Stuttgart - Ziemlich genau zehn Jahre vor seinem Tod mit 84 Jahren schrieb der amerikanische Autor Philip Roth 2006 „Everyman“, den auf Hugo von Hofmannsthals Theaterstück anspielenden Roman vom Leben und Sterben eines ganz normalen Mannes. Darin fiel ein Satz, der sich der Nachwelt eingeprägt hat: „Das Alter ist kein Kampf, das Alter ist ein Massaker.“
Als „Jedermann“ herauskam, hatte sich Roth erstaunt gezeigt, dass in der Weltliteratur die explizite Beschäftigung mit nachlassenden geistigen Kräften und körperlichem Verfall überhaupt nicht sonderlich stark vertreten sei: Thomas Manns „Zauberberg“ fiel ihm ein, Leo Tolstois „Ein Tag im Leben des Iwan Iljitsch“ und Alexander Solschenizyns „Krebsstation“. Samuel Becketts schwer gehandicapte, absurd-traurig-komische Helden vergaß er, aber der Befund an sich war wohl nicht falsch, lässt man literaturhistorisch auch die aus, Männer natürlich, die sich mehr oder minder tragisch zum Hanswurst machen: angefangen von Henrik Ibsens jugendwahngeschädigtem Baumeister Solness zum Beispiel, der vom Dach fällt, oder Heinrich Manns „Professor Unrat“, dessen bürgerliche Existenz zum Teufel geht, als er beim Tingeltangel landet und am Ende ins Gefängnis geht.
Keine Sackgassen
Glaubt man der jüngsten Studie der Bertelsmann-Stiftung „Digital souverän?“ von 2019, die „Kompetenzen für ein selbstbestimmtes Leben im Alter“ untersucht, sind die Aussichten aber heute besser denn je, zumindest solchen Sackgassen aus dem Weg zu gehen. „In der Perspektive 2030“, heißt es bei Bertelsmann, „wird digitale Souveränität zu einer Kompassnadel, an der entlang die gesellschaftliche Bedeutung der Digitalisierung generationenübergreifend gestaltet werden kann.“
Zum Beispiel im Fall von „Jutta Schulzes 75. Geburtstag“, einem Bertelsmann-Szenario aus dem angesprochenen Perspektivjahr 2030, in dem besagte Frau Schulze, „allein, aber weiterhin sehr aktiv“, wie es heißt, anfängt, die Segnungen des Assistenzroboters zu entdecken. Die Digitalisierungsstelle hat sie beraten, Frau Schulze zeigt dem Roboter ihre Wohnung – und möchte nun den Wochenplan anpassen. Dazu gehört auch die Annahme von Anrufen in ihrer Abwesenheit. Frau Schulze, eine lebenslang Lernende, besucht derweil ein Seminar. Als sie wiederkommt, meldet der Roboter einen Anruf, den er als „Manipulationsversuch“ gewertet hat, aber nicht aufzeichnen durfte. Frau Schulze erwägt, ein zusätzliches Modul anzuschaffen, das ein „fälschungssicheres Nachvollziehen der Zugriffe“ gewährleisten könnte. Ihr Vertrauen in die Technik steigt. Möglicherweise wird sie dem Roboter demnächst auch Daten zur „Verlaufskontrolle ihres Gesundheitszustands“ übergeben.
Keine Beratung mehr
Das klingt gleichzeitig idealtypisch und utopisch, muss aber als Projektion nicht falsch sein, denn schließlich sind mittlerweile 80 Prozent der 60- bis 70-Jährigen sowie fast 50 Prozent der über Siebzigjährigen kompetent im Internet unterwegs – und es bleibt ihnen häufig auch gar nichts anderes übrig. Erst Anfang dieser Woche stand in unserer Zeitung auf Papier und online eine Geschichte, die thematisierte, dass immer mehr Reisebüros schließen, nicht zuletzt deshalb, weil die Deutsche Bahn die Umsatzbeteiligung beim Fahrscheinverkauf massiv eingeschränkt hat. Und dies, obwohl die Reisebüros für ihren – früher selbstverständlichen – Service nur die besten Bewertungen bekommen. Persönliche Beratung, die der bahnpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Matthias Gastel, noch für „sehr wichtig“ hält, ist auf vielen Geschäftsfeldern meist nicht länger vorgesehen. Individuell entsprechend funktionieren muss man am Ende tendenziell bis zum Friedhof.
Von diesem Ort aber – und seinen Vorstufen anderswo im Lebenslauf – ist seitens der Werbeindustrie, die massiv vom Netz bis zur „Apotheken Umschau“ als physischem Produkt aktiv ist, lieber nicht die Rede. Ausdrücklich wird beim sogenannten Seniorenmarketing dazu geraten, „altersbedingte Defizite elegant zu kommunizieren“, wie es zum Beispiel in einem Empfehlungsblatt von „Marketing Westfalen“ heißt. Was die Literatur früher, wie geschildert, weitgehend aussparte und neuerdings erst thematisiert (vor allem auf dem Sachbuchmarkt), nämlich die häufig beträchtlichen Lasten des Alterns und der oft ohnmächtige Umgang aller Beteiligten damit, soll auf keinen Fall angesprochen werden. Es sei naheliegend, so die Marketingrichtlinien, „nach Möglichkeit auch Hinweise auf körperliche Gebrechen oder mutmaßlich schwindende geistige Kapazitäten auszuklammern“. So gesehen darf das Altern, in der durchdigitalisierten Gesellschaft zumal, natürlich kein Massaker sein, während der Schwarzmarkt, wie jeder wissen kann, immer mehr Pflegekräfte aus aller Welt organisiert. Stattdessen müssen einfach mehr Masken getragen werden; der Schein soll trügen. Und er trügt ja auch.
Feier des „Unalter“
Hat es jemals in der Geschichte der Bundesrepublik zwischen spätem Studium generale, Flüchtlingsbetreuung und Ehrenamt mehr aktive alte Menschen gegeben als heute? Das ist eine Frage, die der in Basel lehrende deutsche Philosophieprofessor Andreas Brenner in seinem neuen Buch „Alter als Lebenskunst“ (Verlag Die Graue Edition) aufwirft – und uneingeschränkt mit Nein beantwortet, jedenfalls wenn es um vergleichsweise finanzstarke ältere Menschen geht. Im Prinzip sei das natürlich erfreulich, meint Brenner. Gleichzeitig zeige sich häufig in solchen Fällen aber auch die Wirkmächtigkeit des Seniorenmarketings. Es gelinge diesem Marketing immer öfter, „Storys vom Altsein zu erzählen, die geprägt sind von den Bildern der Jugend“. Die Wirkung sei mehr als bedenklich: Glorifiziert werde, was Menschen einmal waren, aber nicht mehr sind – mithin werde das Alter entwertet und das „Unalter“ gefeiert.
Brenners Bestandsaufnahme erinnert teilweise an eine Betrachtung des Wieners Jean Améry (1912–1978), die dieser 1968 schrieb, als er „Über das Altern“ (neu aufgelegt bei Klett-Cotta) nachdachte und kritisierte, dass die Gesellschaft Alternde auffordere, ihr Alter zu konsumieren, wie sie einst ihre Jugend konsumiert hätten. Das könne, folgerte Améry schon damals, nur zu Peinlichkeiten führen, weil die Alternden jetzt quasi ad infinitum von allem Möglichen enthusiasmiert sein müssten, wiewohl es sie „in Wahrheit nach Ruhe verlangt und nach Fontane“. Im Übrigen befinde man sich als Ewigjungbleibender keinesfalls „im Einverständnis mit der Gesellschaft“, sondern lediglich „im Vernehmen mit deren ökonomischer und publizitärer Fassade“. Amérys Alternative, als er dem Freitod, den er schließlich wählte, noch nichts abgewinnen konnte: Er entzog sich der Zeit. „Es ist schön und gut, zu altern . . . O Welt, o lass mich sein.“ Das freilich kann sich nicht jeder leisten, denn würdig Altern ist ja auch und vor allem eine finanzielle Frage.
Graue Wirklichkeit
Gleichwohl knüpft Andreas Brenner an Améry an, wenn er meint, dass ein Mensch, der nach einem langen und arbeitsreichen Leben eine „Sehnsucht nach Ruhe, nach Langsamkeit und Beisichsein den Angeboten der Zerstreuung“ vorziehe, sich deswegen nicht als abgewertet empfinden dürfe. Theoretisch klingt das gut, praktisch werden sich jedoch schon bald elementare Fragen auftun, nämlich vor allem die, ob die stetige Verarbeitung neuer Inhalte und Techniken nicht eben doch an den jeweiligen sozialen Status gebunden bleibt. Im Bundeskabinett immer noch strittig sind die Kosten der Grundrente.
Sollte sie so kommen, wie der Bundesarbeitsminister Hubertus Heil vorsieht, wäre ihre Finanzierung gerade einmal für fünf Jahre gesichert. Weder Bertelsmann-Stiftung noch Andreas Brenner aber gehen von einer Gesellschaft aus, deren (wacklige) Basis am Ende ebendiese Grundrente darstellte, sondern im Prinzip jeweils von einer hübschen Phantasmagorie, gekreuzt aus Fernsehbildern („Traumschiff“) und Werbewunschansichten.
Die Wirklichkeit sieht im Durchschnitt buchstäblich grauer aus, und ein in die Jahre gekommenes digitales Prekariat jenseits der Crowdworker, die dazu mehrheitlich schon gehören, scheint, von heute gesehen, die realistischere Variante zu sein. Wollen kann das keiner.