American Football in Stuttgart Der Blitz hinterlässt verbrannte Erde

Einst deutscher Vizemeister, nun drittklassig: Mit dem Einstieg von Surge begann in Football-Stuttgart der Abstieg der Scorpions, aber nicht nur für jene. Foto: Baumann

Wie der European-League-Vizemeister Surge seit seinem Einstieg Football-Stuttgart verändert hat. Im Schatten des neuen Nachbarn ist es für zwei Traditionsvereine düster geworden. Ein Blick auf die Scorpions und die Silver Arrows.

Selten wurde ein Name so passend gewählt wie der des Footballteams von Stuttgart Surge. „Surge“ bedeutet übersetzt „plötzlicher Anstieg“ oder „Stromstoß“ – wobei Letzteres durch den Blitz im Vereinslogo illustriert wird. Eben einen plötzlichen Anstieg haben die Beteiligten gerade hinter sich: Zwei Jahre lang waren die Stuttgarter die Prügelknaben der European Football-League (ELF) gewesen, ehe sie in dieser Saison Vizemeister wurden. Und auch das mit dem Stromstoß macht inzwischen Sinn. Denn der Blitz von Surge hat in Football-Stuttgart verbrannte Erde hinterlassen: Zwei deutlich traditionsreichere Clubs kämpfen um ihr Überleben.

 

Zeitgleich mit dem Aufstieg von Surge geht es für zwei Football-Pioniere in der Landeshauptstadt talwärts: Die Stuttgart Scorpions, jahrelang in der German Football League (GLF) beheimatet und einst sogar deutscher Vizemeister, sind zuletzt bei nur einem Sieg in zehn Begegnungen sang- und klanglos in die drittklassige Regionalliga durchgereicht worden. Und die einstmals zweite Kraft in Stuttgart, die Silver Arrows, stürzte gar ganz ohne Sieg eine Etage tiefer, von der Oberliga in die Landesliga Baden-Württemberg. Dabei waren die „Silberpfeile“ anno 2008 und 2009 noch in der zweithöchsten Spielklasse angetreten.

Personeller Aderlass leitet Absturz ein

Von daher mag es überraschen, wenn Dennis Oppermann, zwei Jahre lang Scorpions-Cheftrainer, sagt: „Das Problem der Scorpions ist nicht Stuttgart Surge.“ Um dann zu ergänzen: „Nicht mehr.“ Klar ist: Das Franchise hatte, kaum aus der Taufe gehoben, kräftig zugelangt – bei Spielern, Trainern, Funktionären und Sponsoren, vorrangig der Scorpions. Jenen widerfuhr somit ein gewaltiger personeller Aderlass. Ironie des Schicksals: Der damit verbundene Surge-Erfolgsplan ging nicht auf, der Scorpions-Absturz aber war eingeleitet. Erst als der neue Nachbar nach seiner Null-Siege-Saison 2022 den gesamten Kader umkrempelte und sich hierzu diesmal vorrangig bei dem fünffachen deutschen Meister Schwäbisch Hall Unicorns bediente, kam der Surge – in diesem Fall mit der Wortbedeutung „plötzlicher Anstieg“. „Mich hat das nicht überrascht, dass Surge auf einmal so erfolgreich ist“, sagt Oppermann. „Von dem ursprünglichen Kader waren meines Wissens ja gerade mal sechs Spieler übrig geblieben.“

Nun wäre eine nahe liegende Vermutung, dass die Ex-Scorpions-Spieler auch wieder zu ihrem ursprünglichen Club zurückkehren. Doch just das geschah praktisch nicht. „Die Spieler sind größtenteils bei anderen Vereinen in der Umgebung gelandet“, sagt Oppermann – der übrigens seinerseits das Engagement bei den Scorpions beendet hat. Aus zeitlichen Gründen, so lautet die offizielle Version. Doch nicht nur in Sachen Spieler mussten die Scorpions schwere Verluste hinnehmen. Statt einst 2000 bis 2500 Zuschauern kamen zuletzt nur noch 500 bis 600 zu den Spielen der ersten Männermannschaft. „Außerdem haben sich unsere Sponsoreneinnahmen von einem sechsstelligen Betrag auf einen niederen fünfstelligen Betrag verringert“, sagt Roland Pellegrino, der Vorsitzende der Scorpions.

„Wir geben ab, kriegen aber nichts“

Wie es sich anfühlt, im Schatten eines vermeintlich Übermächtigen die Existenz zu behaupten, weiß Jürgen Doh. Seit mehr als drei Jahrzehnten ist Doh Präsident und Trainer der Silver Arrows. Der Club, einst aus einem Zusammenschluss der Stuttgart Stallions, der Büsnau Bats und der Backnang Wolverines entstanden, war geraume Zeit zweite Football-Kraft in Stuttgart, ist durch Stuttgart Surge inzwischen in die dritte Reihe gerückt. Nach dem Aderlass bei den Scorpions wanderten wiederum von den „Silberpfeilen“ etliche Spieler zum Lokalrivalen auf die Waldau ab – was quasi in einer Kettenreaktion den Arrows-Absturz nach sich zog. Einen Werbe-Effekt durch den ELF-Club Surge hat Doh nicht registriert: „Dass Football populärer ist, hat uns weder bei den Jugendlichen noch bei den Erwachsenen was gebracht“, sagt er. „Wir geben ab, kriegen aber nichts.“ Wobei es einen Vorteil gegenüber den Scorpions gibt: Es ist nicht die erste Krise, die Doh und die Seinen meistern müssen. „Aufgeben gibt es bei uns nicht“, gibt sich Doh kämpferisch. „Es wird dauern, aber es wird auch wieder aufwärts gehen.“

Kooperation zwischen Scorpions und Arrows?

Womit er nicht der Einzige in Stuttgart ist, der Zuversicht versprüht. Auch sein Amtskollege von den Scorpions verfährt nach diesem Motto: „Es wird noch dauern, bis wir uns beim Männer-Football von dem Schlag erholt haben, aber wir haben sehr guten Zulauf bei der Jugend, bei den Frauen, bei den Flag-Football-Teams und bei den Cheerleadern“, sagt Pellegrino. „Das ist auch gut so – wir sind eben ein Verein und für den Breitensport da.“ Vorstellen könnte er sich eine Kooperation mit den Silver Arrows. „Verein plus Verein – das wäre okay“, sagt Pellegrino. „Wir sind für Gespräche offen.“

Auch anderswo wird schon ein Blick in die Zukunft gerichtet: Jakob Johnson, Football-Profi der Las Vegas Raiders und Mitinhaber des Teams von Stuttgart Surge, der einst bei den Scorpions das Footballspielen gelernt hat, sagte nach dem im September verlorenen Finale in der European Football-League: „Wir werden hungriger zurückkommen.“

In manchen Ohren dürfte das wie eine Drohung klingen.

Football-Ländle Baden-Württemberg

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