Altdorfer Wald bei Ravensburg Größter Windpark im Land im Naturjuwel geplant

Ein schönes Fleckchen Erde: Wolfegg am Altdorfer Wald im Kreis Ravensburg Foto: Imago/Alexander Rochau

Im Landkreis Ravensburg soll Baden-Württembergs größter Windpark entstehen. Dass dies ausgerechnet im Altdorfer Wald stattfinden soll, weckt vor Ort Emotionen.

Klima & Nachhaltigkeit: Judith A. Sägesser (ana)

Es ist ein Ort der Superlative. Die Weite des Altdorfer Waldes kann man vom Aussichtspunkt Süh aus erahnen. Wie ein großer dunkler See liegt der Wald dem Betrachter zu Füßen, umgeben von einer toskanisch anmutenden Hügellandschaft mit verstreuten Weilern und Gehöften. Ein paar wenige Kuppen südlicher, in Richtung Vogt sieht man sogar die schneebedeckten Alpen, als wären sie gleich ums Eck.

 

Der Altdorfer Wald im Kreis Ravensburg ist nicht nur beliebtes Touristenziel, er ist mit seinen 10 000 Hektar auch das größte zusammenhängende Waldgebiet in Oberschwaben. Und genau hier, inmitten von Baumwipfeln, könnte in den nächsten fünf Jahren der größte Windpark Baden-Württembergs entstehen. Bis zu 39 Windräder sind geplant, mit einer Gesamtleistung von 280 Megawatt.

Für den Kreis Ravensburg wäre das Projekt ein deutlicher Sprung nach vorne beim Ausbau, bisher drehen sich nämlich nur bei Bad Wurzach zwei Windräder, zehn weitere sind an anderen Orten genehmigt. Aber auch fürs ganze Land wäre ein Park mit bis zu 39 Windrädern ein Erfolg. Im Jahr 2023 wurden laut Umweltministerium ganze 16 Anlagen in Betrieb genommen und drei abgeschaltet.

Altdorfer Wald beeindruckt mit Zahlen

Das ist kläglich gemessen an dem formulierten Ziel, 100 Windräder ans Netz zu nehmen – jedes Jahr. Aktuell drehen sich im Südwesten rund 780 Anlagen mit einer installierten Leistung von 1,8 Gigawatt. Bis 2040 soll die Leistung bei insgesamt zwölf Gigawatt liegen, um die Klimaziele des Landes zu erreichen.

Die Flächen im Altdorfer Wald, auf denen nun die Anlagen entstehen sollen, gehören dem Land sowie dem Fürsten von Waldburg zu Wolfegg und Waldsee, es ist hauptsächlich Wirtschaftswald. Den Zuschlag erhalten für den Standort hat die Altdorfer Windpark GmbH, zu der sich die Stadtwerke Ulm und die „iTerra energy GmbH“ zusammengetan haben. Den Stadtwerken sei an der regionalen Energieerzeugung gelegen, und die „iTerra energy GmbH“ habe die nötige Expertise, sagt Petro Sporer, Projektleiter bei den Stadtwerken Ulm. „Wobei ein Projekt wie im Altdorfer Wald aufgrund der Größenordnung auch eine neue Herausforderung ist.“

Noch steckt das Projekt in der Planungsphase. „Aktuell arbeiten wir auf Basis einer vorläufigen Standortplanung und führen Voruntersuchungen, Kartierungen und Vermessungen durch“, sagt eine Sprecherin der Altdorfer Wald GmbH. Es sei nicht unwahrscheinlich, dass aufgrund äußerer Rahmenbedingungen noch Anlagen versetzt werden oder ganz aus der Planung fallen. 2025 wolle man die Genehmigung beantragen, gebaut werden könnte ab 2027. Es fehlt noch eine wichtige Grundlage: Die Regionalverbände im Land weisen derzeit Flächen für erneuerbare Energien aus. Fragt man Petro Sporer, für wie wahrscheinlich er es hält, dass der Windpark kommt, gibt er sich zuversichtlich.

Auf dieselbe Frage antwortet Helmut Fimpel: „Mit 39 Windrädern? 20 Prozent Wahrscheinlichkeit.“ Um zu zeigen, warum man die Planer aus seiner Sicht stoppen sollte, rumpelt er mit seinem Kleinwagen über Wege, die nur einer kennt, der hier daheim ist. Die atemberaubende Aussicht von der Süh, die bedeutende Quelle Weißenbronnen, deren Wasser indirekt ja auch die Stuttgarter tränken, weil es in den Bodensee mündet. „Das ist vielen gar nicht klar“, sagt Helmut Fimpel.

2025 soll Genehmigung beantragt werden

Fimpel, der in Wolfegg wohnt, ist im Verein Natur- und Kulturlandschaft Altdorfer Wald organisiert. Er mag sich gar nicht vorstellen, wie der Wald aussähe, wenn Schwertransporter so viele Windradflügel hier ins Naturidyll karren würden.

Schon jetzt hinterlässt der Windpark nach Ansicht von Umweltschützern deutliche Spuren. Das beste Beispiel sei der Baum, auf dem ein Rotmilan seit Jahren brütete und der jetzt am Wegesrand liegt. Vor wenigen Tagen wurde er gefällt. Ohne Genehmigung, wie die Sprecherin des Landratsamts Ravensburg bestätigt. Horstbäume unterliegen besonderem Schutz – und können für ein Windkraftprojekt zum Ausschlusskriterium werden. Aus Sicht der Behörde war es ein Versehen, rechtliche Schritte würden geprüft. Aus Sicht der Waldschützer war es ein abgekartetes Spiel, um Raubvögel loszuwerden. Der Projektierer wiederum teilt mit, er veranlasse aktuell „an keiner Stelle invasive Maßnahmen wie etwa Fällungen“.

So bleibt der Fall vorerst ungeklärt – verstärkt aber wohl die Konfrontation vor Ort.

Helmut Fimpel sagt, er habe nicht grundsätzlich etwas gegen Windräder. „Aber da, wo sie hingehören.“ Und in den Altdorfer Wald gehören sie seiner Meinung nach nicht. Wenn hier überall Schneisen entstehen und Betonfundamente so groß wie Einfamilienhäuser vergraben würden, sei das doch kein gesunder Wald mehr.

Die Energiewende für den Klimaschutz wird an diesem Ort zum echten Dilemma. Besonders sichtbar wird das im Camp bei Grund. Seit Februar 2021 besetzen Aktivisten ein Stück Wald. Mit den Windrädern hat das aber nichts zu tun, sie wollen verhindern, dass hier Kies abgebaggert wird. Momentan ist es ruhig um die Sache, im Camp auch.

Kiesgrube nein, Windräder okay? – Bei dieser Frage seien die Leute im Camp gespalten, sagt Helmut Fimpel. „Die diskutieren um Teufels Ohr.“ Ohne ihn. Sein Verein habe die Aktivisten eine Zeit lang mit Essen versorgt, als hier noch richtig viele aus der ganzen Republik in den Wipfeln wohnten. Man hatte damals dasselbe Ziel. Auch der Verein hatte sich einst wegen der Kiesgruben gebildet. Inzwischen ist der Windpark das Hauptthema.

Das Camp „Alti bleibt“ kämpft für den Wald

Die Behörde, die ihn genehmigen soll, ist das Landratsamt Ravensburg. Denkt Lena Held, dass aus dem Projekt Wirklichkeit wird? Sie halte es für sehr wahrscheinlich, sagt die Sachgebietsleiterin im Bau- und Umweltamt, zuständig für Genehmigungen. „Aber die Frage ist die Größenordnung.“ Und die Unbekannte bleibt die Stimmungslage in den sieben betroffenen Gemeinden. Die Bürgermeister hätten keinen leichten Stand, sagt Peter Neisecke, Leiter des Bau- und Umweltamts. „Sie haben eine wichtige Rolle bei der Kommunikation, aber nicht bei der Entscheidung.“

Horstbaum eines Milans versehentlich gefällt

Der Projektierer plant noch vor der formellen Bürgerbeteiligung öffentliche Veranstaltungen in den Gemeinden, sobald ein belastbarer Standortplan vorliege, sagt die Sprecherin der Windpark Altdorfer Wald GmbH . „Wir versuchen, die involvierten Gemeinden und deren Bürger so transparent wie möglich teilhaben zu lassen“, sagt sie. Und das durchaus auch finanziell, lautet die Idee. „Alle, unabhängig von Alter und finanziellen Möglichkeiten, sollen eine Chance haben, einen Vorteil und Mehrwert aus dem Windpark für sich zu generieren“, sagt Petro Sporer. Das Wie werde sich allerdings erst klären, wenn die Planung steht.

Helmut Fimpel kocht bei dem Thema hoch. Die Stimme des 72-Jährigen vibriert. „Entschuldigung“, sagt er, „der Altdorfer Wald weckt einfach Emotionen. Und wir sehen gerade, wie er vor die Hunde geht“.

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