Altes Revier in der Gartenstraßenschule Sindelfinger Polizei sucht eine neue Bleibe

Das Polizeirevier Sindelfingen ist seit Ende der 80er-Jahre in der alten Gartenstraßenschule untergebracht. Foto: Dannecker

Sindelfingens Gesetzeshüter sind seit vielen Jahren in der denkmalgeschützten ehemaligen Gartenstraßenschule beherbergt. Doch diese Unterbringung sei nicht mehr zukunftsfest, sagt die Polizei und hegt Umzugspläne.

Das Sindelfinger Polizeirevier ist schon so lange in der alten Gartenstraßenschule untergebracht, dass viele Sindelfinger lange überlegen müssen, ob sie je woanders war. Doch die Tage des Reviers in der denkmalgeschützten ehemaligen Volksschule sind gezählt – oder jedenfalls absehbar. „Wir sind auf Suche nach neuen Räumen“, sagt der Pressesprecher des Polizeipräsidiums Ludwigsburg, Steffen Grabenstein. Die Immobilie sei nicht mehr adäquat für das, was man benötige, so der 47-Jährige. Und sanierungsbedürftig.

 

Barrierefreiheit ist ein wichtiges Kriterium und auch vorgeschrieben

Wer zur Polizei in Sindelfingen kommt, hat das Gefühl, ein schönes altes Gebäude zu betreten. Eines mit Charme und Charakter. Schön findet auch Steffen Grabenstein den historischen Bau aus 1905. „Aber wir kommen hier immer öfter an unsere Grenzen“, so der Mann aus Ludwigsburg. Dass die über 100 Jahre alte Immobilie Altersgebrechen entwickle, sei das eine. Schlimmer seien Anspruch und Wirklichkeit, was die Bedürfnisse der Polizeiarbeit anlange. Das fange mit der einfachen Holztür am zentralen Eingang an - und höre noch lange nicht damit auf. Die „Schleusenfunktion“, die man in der alten Schule hat, sei kritisch. Gemeint ist, was man auch Pufferraum nennt. In ein Polizeirevier kann nicht einfach jeder nach Belieben reinschlappen. Erst muss man klingeln, sich und sein Anliegen melden, bevor der Türdrücker summt. Die Außentür geht nur auf, wenn die Innentür noch verschlossen ist. Diesbezüglich herrsche Verbesserungsbedarf, berichtet Grabenstein. Und bestätigt, was gerüchteweise durch die Daimlerstadt wabert – Umzugswünsche.

Die Suche nach einem neuen Domizil könnte jahrelang dauern

Auch ein behindertengerechter, barrierefreier Zugang – vorgeschrieben – statt einer alten Steintreppe steht auf der Wunschliste der Polizei; bisher müssen Gehandicapte ums Gebäude herum. Sinnvoll sind auch schuss- und schlagsichere Scheiben einer bestimmten Schutzklasse im Erdgeschoss. Die Räume für die Beamtinnen und Beamten seien nicht mehr zeitgemäß. „Wir lagern hier Akten und Server und – vor allem – Waffen. Das verlangt alles hohe Sicherheitsstandards“, heißt es. Ein Rund-um-die-Uhr-Alltagsbetrieb nutze ein Gebäude höher ab.

Wohin dann aber? Das ist bisher unklar. „Wir suchen die eierlegende Wollmilchsau“, erklärt Steffen Grabenstein. Denn natürlich suche man einen zentralen Standort in der Stadt. „Wir können ja nicht in ein Gewerbegebiet.“ Aber da sind die möglichen Standortflächen naturgemäß knapp. Grabenstein setzt auf die Stadt als Vermieter, dass sie bei der Suche nach einer Lösung behilflich ist. Die bisherige Unterbringung in der Gartenstraße hat klare Vorteile: die Nähe zu Einsatzorten wie dem Bahnhof und Busbahnhof/Stern-Center, wo schon das eine oder andere passiert. Und genügend Parkraum im Hof für die Dienstfahrzeuge. Wobei die an einem anderen Standort auch in einer Tiefgarage stehen könnten.

Das Polizeirevier Sindelfingen ist mit knapp unter 100 Haushaltsstellen ein großes. Allein schon die fünf Dienstgruppen umfassen 40 Mann und Frau – Leitung, Ermittlungsdienst, Führungsgruppe. Hinzu kommen Angestellte in den Büros, der Schreibdienst. Und inkludiert ist der Posten Maichingen, mit einem Dutzend Kräften der größte im Umkreis.

Wann verlässt die Polizei ihr jetziges Domizil? Steffen Grabenstein kann keine Prognose abgeben. „Wir sprechen hier vermutlich eher von Jahren. Aber irgendwann muss man ja ein Signal setzen“, so der 47-Jährige. Wie lange so eine Suche gehen kann, sieht man beispielsweise am Polizeirevier Vaihingen/Enz. Oder in Ditzingen. Dort habe man schon 2001 gesagt, man sei womöglich bald nicht mehr da – und sei es immer noch (übrigens in einem Wohngebiet). Und last but not least liegt so ein Wechsel ja auch daran, wie viel Geld in den Kassen des Landes ist und wie notwendig man auf politischer Seite eine Neuunterbringung beurteilt.

Würden Räume frei, könnte die Volkshochschule sie nutzen

Den Fortgang freilich aufmerksam verfolgen dürfte ein anderer „Player“ in der alten Gartenstraßenschule – die Volkshochschule. Deren Chef Dr. Christian Fiebig hat diesbezüglich ein legitimes, logisches Interesse. Die VHS, seit 1991 im Ostflügel des großen Gebäudes untergebracht, ist in Sindelfingen auf drei Standorte verteilt. Neben der Gartenstraße ist man in der Neckarstraße in einer Etage - und von Alters her im Stiftsgymnasium in der Böblinger Straße. Eine Zentralisierung auf eine Einheit hätte schon Vorteile, sagt der 61-Jährige, der seit 2005 die Geschäfte der Erwachsenenbildungseinrichtung für Böblingen und Sindelfingen leitet.

An einem Ort zu sein, könnte größere Effizienz bringen, von wirtschaftlichem Vorteil sein, so Fiebig. Die Asylbewerber-Integration und Ukraine-Flüchtlinge würden die Nachfrage nach Deutschkursen vergrößern, sieht Fiebig wachenden Raumbedarf voraus. Die Innenstadtnähe und der Parkraum im hinteren Hof seien Vorzüge des Standorts, sagt er. Bildung gehöre auch mitten hinein in eine Stadt wie Sindelfingen – sichtbar. Das versteht Fiebig auch im Hinblick auf die architektonische Qualität. Das Jugendstilgebäude gefalle ihm persönlich sehr, es sei ein Schmuckstück: „Bildung sollte ein Habitus werden, man muss sie ästhetisieren“, meint der VHS-Chef: „Früher hat man Rathäuser und Schulen schön und ansprechend gebaut, um dem gerecht zu werden.“ Davon könnten sich viele Funktionsgebäude der Nachkriegszeit eine Scheibe abschneiden.

Die ehemalige Volksschule – architektonisch eine Perle

Von einem Böblinger erbaut
Die als Baudenkmal gelistete ehemalige Volksschule Gartenstraße wurde von 1904 bis 1905 erbaut. Sindelfingen war damals mit rund 4300 Einwohnern gerade mal so groß wie ein Dorf. Die Bauplanung lang in Händen von Otto Baumann, Böblinger Oberamtsbaumeister. Die Bauleitung hatte Georg Bürkle (1875-1962), ein in Sindelfingen umtriebiger Architekt. Seine Handschrift trugen rund 100 Häuser, von denen nur noch ein kleiner Teil übrig ist. Bürkle war auch Bauleiter der Schnödeneck-Siedlung von Paul Schmitthenner.

Geschweifter Giebel
Die Polizei, die zuvor in der heutigen Galerie am Marktplatz ihren Sitz hatte, zog Ende der 80er-Jahre in die Schule ein. Äußerlich ähnelt sie der Pestalozzischule in Böblingen, die 1903 erbaut worden ist. Besonders markant sind das malerische Glockentürmchen und der geschweifte Giebel. „Stilistisch ist der lang gezogene Putzbau bereits ein typischer Vertreter des Übergangsstils zwischen Historismus und Moderne, für den sich der Begriff der Reformarchitektur eingebürgert hat“, sagt Kunsthistorikerin Susanne Kittelberger.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Volkshochschule Polizei