„Wir werden, meine sehr verehrten Damen und Herren, Leistungen des Staates kürzen, Eigenverantwortung fordern und mehr Eigenleistung von jedem Einzelnen abfordern müssen“, sagt Schröder. Der Mann, der über glänzende rhetorische Fähigkeiten verfügt, trägt diese Sätze nüchtern vor. Fast wie ein Buchhalter.
Es ist der 14. März 2003. Schröder, damals Kanzler, kündigt im Bundestag die Agenda 2010 an, die ihn am Ende die Macht kosten sollte und die sich später doch – aus Sicht der meisten Beobachter – als wichtige Grundlage dafür erweisen wird, dass Deutschland nach Jahren hoher Arbeitslosigkeit die wirtschaftliche Wende schafft. Gerhard Schröder – der Staatsmann. Das ist das eine Gesicht des Mannes, der in Deutschland von 1998 bis 2005 Kanzler war und der an diesem Sonntag 80 Jahre alt wird.
Mal Staatsmann, mal Egoist
Das andere, das zweite Gesicht, hat Schröder zum Beispiel am Abend seiner Wahlniederlage im September 2005 gezeigt. Durch seinen furiosen Wahlkampf war zwar der ursprüngliche Vorsprung der CDU auf ein Minimum geschmolzen. Doch am Ende lag die Partei von CDU-Chefin Angela Merkel vorn. „Glauben Sie im Ernst, dass meine Partei auf ein Gesprächsangebot von Frau Merkel bei dieser Sachlage einginge, in dem sie sagt, sie möchte Bundeskanzlerin werden?“, sagte Schröder. Er zeigte im TV-Studio direkt auf Merkel. Ein ungehöriger Auftritt, das Aufbäumen eines Machos – und, wie sich bald zeigen sollte, ein Irrtum.
Schröder, der Staatsmann, und Schröder, der Egoist: Das sind die zwei Gesichter des dritten sozialdemokratischen Kanzlers in der Geschichte der Bundesrepublik. Sie gehören untrennbar zusammen. Ehrgeiz, Pragmatismus und das Talent, die eigene Politik im Fernsehen zu verkaufen: Das sind die Grundlagen für eine außergewöhnliche deutsche Aufsteigergeschichte.
„Wir waren die Asozialen“, so hat Schröder, geboren am 7. April 1944, selbst das gesellschaftliche Ansehen seiner Familie in der eigenen Kindheit beschrieben. Den eigenen Vater, der als Soldat im Krieg starb, hat Schröder nie kennengelernt. Der Stiefvater war krank und arbeitslos. Die Mutter ging putzen und hatte weitere Hilfsjobs, wie der Historiker Gregor Schöllgen in seiner Schröder-Biografie schreibt.
„Mama stand um fünf Uhr auf. Sie bereitete das Frühstück für alle und kochte die Wäsche auf dem Kohleherd“, so hat Schröders Schwester Gunhild den Alltag in der Familie einmal beschrieben. Um sieben Uhr habe ihr Putzdienst begonnen. „Abends kam Mama zurück, selten vor acht Uhr. Wir aßen noch eine Milchsuppe. Und das war es dann.“
Der ewig Suchende
Gerhard Schröder wollte raus aus diesen Verhältnissen. Unbedingt. Auf dem Fußballplatz nannten sie ihn „Acker“, weil er alles gab. Auch im Leben kämpfte er sich nach oben. Schröder besuchte die Abendschule, holte erst die Mittlere Reife nach und dann das Abitur. Er studierte Jura und wurde Rechtsanwalt. „Ich glaube, dass diese Haltung dem eigenen Leben gegenüber, dieses ständige Suchen nach etwas Neuem mich von Personen unterscheidet, die aus einer großbürgerlichen Familie stammen“, hat Schröder einmal gesagt. „Solchen Leuten bleibt immer etwas, weil sie es immer schon hatten, während ich immer nach etwas suchen muss. Das hört nie auf.“
Man muss geradezu denken, mit seiner Biografie sei Schröder der geborene Sozialdemokrat gewesen. Doch so war es nur bedingt. Auch in der Frage, welche die richtige Partei für ihn ist, war er im Jugendalter ein Suchender, der sich alles mal angeschaut hat.
Grundsätzlich habe Schröder eine Mitgliedschaft in der CDU nicht ausgeschlossen, schreibt der Historiker Schöllgen. An der FDP habe Schröder nicht das Programm, aber die taktische Position zwischen den Volksparteien spannend gefunden. Im Alter von 19 Jahren trat Schröder dann aber in die SPD ein.
Viele Kritiker haben Schröder vorgeworfen, ihm fehle es an einem inneren Geländer, einem verlässlichen Ideengerüst. Als niedersächsischer Ministerpräsident bewegte Schröder sich rasch vom linken Flügel zum rechten Flügel der Partei.
Der mittlerweile verstorbene „Spiegel“-Reporter Jürgen Leinemann, der Gerhard Schröder über Jahre begleitet hat, hat geschrieben, für den Kanzler sei der persönliche Erfolg das Allerwichtigste gewesen. „Wenn der mit den Interessen der Bürger, des Landes und seiner Partei übereinstimmt, umso besser“, heißt es in Leinmanns Buch „Höhenrausch“, das davon erzählt, wie Macht für Politiker zur Sucht wird.
Der Spitzenpolitiker Gerhard Schröder hat vieles situativ entschieden und bewies oft guten politischen Instinkt. Als Kanzler zögerte er nach den Attentaten vom 11. September 2001 nicht, sich an die Seite der USA zu stellen. Doch er weigerte sich, US-Präsident George W. Bush in den Irakkrieg zu folgen. Deutschland wurde außenpolitisch erwachsen. Zur Agenda 2010 rang Schröder sich erst durch, als das Land ökonomisch unter großem Druck stand – wohl auch, weil er keine andere Chance mehr für seine Regierung sah. Geprägt hat er Deutschland mit der Sozialstaatsreform aber dennoch. Widerstände waren für den Dickkopf Schröder immer ein Lebenselixier.
Schröder suchte das Duell
Nach oben geschafft hat Schröder es auch deshalb, weil er wie kaum ein anderer Politiker Menschen bei Fernsehauftritten von sich vereinnahmen konnte. Helmut Kohl weigerte sich 1998, mit seinem Herausforderer Schröder in ein TV-Duell zu gehen. Schröder wollte als Kanzler das TV-Duell mit seinem Herausforderer Edmund Stoiber unbedingt – und er hat damit einen neuen Standard gesetzt. Der Name Gerhard Schröder ist ein Synonym für die Mediendemokratie.
Schröder hat sich verrannt
Es ist ein ungewöhnliches, aber unterhaltsames Gedankenexperiment, sich die vier sozialdemokratischen Kanzler als Teilnehmer im TV-Dschungelcamp vorzustellen: Willy Brandt würde viel über ein faires Miteinander reden. Helmut Schmidt würde sich pflichtbewusst um das Lagerfeuer kümmern. Olaf Scholz würde sagen: „Ich habe die Lage hier am besten im Griff.“ Und Schröder? Er hätte jeden Tag eine Idee, wie er die Zuschauer unterhalten kann – ob mit Charme oder durch Gemeinheiten.
Schröder hat viele Seiten. Er hat im Amt viel erreicht, aber seinen Ruf schwer demoliert, weil es ihm in der Zeit danach vor allem ums Geldverdienen ging. Seine Freundschaft mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, einem menschenverachtenden Antidemokraten, hat er – trotz des brutalen Kriegs in der Ukraine – nicht aufgekündigt. Das ist beschämend und bitter. Schröder hat sich verrannt. Der Staatsmann ist passé, der Egoist bleibt. Ein wichtiger deutscher Kanzler ist er dennoch.