitet. Gülays Eltern kamen in den siebziger Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland, Gülay war damals drei. Mit 18 machte sie das Abitur, schrieb sich als Jurastudentin ein, wurde Vorsitzende des Allgemeinen Studierendenausschusses. Nach dem Studium und dem Referendariat zog sie nach Bodrum zu ihrer Ferienliebe Nuri Kaplan. Gülays Eltern waren nicht erfreut, dass sie Deutschland verlassen hat. Aber seit sie verheiratet ist, es die Enkel gibt und Gülay Kaplan sogar zur deutschen Honorarkonsulin für die Provinz Mugla mit Dienstsitz in Bodrum ernannt wurde, überwiegt der Stolz auf die erfolgreiche Tochter.

Auch Nuri Kaplan hat sich mit Fleiß und Ehrgeiz emporgearbeitet. Er stammt aus einer kinderreichen Flüchtlingsfamilie, die nach dem Ersten Weltkrieg aus Bosnien ins Mutterland, nach Adapazarı, zurückkehrte. Nuri bekam von seiner Familie nur das Nötigste zum Überleben. Nach dem großen Erdbeben 1999, bei dem er viele Verwandte verlor, zog er aus dem Nordwesten der Türkei nach Bodrum, wo er vor elf Jahren die Touristin Gülay kennenlernte.

Die Kaplans entsprechen nicht dem deutschen Klischee einer türkischen Familie mit mindestens fünf Kindern, einer Frau, die brav daheim bleibt, und einem Mann, der in jeder Hinsicht das Sagen hat. Dass dieses Stereotyp in der modernen Türkei kaum noch zu finden ist, hat Anna Rieth schnell erfahren. Ihre Gastfamilie gehört zu der großen Zahl säkularer Familien, die sich zwar auf traditionelle Werte wie Zusammenhalt in der Verwandtschaft, Treue in der Ehe und Respekt vor den Älteren berufen, aber gleichzeitig ihren Kindern unabhängig vom Geschlecht eine möglichst gute Ausbildung ermöglichen wollen.