Amazon in Darmsheim Moderne Zeiten
Wer bei Amazon bestellt, sollte wissen, was für ein System dahintersteckt.
Wer bei Amazon bestellt, sollte wissen, was für ein System dahintersteckt.
Es liegt nur ein Klick entfernt. Ob Sonnencreme, Schnürsenkel oder der neue Schwedenkrimi: Amazons Produktpalette ist schier unendlich. Der Online-Händler hat sich längst vom einstigen Kerngeschäft des Bücherversands weiterentwickelt zum größten Versandhaus der Welt. Daneben brummt das Geschäft mit dem Kundenbindungsprogramm Amazon Prime, das neben einem günstigeren Versand Video- und Musikinhalte in allen Formen und Farben bietet. Die Liste weiterer Services ist lang, ein großes Geschäftsfeld sind außerdem sogenannte Cloud-Dienste für Firmen. Verblüffend bei all dem: Das Geschäftsmodell des US-Konzerns mit Hauptsitz in Seattle war jahrelang gar keines.
Amazon-Gründer Jeff Bezos spannte sein Imperium zwar sukzessive über den gesamten Erdball auf, nahm aber in Kauf, dass der Konzern Verluste einfuhr. Die Strategie lag in einem klaren Fokus aus Wachstum – und das um jeden Preis. Von der Geburtsstunde 1994 bis 2014 war das Ergebnis rot. Nach dem Platzen der Dotcom-Blase um die Jahrtausendwende ging es gar ums nackte Überleben. Doch Aktienmarkt und Investoren glaubten beharrlich an den Erfolg, der vor allem in der aggressiven Verdrängung der Konkurrenz im stationären und Online-Handel begründet liegt.
Die Rechnung ging 2015 erstmals für Amazon auf: Seitdem fährt der Online-Händler Gewinne ein. Die Amazon-Aktie erklomm in den Jahren darauf immer neue Höhen und machte Gründer und CEO Jeff Bezos zwischenzeitlich zum reichsten Menschen der Erde. Doch der Erfolg hat seine Schattenseiten.
Zum einen war es bei Amazon jahrelang geübte Praxis, Geldströme so trickreich durch verschiedene Tochterunternehmen zu schleusen, dass keine oder nur sehr wenige Steuern anfielen. In Deutschland, wo der Konzern 2022 nach eigenen Angaben rund 33 Milliarden US-Dollar Umsatz generierte, gab das Unternehmen lange gar nichts an den Fiskus ab. Das Modell nannte sich „Double Irish with a Dutch Sandwich“: Die Gelder wurden über eine irische Tochtergesellschaft nach Luxemburg umgeleitet, das als Steueroase gilt. Erst nachdem immer wieder Kritik an dieser Praxis laut wurde, änderte Amazon 2015 seine Steuerstrategie. Seitdem gibt der Konzern an, Gewinne aus Inlandsverkäufen auch hier zu versteuern – sofern diese anfallen. Denn noch immer kalkuliert Amazon äußerst knapp, was dem Konzern mehrfach den Vorwurf des Marktmissbrauchs einbrachte.
Und vor Ort im Kreis Böblingen? Im September 2021 hat Amazon sein Verteilzentrum im Sindelfinger Ortsteil Darmsheim eröffnet. Auf 7140 Quadratmetern werden hier täglich im Schnitt 35 000 Pakete verarbeitet. Das Gebäude entstand nach modernen energetischen Gesichtspunkten: Solarzellen liefern Strom, in der Amazon-Flotte surren auch vollelektrische Sprinter Marke Mercedes-Benz, was den benachbarten Konzern mit Stern gefreut haben dürfte.
Im 15-Minuten-Takt kommen die Transporter an die Rampe, werden beladen und liefern aus. Als gigantisches Ballett beschreibt eine der 150 Amazon-Mitarbeiter das Versand-Räderwerk in Darmsheim. Und wehe, der empfindliche Ablauf wird einmal gestört. Kameras und Scanner verbunden mit einer Künstlichen Intelligenz wachen über den Arbeitstakt, der Mensch hat im Rhythmus zu funktionieren für 13,31 Euro die Stunde. Dazu läuft Musik aus dem Lautsprecher. Das weckt Erinnerungen an Charlie Chaplins Meisterwerk „Modern Times“ – moderne Zeiten: Der Mensch als Maschine in der Maschinerie. So bequem eine Bestellung bei Amazon also sein mag: Dieser Komfort hat seinen Preis.