„Am Weihergraben“ in Kernen Nachhaltiges Wohnquartier war zunächst umstritten

Viel Holz und gerade Linien: Das Quartier am Friedhof in Rommelshausen Foto: Eva Herschmann

Michael Bolesch von der Kreisbaugesellschaft hat das Wohnprojekt „Am Weihergraben“ in Kernen gezeigt. Die Anlage, die auf Ideen von Werner Sobek basiert, war nicht unumstritten. Die Pläne waren anfangs noch anders.

Die Außenansicht der Häuser wird von geraden Linien und hölzernen Fassaden dominiert. Der schnörkellose, äußere Eindruck spiegelt sich drinnen in den praktisch und pragmatisch geschnittenen Wohnungen wider. 2020 entstand in Kernens Ortsteil Rommelshausen ein Quartier in nachhaltiger Holzbauweise auf Basis der von dem Bauingenieur Werner Sobek entwickelten Aktivhaus-Module. Am Samstag hat Michael Bolesch, Projektsteuerer bei der Kreisbaugesellschaft Waiblingen, Interessierten die Besonderheiten der Wohnanlage namens „Am Weihergraben“ erläutert.

 

Einige Wohnungen als Anschlussunterbringung

Zu Beginn der Planungen war das Wohnbauprojekt auf ehemaligen Ackerflächen der Gärtnerei Maile nicht unumstritten. Die Gemeindeverwaltung wollte zunächst neben Rommelshausens Friedhof eine Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete bauen. Doch im Laufe der Jahre verwandelte sich das Quartier in eines mit gefördertem Wohnungsbau für einkommensschwache Bürgerinnen und Bürger. Zudem sind ein paar Wohnungen entstanden als Anschlussunterbringung für geflüchtete Menschen, die schon einige Jahre in Kernen wohnen.

44 Module in zwei Größen – 60 Quadratmeter oder 40 Quadratmeter – stehen nun in der Friedhofstraße. „Das sind 44 Wohnungen, in denen rund 110 Menschen leben“, sagte Michael Bolesch. Ein Grund, warum sich der Gemeinderat seinerzeit für die modulare Holzbauweise entschieden habe, sei die deutliche kürzere Bauzeit. Vom Baugesuch im Oktober 2019 bis zum Bezug im Dezember 2020 seien nur etwas mehr als ein Jahr vergangen. „Und die Ratsmitglieder haben sich eine der Größe nach vergleichbare Wohnanlage in Winnenden-Schelmenholz angeschaut, die wir zuvor errichtet haben.“

Die fertigen Module sind nicht preiswert

Rund 6,5 Millionen Euro hat die Kreisbaugesellschaft in das Fertighaus-Quartier in Rommelshausen investiert. Etwa die Hälfte der Wohnungen werden direkt von der Kreisbaugesellschaft vermietet, die Belegung der restlichen Module obliegt der Gemeinde, die die Wohnungen gemietet hat.

Billig war die kleine Holzhaussiedlung am Ortsrand nicht. Die fertigen Module, die auf Lastwagen aus dem ukrainischen Mariupol hergekarrt wurden, kosteten ihren Preis, erklärte der Kreisbau-Projektsteuerer, und sie seien auch nicht binnen zwei bis drei Wochen aufgebaut. „Der technische Aufwand ist komplex.“

Holzmodule können komplett recycelt werden

Aber die Holzmodule seien dafür auch gut ausgestattet: „Wir haben eine hohe Dämmstärke, einen KfW-55-Standard, und es gibt Elektrospeicher für die Photovoltaikanlage“, sagte Michael Bolesch. Schließlich seien die Nebenkosten mittlerweile beinahe schon so hoch wie eine zweite Miete. Vor allem aber sei das Quartier nachhaltig: „Die Module können zu 100 Prozent recycelt werden.“

Es müsse allen klar sein, dass niemand heute mehr für 12 oder 13 Euro netto pro Quadratmeter bauen könne, sagte Bolesch. Auch weil die Landesbauordnung mittlerweile rund 24 000 Vorschriften aufweise, in denen es um Brandschutz und mehr gehe. „Ich kenne keinen, der die alle kennt.“

Kritik an langsamen, komplizierten Prozessen

Das Digitalisierungsverfahren zur Einreichung von Baugesuchen sei eine kleine Erleichterung, aber längst nicht genug: „Wir brauchen vom Gesetzgeber ein bisschen mehr Freiheit“, sagte Michael Bolesch. Zumal die schwerfällige Bürokratie nicht nur Bauvorhaben verzögere, sondern auch die Preise hoch treibe. Fehlendes Material verlängere die Bauzeiten ebenfalls, dazu fehle es in Deutschland an Handwerkern. „Und es gibt auch immer wieder Insolvenzverfahren bei Unternehmen der Ausbaugewerke. Und die Firmen, die nachrücken, halten sich nicht mehr an die Preise“, beklagte er.

Weitere Themen