Alter Friedhof Degerloch Ein Stück Geschichte ist nur noch Schotter

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Der Arbeitskreis Alter Friedhof Degerloch bedauert, dass das Grab des Künstlers und Musikers Tell Geck abgeräumt wurde. Die Steinplatte, die das Grab bedeckte, ist bereits zerstört worden.

An der Mauer auf dem Alten Friedhof klafft eine Lücke: Das Grab von Tell Geck wurde abgeräumt. Foto: Sandra Hintermayr
An der Mauer auf dem Alten Friedhof klafft eine Lücke: Das Grab von Tell Geck wurde abgeräumt. Foto: Sandra Hintermayr

Degerloch - Vor wenigen Wochen wollte Günther Kurz das Grab seiner Mutter auf dem Alten Friedhof besuchen. Er überquerte den alten Teil des Friedhofs, um nach dem Leichenhäusle nach rechts auf den neuen Teil abzubiegen. Das erste Grab direkt an dem Mäuerchen auf der rechten Seite, das des Künstlers und Musikers Tell Geck, war zu seinem Entsetzen abgeräumt worden. Statt der Steinplatte, die das Grab bedeckte, war nur noch dunkle Erde zu sehen. Eine Anfrage beim Garten-, Friedhofs- und Forstamt (GFF) brachte Kurz, der Mitglied im Arbeitskreis Alter Friedhof Degerloch ist, Klarheit. „Ein Nachfahre der Linie Geck hat die Auflösung des Grabes beantragt“, sagt Kurz. Der Stein war nach seinen Informationen bereits zu Schotter zerkleinert worden. „Das ist sehr schade“, so Kurz.

Ein Werk Gecks hängt im Trauzimmer des Rathauses

Tell Geck mag nicht jedem Stuttgarter gleich ein Begriff sein. Für den Arbeitskreis Alter Friedhof Degerloch aber ist der Künstler und Musiker ein bedeutender Teil der Geschichte des Stadtbezirks. Eines seiner Werke hängt im Trauzimmer des Degerlocher Rathauses.

1895 wurde Geck in Offenburg geboren, seit 1919 lebte er mit einigen Unterbrechungen in Stuttgart und heiratete eine Degerlocherin. 1986 starb er in Degerloch. Zuletzt wohnte er auf dem Haigst. „Über Tell Geck ist relativ wenig bekannt“, sagt Kurz. „Er hatte wohl Kontakte zu Clara Zetkin und er war Mitglied der Naturfreunde Degerloch.“ Im Naturfreundehaus Roßhau hängen drei seiner Kunstwerke. Als Künstler sei der Sohn des linken Sozialisten Adolf Geck hauptsächlich in der Stuttgarter Gegend bekannt gewesen. „Der Künstler war im dritten Reich verfemt, viele seiner Werke wurden durch die Reichskulturkammer vernichtet“, sagt Kurz. Als zweites Standbein begann Geck mit einem Cellostudium und arbeitete zeitlebens als Musiklehrer.

Das Friedhofsamt wusste nichts von Gecks Bedeutung

An der Grabauflösung sei nichts unrechtes gewesen, betont Kurz. „Es war unser Fehler. Wir hatten das Garten-, Friedhofs- und Forstamt im Sommer 2014 mündlich darum gebeten, den Arbeitskreis über drohende Auflösungen in Kenntnis zu setzen. Doch wir hatten nichts Schriftliches.“ Dem Amt könne man also keinen Vorwurf machen. Dennoch bedauere er, dass der Stein vernichtet wurde. „Das Bewahren der Degerlocher Geschichte liegt uns am Herzen und Tell Geck gehört zu den Personen, die im Gedächtnis bleiben sollten.“

In der Abteilung Friedhöfe des GFF werden die Grabnutzungsrechte verwaltet. „Wenn diese auslaufen, werden die Inhaber von uns darüber informiert und gefragt, was mit dem Grab geschehen soll“, sagt Stefan Braun, der Leiter der Dienststelle Bestattungen und Gräberverwaltung. „In diesem Fall haben sie sich entschieden, das Grabnutzungsrecht zurückzugeben.“ Die Angehörigen hätten dann die Wahl, das Friedhofsamt oder einen Steinmetz zu beauftragen, das Grab zu räumen. Im Falle Geck sei Letzteres der Fall gewesen. „Die Entscheidung, was mit dem Grab geschieht, liegt allein bei den Angehörigen.“ Von Seiten derer habe es keinen Hinweis auf die Bedeutung Gecks gegeben. „Uns war nicht bekannt, dass es sich um eine Degerlocher Persönlichkeit handelt“, sagt Braun.

Hinweise über erhaltenswerte Gräber sind erwünscht

Es gibt die Möglichkeit, Gräber bedeutender Persönlichkeiten zu erhalten. In diesem Fall prüft das Friedhofsamt mögliche Personen in Zusammenarbeit mit dem Kulturamt und legt den Vorschlag dem Gemeinderat vor, der dann entscheidet, ob das Grab erhaltenswert ist oder nicht. „Ist das der Fall, geht das Grab in den Besitz der Stadt über, wenn die Inhaber das Nutzungsrecht nicht verlängern. Wir kümmern uns dann um Pflege und Erhaltung des Grabs“, sagt Braun. Auf Eigeninitiative könne das Amt indes nicht jedes Grab prüfen. „Das wären 10 000 Gräber im Jahr, das können wir nicht leisten.“ Es komme allerdings vor, dass die Mitarbeiter, die mit der Grabrückgabe betraut sind, einen Namen erkennen und eine Prüfung beantragen. „Manchmal kommen auch die Angehörigen auf die Stadt zu und bitten uns, das Grab zu erhalten. Auch Hinweise aus der Bevölkerung erleichtern uns die Arbeit“, sagt Braun.

Aus diesem Grund und um zu verhindern, dass weitere Gräber und Gedenksteine vernichtet werden, die in den Augen des Arbeitskreises wichtig für die Degerlocher Geschichte sind, möchte dieser eine Liste mit Gräbern anlegen, die erhaltenswert sind, und dem Friedhofsamt zur Prüfung vorlegen.

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