Alte Bausubstanz in Stuttgart Professorin fordert einen Abriss-Stopp – das sind die Gründe

Professorin Martina Baum hätte Stuttgarts Sportarena gerne vor dem Abriss bewahrt – ebenso wie mehrere Demonstrierende. Foto: Archiv/Lichtgut/Leif Piechowski/Privat/Frank Dölling, Montage: Jana Gäng

Calwer Passage, Sportarena, Schleyerhalle – nicht nur in Stuttgart läuft etwas bei Abrissen schief, findet die Professorin Martina Baum. Gemeinsam mit Architekten und Akademikern will sie alle Abrisse in Deutschland erst einmal stoppen. Warum?

Das Loch liegt in bester Lage: Ecke Königs- und Schulstraße. Zentraler geht in Stuttgart kaum – ein guter Treffpunkt, möchte man über die Probleme von Abrissen sprechen. Martina Baum, Professorin für Stadtplanung an der Universität Stuttgart und Architektin, stellt sich auf die Zehenspitzen.

 

Ein Bauzaun mit Bannern verdeckt, wo einst die Sportarena stand und wo seit der Investorenpleite alles stillsteht. „Verbrecher!!“ hat jemand darauf geschmiert. „Traurig, so ein Loch mitten in der Stadt“, sagt Baum.

Frau Baum, hätten Sie die Sportarena gerne vor dem Abriss gerettet?

Natürlich! Ich weine, wenn ich so etwas sehe. Und egal, ob einem die Architektur aus dieser Zeit nun persönlich gefällt – die Sportarena gehörte zum Erbe der Stadt. Man hätte sie umnutzen statt abreißen sollen.

Aber es hieß doch, man kann sie nicht sanieren?

Vielleicht nicht für den Zweck, den der Investor im Sinn hatte. Warum es nicht andersherum angehen? Sich erst das Gebäude ansehen, das nun mal da ist. Und dann über die passende Nutzung dafür nachdenken.

Auf dem Weg zum Büro bleibt Martina Baum bei den Architekturmodellen im Erdgeschoss des Unigebäudes am Stadtgarten stehen. Studierende zeigen dort ihre Entwürfe, wie sich Brüssels Wohnblocks umbauen statt abreißen lassen. Vergangenes Jahr haben Architekten, Akademiker und Institutionen einen offenen Brief an Bauministerin Klara Geywitz gesendet. Darin fordern sie ein Abrissmoratorium. Abrisse sollen in Deutschland vorläufig gestoppt und neu geregelt werden. Martina Baum gehört zu den Erstunterzeichnerinnen.

Sie wollen alle Abrisse aussetzen. Warum?

Wenn ein Gebäude nicht unter Denkmalschutz steht, können die Eigentümerinnen und Eigentümer allein entscheiden, ob sie es abreißen. Dafür brauchen sie keine Genehmigung. Solange der Gewinn in der Excel-Tabelle der Projektentwicklerinnen und Projektentwickler stimmt, werden auch Gebäude abgerissen, bei denen das Folgen für das kollektive Gedächtnis und für das Gemeinwohl hat. Und die wir deswegen erhalten müssten. Diese Folgen prüft aber momentan keiner – und deshalb sollten wir jetzt dringend mal stoppen und über Kriterien nachdenken, wann ein Gebäude erhaltenswert ist.

Von welchen Folgen sprechen Sie?

Zum einen geht es darum, das kollektive Gedächtnis einer Stadt zu wahren. In Stuttgart gehen wir nicht immer gut mit unserem Erbe um. Nicht nur die Gründerzeitvillen sind Teil der Stadtgeschichte. Sondern auch die Nachkriegsbauten, die uns aktuell vielleicht nicht so schön erscheinen. Am drängendsten ist es aber, die ökologischen Folgen vor dem Abriss zu prüfen.

Sie wollen für jedes Gebäude eine Ökobilanz aufstellen.

Ja, denn unsere gebaute Umwelt verbraucht einen maßgeblichen Teil der weltweiten Ressourcen. Da ist das Material, das wir für den Bau brauchen. Einige Materialien wie Beton müssen erst erzeugt werden – das kostet Energie und setzt CO2 frei. Dann wird das Material auf die Baustelle transportiert, auch das unter Aufwand von Energie und Emissionen. Nach dem Bau kommt der Betrieb: Heizen, kühlen, noch mehr Energie. Das heißt, bis zum Zeitpunkt des Abrisses hat ein Gebäude schon eine Menge an Energie und Materialien gekostet und CO2 freigesetzt.

 

Martina Baum blickt auf ein Loch in bester Lage: Seit der Insolvenz der Signa stehen die Arbeiten an Millionenprojekten von Investor René Benko still. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski/Leif Piechowski

Material, Energie und Emissionen, die bei einem Neubau wieder nötig werden würden.

Ja, und auch der Abriss zahlt in die Ökobilanz ein. Auch der braucht Energie. Danach muss der Bauschutt mit LKWs abtransportiert und irgendwo gelagert werden. Die Transportwege sind oft weit, weil wir in Süddeutschland keine offenen Bau-Deponien mehr haben. Also wird der Schutt auch nach Tschechien oder Südpolen gefahren. Selbst wenn Teile oder Schutt für den Bau neuer Gebäude recycelt werden – und das passiert noch selten – braucht das unter Umständen sehr viel Energie.

Auch jetzt werden bereits Ökobilanzen für Gebäude aufgestellt.

Ja, aber das ist freiwillig, wenn Bauherr oder Bauherrin ein Zertifizierungslabel möchte. Und selbst dann wird oft nur eingerechnet, wie viel Energie und Emissionen ein Gebäude im Betrieb verursacht. Wir müssen aber auf die gesamte Lebenszeit schauen: Den Bau, den Betrieb, den Abbruch und die Deponierung des Abbruchschutts. Dann würden viele Entscheidungen über Abrisse anders ausfallen.

Und wer würde das prüfen?

Es müsste ähnlich wie bei einer Baugenehmigung auch eine Abrissgenehmigung geben, die die öffentliche Hand erteilt. Das heißt, die Verwaltung müsste diese aufgestellten Kriterien für jeden Abriss prüfen, darunter die Ökobilanz.

Bauherren beschweren sich schon jetzt, dass Verfahren auf den Ämtern ewig dauern. Dabei drängt die Wohnungskrise. Können wir es uns leisten, jeden Abriss einzeln zu prüfen?

Wir müssen es uns leisten. Wenn wir über Nachhaltigkeit sprechen, geht es um unsere Lebensgrundlage. Aber natürlich, wir haben zu wenig Personal und die Verfahren dauern zu lange – auch, weil enorm viele Gesetze und Normen das Bauen regulieren. Wir müssen zum Beispiel die Landesbauordnung entschlacken und Umbauten erleichtern, um Zeit freizuschaufeln.

Was ist mit den Eigentümern? Gehen die nicht auf die Barrikaden, wenn sie nicht mehr entscheiden dürfen?

Das Recht des Einzelnen auf Eigentum steht. Aber im Gesetz steht auch eine Verpflichtung, die damit einhergeht. Da ist zu fragen: Was ist der Beitrag oder der Schaden auf gesellschaftlicher Ebene, die der Gewinn des Einzelnen bedeutet? Und dieser Schaden für die Gesellschaft ist – das zeigen die Zahlen deutlich – bei Abrissen enorm.

Professorin Martina Baum: „Der Schaden für die Gesellschaft ist bei Abrissen enorm.“ Foto: Privat /Frank Dölling

Den offenen Brief haben Sie vor gut einem Jahr an Frau Geywitz geschrieben. Ist seitdem etwas in der Politik passiert?

Ich denke, die Bundesregierung hat das schon wahrgenommen und das Bewusstsein ist größer. Bei den Ländern ist Bayern auf Initiative der Architekten vorangegangen, mit der Bauklasse E wie experimentieren oder einfach die Regeln zu entschlacken. Auch Baden-Württemberg arbeitet an der Landesbauordnung. Aber es sind noch zaghafte Schritte.

Nun kann die Stadt Stuttgart selbst nichts an Abrissregeln ändern. Gab es trotzdem lokale Reaktionen?

Ich kenne keine. Als ich vergangenes Jahr hier eine Gesprächsrunde zum Abrissmoratorium organisiert habe, war es auch nicht einfach, jemanden für das Podium zu bekommen. Aber Stuttgart zeichnet auch nicht gerade aus, bei der Stadtplanung progressiv nach vorne zu gehen.

Positioniert sich Baubürgermeister Pätzold beim Thema Abriss zu wenig?

Ich finde schon. Auch die IBA wäre eine gute Möglichkeit gewesen, den behutsamen Umgang mit dem Bestand in der Region ganz prominent in den Vordergrund zu stellen. Aber auch da wird bei vielen Projekten wie am Rotweg abgerissen. Dabei ist das die erste Siedlung nach dem Zweiten Weltkrieg in Stuttgart. Mit Kleinstwohnen und günstigen Wohnungen reagierte man auf Wohnungsnot und viele Geflüchtete. Enorm interessant aus heutiger Sicht – Baugeschichte, die jetzt einfach wegfällt.

Immerhin hat man Bürger vor dem Abriss noch Einrichtung und Bauteile aus den Häusern mitnehmen lassen.

Gut, das war dann noch das Feigenblatt.

Und abseits der Politik, tut sich da was im Stuttgarter Abrissgeschehen?

Wir haben mit Stadtpalais oder Wagenhallen natürlich Beispiele, in denen öffentliche Gebäude auf einem hohen architektonischen Niveau transformiert wurden - abreißen durfte man das Stadtpalais auch nicht. Aber wenn man durch die Stadt geht, sind Bauzäune um Abrissgruben und danach Neubau der Normalfall. Das ist einfacher zu kalkulieren als mit dem Bestand zu arbeiten. Dabei haben wir noch bis zur Moderne versucht, Material möglichst lange zu nutzen und umzubauen. Diese Wertschätzung ging verloren. Wir dachten, Ressourcen sind unendlich. Dabei sehen wir das Ende schon. Und trotzdem diskutieren wir wenig, ob das, was nach dem Abriss mit vielen Ressourcen gebaut wird, wirklich besser ist. Die neue Calwer Passage zum Beispiel ist mit ihrer begrünten Fassade kostenintensiv, war ein riesiger technischer Aufwand und muss permanent gepflegt werden.

Die Fassade der neuen Calwer Passage ist schön grün – laut Martina Baum aber auch kosten- und pflegeintensiv.  Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Muss man aber nicht auch umgekehrt fragen, ob der Bestand so ideal ist? Wir haben in Stuttgart viele Nachkriegsbauten mit schlechter Bausubstanz.

Nachkriegsgebäude haben sicherlich Probleme mit Dämmwerten. Aber auch da müssen wir den Einzelfall vor dem Abriss anschauen. Und für mich muss nicht jedes Gebäude den höchsten Energiestandard haben und abgerissen oder mit viel Aufwand nachgerüstet werden, so wie wir das gerade tun. Wir sollten Energiegemeinschaften im Stadtteil bilden: Ein Gebäude verbraucht vielleicht etwas mehr, dafür erzeugt ein anderes Energie.

Nach dem Krieg hat man auch großflächig abgerissen, um Stuttgart umzugestalten. Aber die damalige Vision der Auto-orientierten Stadt passt nicht mehr recht zu heutigen Idealen. Kann es ohne großflächige Abrisse den großen Wandel Stuttgarts geben?

Das Abrissmoratorium bedeutet nicht, dass wir alles im jetzigen Zustand einfrieren wollen, dass sich nichts mehr verändern darf. Und die Prüfung kann auch ergeben, dass ein Abriss sinnvoll ist. Die Autoinfrastruktur hier bietet sicherlich Ressourcen für grüne Freiräume…“

Baum dreht sich zum Fenster: „Man muss ja nur rausschauen“, sagt sie. „Viel zu große Straßen und große, ebenerdige Parkplätze, selbst in der Innenstadt. Die Rampen und Tunnel der B14 könnten auch ein neuer, linearer Park werden, wie es Studierende entworfen haben...“

Teile der B14 würden Studierende der Uni Stuttgart gerne in einen Park verwandeln.  Foto: Andreas Rosar/Fotoagentur-Stuttgart

Die große Transformation braucht es also auch weiterhin in Stuttgart. Nur geht die nicht mehr einher mit großen räumlichen Veränderungen durch Abrisse. Sie ist im Wesentlichen ein Bewusstseinswandel im Sinne der Nachhaltigkeit. Zu sagen, wir reißen eben nicht mehr leichtfertig alles ab und fangen von vorne an, wie wir das bisher gemacht haben. Sondern wir entwickeln das Bestehende weiter.

Bei aller Nachhaltigkeit, es muss doch auch ein Gebäude in Stuttgart geben, das Sie am liebsten ohne jede Rücksicht plattmachen würden?

Wow, schwierig. Mir fällt keines ein.

Auch nicht jüngere Großprojekte wie das Gerber?

Klar, vielleicht wenn ich bei einem Bau das Gefühl habe, das ist so generisch, so wenig Stadtarchitektur. Aber selbst bei diesen Gebäuden würde ich lieber schauen, was man daraus machen kann.

Ist Stuttgart eine Abrissstadt?

Zur Person
Architektin und Stadtplanerin Martina Baum ist Direktorin des Städtebau-Instituts und Professorin für Stadtplanung an der Universität Stuttgart. Sie gehört zu den Erstunterzeichnerinnen eines offenen Briefs an Bundesbauministerin Klara Geywitz im Jahr 2022, der ein Abrissmoratorium fordert.

Serie
In der Serie „Ist Stuttgart eine Abrissstadt?“ zeigen wir, wie viel in Stuttgart in den vergangenen Jahrzehnten abgerissen worden ist, wie Abrisse das Stadtbild verändert haben und was das für die Menschen in Stuttgart bedeutet.

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