Altenpflege im Kreis Böblingen Samariterstiftung sorgt sich um Pflegesituation

Seit Jahren ächzt die Pflege unter schwierigen Bedingungen. Das Personalproblem ist auch im Kreis Böblingen unübersehbar. Foto: dpa/Tom Weller

Die Samariterstiftung betreibt im Kreis Böblingen unter anderem in Gärtringen, Nufringen und bald Altdorf Altenheime. Personalnot und die demografische Entwicklung treiben dem Vorstandsvorsitzenden Frank Wößner Sorgenfalten auf die Stirn.

Böblingen: Martin Dudenhöffer (dud)

Jeder möchte gepflegt werden, wenn es nicht mehr geht. Jeder wünscht sich für seinen oder ihren gealterten Angehörigen eine Fachkraft, die sich mit Einsatz und Empathie um den geliebten Menschen kümmert. Aber seit Jahren klafft in Deutschland eine gewaltige Diskrepanz zwischen Wunschvorstellung und Wirklichkeit. Zu wenige – vor allem junge – Menschen wollen den immer wichtiger werdenden Beruf des Altenpflegers ergreifen.

 

So kommt es, dass auch in Einrichtungen im Kreis Böblingen die Themen Personalnotstand und demografischer Wandel zunehmend mit Sorge betrachtet werden. Einer, der die Branche kennt und nach Lösungen sucht, ist Frank Wößner, der Vorstandsvorsitzende der Samariterstiftung. Die Samariter betreiben im Kreis unter anderem in Gärtringen, Nufringen und ab September 2023 auch in Altdorf Altenpflegeeinrichtungen mit rund 1880 stationären Plätzen. Seit knapp zehn Jahren beobachtet Wößner einen negativen Trend: „Wir sehen eine kontinuierliche Verschlechterung der Lage. Während wir Anfang der 2010er-Jahre noch unsicher waren, ob wir alle Häuser belegen können, ist dies heute kein Problem. Dafür fehlt es massiv an Pflegekräften“, erklärt Wößner.

Im Moment könne das Personaltableau nur befüllt werden, indem – trotz intensiver Ausbildung – auch auf Zeitarbeitskräfte zurückgegriffen wird. „Zudem werben wir für bis zu 15 000 Euro aus dem Kosovo, Rumänien oder Südamerika an“, sagt der Pfarrer und Betriebswirt. „Die Alternative zur Akquise im Ausland wäre die Belegung zu reduzieren. Das haben wir mit Blick auf den gewaltigen Bedarf bis jetzt vermieden. Lange durchhalten werden wir das nicht mehr“, fügt der seit 2012 an der Spitze der Stiftung stehende Vorsitzende an.

Personalgewinnung über das Ausland unabdingbar

Ebenfalls herausfordernd ist es, die gewonnenen Arbeitskräfte zu integrieren und ihnen Sprachkurse und Wohnraum zur Verfügung zu stellen. „Wir mieten die Wohnungen an und vermieten diese weiter. Ohne Wohnung keine Auslandsakquise. Die Kosten hierfür sind in den vergangenen Jahren ebenfalls in die Höhe gegangen“, so Wößner. Ohne ausländische Arbeitskräfte – ob Fach- oder Hilfskräfte – sei die Pflege aber nicht mehr zu leisten. Zu gering ist die Zahl der Nachwuchskräfte, die sich in der Altenpflege beruflich betätigen wollen und zu hoch der Anteil der Teilzeitkräfte. Zudem habe sich durch den dauerhaften Einsatz von Zeitarbeitskräften ein strukturelles Ungleichgewicht entwickelt: Zeitarbeiter können sich die Dienste freier aussuchen, können Wochenend- und Nachtschichten ablehnen. Festangestellte Pflegekräfte dagegen müssen auch zu den Randzeiten arbeiten.

Gerade die Arbeitszeiten am Wochenende und nachts schreckten viele Berufsstarter ab. Insgesamt, betont Frank Wößner, sei das oft kolportierte negative Image des Berufs nicht gerechtfertigt: „Die Bezahlung bei uns erfolgt in Anlehnung an den Tarifvertrag des Öffentlichen Dienstes. Auch die Ausbildungsvergütung ist im Branchenvergleich sehr gut und liegt zu Beginn schon bei 1190 Euro brutto. Außerdem handelt es sich um einen sicheren und sinnvollen Job.“ Experten sind sich einig, dass die Gesellschaft schneller altert und gleichzeitig der Anteil der Neugeborenen, die Nettoeinwanderung sowie die Weiterbildungsraten zu gering sind, um den Mangel aufzufangen. Die Pflege ist einer der Branchen, die davon besonders betroffen ist. „Wir kennen dieses Vakuum auch in der Kinderbetreuung. Im Gegensatz zu Kitas können wir aber nicht sagen, wir schließen um 14 Uhr, weil Erzieherinnen fehlen. Wir haben Tag und Nacht Betreuung zu gewährleisten“, so Wößner.

Dem größer werdenden Problem ins Auge blicken

Dem Vorstandsvorsitzenden zufolge wird der Höhepunkt des Personalengpasses erst noch folgen: „Es reicht nicht, den Status quo anzuschauen und festzustellen, dass wir bereits jetzt zu wenig Pflegekräfte haben. Wir müssen vorausschauen, denn in einigen Jahren droht uns eine noch massivere Entwicklung. Dann stehen uns die Babyboomer nicht mehr auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung“, blickt der 61-Jährige voraus. Diese gehen aktuell schon nach und nach in Rente. In der Belegschaft der Samariterstiftung gehöre ein Drittel zur Generation der zwischen 1955 und 1969 geborenen Menschen. Wößner geht allein für seine Organisation von etwa 1000 Mitarbeitern aus, die sich in den kommenden zehn Jahren in den Ruhestand verabschieden werden. In rund 25 Jahren zählen die Babyboomer dann zu dem Personenkreis, der gepflegt werden muss. „Wir blicken einem Problem ins Auge“, sagt Wößner bezüglich des Arbeitskräftemangels.

Trotz der Ungewissheit ist Frank Wößner nicht nur bange, er hat klare Vorstellungen davon, wie die Altenpflege in den kommenden Jahren gestärkt werden kann. Dabei sieht er die Kommunen als Schlüsselakteure. Ob im eigenen Zuhause oder in Pflegehäusern, die Menschen werden auch in Zukunft an ihren Wohnorten vor Ort alt werden. „Ich bin nicht resignativ. Ich denke, die Pflege sollte zukünftig auf drei Säulen stehen: Es braucht Profis, die die Pflege durchführen, viel technische Unterstützung und nicht zuletzt eine Zivilgesellschaft, die sich kümmert. Dazu gehören auch Ehrenamtliche, die bereits jetzt eine wichtige unterstützende Rolle im System einnehmen“, bekräftigt der 61-Jährige. „Aber allen Beteiligten muss klar sein: Wir müssen jetzt handeln!“

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