„Leistungsfähige Infrastruktur entscheidend“
Doch für den Einsatz des grünen Wasserstoffs auf der Schiene sei eine leistungsfähige Infrastruktur entscheidend, betont der Chef der DB Energie – der Bahn-Tochter, die sich als „Umweltvorreiter“ und „Treiber der Energiewende“ bezeichnet. Vor allem muss die Versorgung von Zügen mit alternativen Kraftstoffen schnell, zuverlässig und konkurrenzfähig möglich sein – besonders im Nah- und Regionalverkehr mit den engen Fahrtakten.
Mit Diesel ist ein Zug meist in 15 Minuten wieder vollgetankt und startbereit. Das will die Deutsche Bahn bald auch mit Wasserstoff schaffen, was als erhebliche technische Herausforderung gilt. Die erste Anlage hat der Staatskonzern in sechs Monaten mit dem Ulmer Unternehmen Wenger Engineering und dem Familienbetrieb Wystrach aus Weeze am Niederrhein konzipiert. Nächste Woche beginnen die Labortests in Österreich.
Wasserstoffzug soll Dieseltriebwagen ersetzen
Im Herbst soll die mobile DB-Wasserstofftankstelle dann montiert werden und kommenden Sommer in Baden-Württemberg in Betrieb gehen. Die Anlage ist Teil des Förderprojekts „H2goesRail“, das seit zwei Jahren im Südwesten dank Finanzierung durch Landesregierung und Bund läuft. Von 2024 an soll das komplexe Gesamtsystem für ein Jahr getestet werden. Siemens Mobility entwickelt dafür einen neuen zweiteiligen Regionalzug auf der Basis seines Modells Mireo, zudem wird die benötigte Infrastruktur zur Betankung und Instandhaltung aufgebaut.
Der Wasserstoffzug soll einen Dieseltriebwagen ersetzen, der zwischen Tübingen, Horb und Pforzheim fährt. Dadurch sollen nach DB-Angaben in einem Jahr bei 120 000 Kilometern Probebetrieb rund 330 Tonnen CO2 eingespart werden. Der geplante Regionalzug soll Tempo 160 fahren können, 600 Kilometer Reichweite haben und so leistungsfähig wie elektrische Triebzüge sein. Der Wasserstoff soll nachhaltig in Tübingen von DB Energie mithilfe von Ökostrom produziert werden. Für die Wartung des Zugs soll das Werk der Deutschen Bahn in Ulm ausgerüstet werden.
Bahn fährt beim Klimaschutz mehrgleisig
Die neue Wasserstoffinfrastruktur werde Maßstäbe setzen, verspricht die Deutsche Bahn. Die Tankstelle besteht demnach aus Speicher, Gas- und Pumptechnik, Kühlung sowie Verdichtung für Wasserstoff und ist für den mobilen Einsatz konstruiert, um flexibel Züge betanken zu können.
Die großen Pläne in Sachen Wasserstoffantrieb täuschen jedoch darüber hinweg, dass die Bahn beim Klimaschutz mehrgleisig fährt. Denn Wasserstoff gilt zwar als wegweisende Zukunftstechnologie, benötigt allerdings eine aufwendige Infrastruktur zur Produktion und Versorgung. Bislang ist noch offen, welche alternativen Technologien sich durchsetzen können, also wirtschaftlich, dauerhaft verfügbar und sicher sind. Die Deutsche Bahn erprobt unterschiedliche Lösungen, darunter Akku- und Hybridzüge. Aber auch synthetische Kraftstoffe, denn bis jetzt sind nur 62 Prozent des gut 34 000 Kilometer langen bundeseigenen Gleisnetzes in Deutschland elektrifiziert. Auf mehr als einem Drittel der Strecken und vor allem im Regionalverkehr fahren daher noch für längere Zeit Dieselzüge.
Züge sollen bis September 2024 geliefert werden
Auch andere Unternehmen in der Branche treiben den ökologischen Umbau voran. So hat die Niederbarnimer Eisenbahn-AG (NEB) gerade EU-weit einen Auftrag für sechs Wasserstoff-Brennstoffzellenzüge für die kleine Heidekrautbahn-Linie RB 27 nordöstlich von Berlin ausgeschrieben. Die Züge mit je 140 Sitzplätzen sollen bis September 2024 geliefert werden, die Instandhaltung bis 2034 ist inbegriffen.
Die NEB gehört zu einem Drittel Landkreisen und Kommunen, zu zwei Dritteln gemeinsam Captrain, einem Unternehmen der französischen Staatsbahn SNCF, und der Behala, der Hafen- und Lagergesellschaft des Landes Berlin. Der Auftrag hängt davon ab, ob die NEB den Zuschlag bei der Direktvergabe der Linie erhält.