Vor allem junge Menschen denken Partnerschaften heute in einem weiteren Sinne: Eine Beziehung muss nicht nur aus zwei Menschen bestehen. Foto: /Nedrofly Stock
Die Soziologin Andrea Newerla forscht zu Intimität. Sie ist der Meinung, dass wir unser Konzept von Nähe, Beziehungen und Liebe erweitern sollten. Vor allem die Idealisierung der Liebesbeziehung zu zweit findet sie überholt.
Unsere Beziehungen halten heutzutage nicht mehr ein Leben lang. Die Zahl der Single-Haushalte steigt, viele Menschen verbringen endlos viel Zeit damit, in zig Dating-Apps nach dem Menschen fürs Leben zu suchen. Warum eigentlich? Die Soziologin Andrea Newerla sagt, weil wir die romantische Zweierbeziehung völlig überidealisieren und als einzig legitime Lebensform anerkennen würden.
Frau Newerla, Ihr Buch heißt „Vom Ende des Romantikdiktats“. Was meinen Sie damit?
Viele irritiert der Titel etwas. Aber ich habe mich da zunächst ganz klassisch am Diktat wie in der Schule orientiert. Uns wird immer dasselbe Bild von Liebesbeziehungen erzählt: nämlich dass es das größte Glück auf Erden ist, bis ans Ende unserer Tage mit derselben Person zusammen zu sein. Viele haben dieses Bild im Kopf von romantischen Beziehungen, die ohne Fehler sein müssen.
Die Soziologin und Intimitätsforscherin Andrea Newerla empfiehlt, alle Beziehungen im Leben wertzuschätzen – nicht nur die romantischen. Foto: PR/privat
Oft wird einem das Gefühl vermittelt, man habe es nicht geschafft, wenn man keine dauerhafte Beziehung hat.
Die Idealisierung von der romantischen Beziehung fängt schon im Kindesalter an – in Märchen und bei Disney, aber auch in Filmen, selbst in Krimis, werden wenige andere Beziehungsgeschichten erzählt. Die romantische Zweierbeziehung ist die Norm. Jeder muss den Deckel zu seinem Topf finden, nur dann werden wir glücklich. Das ist unser Skript in der Gesellschaft.
Viele sind aber auch alleine überhaupt nicht glücklich.
Aber Menschen können jenseits dieses Modells glücklich werden. Dann nämlich, wenn wir Nähe, Liebe und Beziehungen neu denken. Und es liegt natürlich auch am Single-Shaming. Wer keinen Partner hat, wird als Single abgestempelt. Ob jemand andere intime Beziehungen führt, wird gar nie gefragt.
Aber wie gelingt das? Für viele ist das Single-Leben ein vorübergehender Zustand, der möglichst schnell überwunden werden muss.
Die meisten Beziehungen halten heute nicht mehr ein Leben lang, gleichzeitig werden wir immer älter in der Gesellschaft. Wer ist da, wenn wir alle vereinzelt alt geworden sind, weil der Partner bereits gestorben ist oder unsere Liebesbeziehungen und Kleinfamilien nicht von Bestand waren? Viele haben am Ende ihres Lebens, aber auch wenn ihre Partnerschaft scheitert, kaum tragfähige, intime Beziehungen. Daher braucht es ein größeres Bewusstsein dafür in der Gesellschaft, wie wir Nähe, Beziehungen und Intimität leben wollen.
Stimmt es, dass es unter jüngeren Menschen bereits ein Umdenken gibt?
Ja, viele jüngere Menschen gehen tatsächlich offener mit Beziehungen um, sie lernen heute ganz andere Formate kennen. Geschichte und soziale Kämpfe der queeren Community haben auch auf viele heterosexuelle Menschen einen Einfluss, wie sie Beziehungen denken und dann auch leben. Denn viele heterosexuelle Menschen verstehen oft nicht, dass wir die Normen für romantische Beziehungen selbst setzen. Die sind nicht biologisch in uns angelegt oder evolutionsbedingt. Trotzdem halten wir an diesen starren Skripten fest und glauben: „Das muss es sein.“
Menschen, die ihre Beziehung anders leben wollen, werden oft auch stark kritisiert oder stigmatisiert. Woran liegt das?
Das hat oft sehr reaktionäre Gründe. Wir drücken Menschen, die nicht monogam leben wollen, noch immer schnell den Stempel „bindungsgestört“ auf oder dass es nicht normal ist. Das halte ich für sehr problematisch. Die nehmen anderen nichts weg und zwingen auch niemand etwas auf. Heutzutage ist vieles möglich, auch andere Formen der Verbundenheit und Bindung. Und genau das möchte ich den Menschen zeigen: Die monogame romantische Beziehung ist eine menschengemachte Sache, keine natürliche. Aber der Gedanke, Liebe, Sex und Geschlecht anders zu denken, rüttelt bei vielen an ihren Grundfesten.
Manche Menschen sehen vielleicht einfach keine Alternative dazu?
Viele suchen nach Rettungsmöglichkeiten, vor allem auf sexueller Ebene ist das bisher zu beobachten. Polyamorie und offene Beziehungen werden heute immer offener praktiziert, diese Modelle sind dadurch auch beliebter geworden. Viele entscheiden sich wiederum auch bewusst fürs Alleinsein. Aber was ich bei allen Varianten feststelle: Alle diese Rettungsversuche orientieren sich am Modell der romantischen Liebesbeziehung und nicht etwa an Freundschaften als Lebensmittelpunkt.
Glauben Sie, dass sich die Akzeptanz für andere Formen des Beziehungslebens langfristig ändern wird?
Dazu müssen wir umdenken, vor allem in puncto Freundschaften. Wir reden in Freundschaften selten über Nähe, über Verbindlichkeit und über gegenseitige Verantwortung. Wir erwarten deshalb von unseren Freunden oft gar nicht, dass sie bereit wären, verbindlicher zu sein – und fragen deshalb auch nie danach. Dabei gibt es einen viel größeren Gestaltungsspielraum in Freundschaften. Das ist vor allem für Alleinerziehende und Singles ein relevantes Thema.
Wertschätzen wir unsere Freundschaften, die teils ja heute viel länger bestehen als Beziehungen, zu wenig?
Ja, auf jeden Fall! Freundschaften sind sehr relevant für unser Leben, wir sollten sie deshalb viel intensiver pflegen und an ihnen arbeiten – genauso wie an unseren romantischen Beziehungen. Aber wir stufen sie oft eher als Beziehungen zweiter Klasse ein.
Aber was müsste auf gesellschaftlicher Ebene passieren, damit Menschen Beziehungen anders denken?
Meine Schlussfolgerung ist: Let’s talk about intimacy! Bauen wir unsere intimen Welten so, dass sie auf einem breiteren Fundament stehen. Und selbst wenn wir in einer Partnerschaft zu zweit sind: Müssen wir von heute auf morgen mit jemand anderem total intim und verbindlich sein? Muss ich mit meinem Partner unbedingt in den Urlaub fahren, oder müssen wir uns jeden Tag sehen? Vielen ist dieses Beziehungsmodell heute zu eng.
Weil wir alles auf eine Person setzen?
Ja, genau, daran kranken unsere Liebesbeziehungen: Wir erwarten von einer Person, alles sein zu müssen.
Die FDP hat ja zu Beginn der Ampelkoalition eine Art Verantwortungsgemeinschaft geplant. Wäre das ein tragfähiges Modell?
Die Verantwortungsgemeinschaft hat sehr großes Potenzial, ja. Und die Idee ist auch sehr revolutionär. So etwas gibt es in Europa noch gar nicht, dass über die Zweisamkeit hinausgedacht wird. Aber heiraten ist für viele heute nur noch eine Option unter vielen. Studien zeigen, Menschen finden sich heute über alle Beziehungsformen hinweg in immer kürzeren Beziehungsphasen mit unterschiedlichen Partnern und Partnerinnen wieder. Die Verantwortungsgemeinschaft bietet die Chance, sich in unterschiedlichen Konstellationen umeinander zu kümmern. Man vereint Freiheit und Verbindlichkeit.
Lässt sich das mit unserem bisherigen Lebensmodell vereinbaren?
Wir müssen uns dazu eben nicht nur fragen, wie wir leben und lieben wollen, sondern auch: Wie wollen wir arbeiten? Für breite Beziehungsfundamente braucht es strukturell gute Rahmenbedingungen wie zum Beispiel durch die Einführung einer Viertagewoche. Wir müssen aus der Heimlichkeit und Häuslichkeit herauskommen und als Gesellschaft offen darüber sprechen, wie wir tiefe Beziehungen neu denken können.
Zur Person
Leben Andrea Newerla ist promovierte Soziologin und arbeitete zuletzt als Senior Scientist an der Paris Lodron Universität in Salzburg. Intimität, Sexualität, alternde Gesellschaft sind Themen, denen sie im Rahmen von Forschungsprojekten und Lehrveranstaltungen nachgeht. Insbesondere die Vielfalt intimer Beziehungen, die durch Dating-Apps initiiert werden, steht gegenwärtig im Fokus ihrer wissenschaftlichen Arbeit. Sie hinterfragt heteronormative Standards.
Buch Ihr Buch „Das Ende des Romantikdiktats: Warum wir Nähe, Beziehungen und Liebe neu denken sollten“ ist kürzlich erschienen. Darin fordert sie ein Umdenken in der Gesellschaft. (nay)