André Hellers Show "Magnifico" Veitstantz des glücklichen Einhorns

Von Michael Werner 

André Heller zeigt in München "Magnifico", sein neues Spektakel mit Artisten, Fabelwesen und Pferden - und sorgt für viel Inspiration.

Ein Einhorn? Aber sicher! In André Hellers Traumwelt ist alles möglich. Foto: dpa
Ein Einhorn? Aber sicher! In André Hellers Traumwelt ist alles möglich. Foto: dpa
Stuttgart - Wenn einem André Hellers Helfershelfer im Zirkuszelt bei der Münchener Messe die Gästeliste des Abends zustecken, fängt man schon zu staunen an, bevor die Premiere seiner neuen Show überhaupt beginnt: dass es hierzulande so viele Prinzessinnen gibt!

Auch die Show – "Magnifico" ist sie nach einem Einhorn aus Hellers Kindheit benannt – ist eine Hochstapelei, eine ebenso spektakuläre wie liebenswerte. Da gaukelt uns ein Schimmel mit einer am Kopf montieren Lanzenspitze vor, er sei ein Einhorn. Da mimt ein Schimmel mit Flügeln einen Pegasus. Da möchte uns ein am Bühnenhimmel kopfüber tanzender und obendrein jonglierender Clown glauben machen, die schnöden Gesetze der Schwerkraft seien außer Kraft gesetzt. Und zwei aneinandergekuschelte Artisten, von denen einer einen Schweif trägt, geben vor, Zentauren zu sein, die fabelhaften Mischwesen aus Mensch und Pferd.

Diese Nummer heißt, laut Programmheft, im André-Heller-Duktus "Die Zentauren erleben das Eintreffen der hochmotivierten Hip-Hop-Delegation unter Führung ihres Comandante", und der Comandante entpuppt sich alsbald als besonders bemerkenswerter Kontorsionist. Seinen unwahrscheinlichen Verbiegungen hätte so mancher Varietédirektor wahrscheinlich halbe Ewigkeiten im Programm eingeräumt, in Hellers Zirkuszelt aber tupft er seine Künste scheinbar beiläufig und ganz kurz nur auf die Riesenbühne. Schon fegt ihn die nächste Attraktion weg, in diesem Fall ein begnadeter Voltigierer.

So etwas hat die Welt noch nicht gesehen


Denn André Heller hat sein Kaleidoskop der kühnen Künste unglaublich temporeich inszeniert. Wie Traumfetzen huschen sie vorüber, die virtuosen Schattentänzer samt ihrer scherenschnittartig sich verlustierenden Traumgeschöpfe, der hybride Balancespezialist, die allenthalben auf- und gleich wieder abtretenden Fabelwesen (Riesenquallen, Megawalross, Schimmerechse!), die kecken Diaboloartisten, die hingebungsvoll ihre Kunst vollführen, während hinter ihnen auf der Riesenleinwand Farben explodieren.

Die Träume des Einhorns Magnifico würden hier gezeigt, raunt André Heller zu Beginn seiner neuen Show, die auch den vermeintlich kleine Künsten Sorgfalt im XXL-Format angedeihen lässt. "Es gibt viele Welten gleichzeitig", sagt er auch. Jene der Gedanken beispielsweise und jene der Taten. Heller, der in seinem früheren Beruf als Liedermacher davon gesungen hat, dass die wahren Abenteuer im Kopf seien, transferiert nun als Ideengeber und künstlerischer Leiter von "Magnifico" auch die versponnensten Hirngespinste auf die Bühne. Da spielt ein Riese mit einer Marionette, die mit einem Marionettenpferdchen spielt. Gleichzeitig zieht ein prachtvolles echtes Pferd vorüber, das man als Pferdemarionette verkleidet hat, die von einer Fliegenden gesteuert wird. So etwas hat die Welt noch nicht gesehen!

In "Magnifico" ist die Inszenierung selbst der eigentliche Star, weil sie mit ihrer verschwenderischen Rasanz den Traumkosmos schafft, in dem die einzelnen Artisten glaubhaft existieren können. Dann wieder – perfektes Timing – gesteht André Heller dem Schweizer Gleichgewichtskünstler Mädir Eugster alias Rigolo alle Zeit der Welt zu, um aus einem Dutzend Rippen von Sanddorn-Palmblättern ein fragiles Gebilde übereinander schwebender Streben zu basteln, um es am Schluss furios einstürzen zu lassen.

Bei der Präsentationstechnik hat Heller Neuland beschritten


Dabei spielt Heller virtuos mit der Wahrnehmung seines Publikums: Erst weiß man nicht so recht, was das mikadoartige Arrangement zu bedeuten hat, dann erst begreift man, dass man Zeuge einer außergewöhnlichen äquilibristischen Übung wird, deren einziger Sinn darin besteht, einen Augenblick mit vollkommener Harmonie zu befruchten. Danach, wie zur Belohnung, barocke Opulenz: gigantische Seepferdchen, ein Pegasus, sprühende Feuerräder. Zum Weinen schön ist das alles.

Um derart bewegende Momente zu kreieren, hat André Heller auch in puncto Präsentationstechnik Neuland beschritten: Keine Manege sondern eine wandelbare Riesenbühne hat er ins Zelt pferchen lassen. Exquisit gemischtes Licht strahlt von oben, und hinten befeuern Experimentalfilme auf einer gigantischen Leinwand das Livegeschehen. Und dann die Musik! Hellers Sohn Ferdinand alias Leftboy beispielsweise hat zupackenden Hip-Hop eingespielt, der sich auf wundersame Weise mit Johann Strauß’ Radetzkymarsch in der Schwelgeversion verträgt.

Leftboys Hip-Hop beflügelt eine sehr einfallsreiche Abordnung chinesischer Hutjongleure; eine traumwandlerische Seiltänzerin tritt auf, ein grandioser Papierreißer, dem aus dem Nichts eine Aneinanderreihung unwahrscheinlich vieler Osterhasen gelingt. Eine mutierte Riesenspinne singt von ihrer Beute, flirrenden Flamenco gibt’s, schwebende Akrobaten – und gelegentlich tanzen Pferde.

Ein Füllhorn der Inspiration


Die Pferde dominieren diese Show nicht. Aber sie geben ihr ein Thema. Sie treten mit Glühbirnen benetzt im Dunkeln auf, was wunderschön aussieht, sie dienen einer Gruppe von prachtvoll kostümierten Wüstensöhnen als Überlebenshilfe. Aber am schönsten sind Hellers Pferde nackt, ohne Verzierungen, wenn sie allein durch ihre Anmutung die Illusion vollkommener Freiheit transportieren, ohne dass jemand mit der Peitsche herumfuchteln muss. Einmal ist es tatsächlich so, als tanzten drei Rappen aus freien Stücken miteinander.

Indem er die Würde der Pferde unterstreicht, statt sie zu drangsalieren, indem er sie als außergewöhnliche Geschöpfe zeigt, so wie seine Artisten, gelingt André Heller ein extrem schwieriges Kunststück: Seine Show "Magnifico" wirkt zugleich als Kurzurlaub für die Sinne und als Expedition in unser Innerstes. "Magnifico" ist mehr als eine sehr gute Show.

"Magnifico" ist auch ein Füllhorn an Inspiration für ein gelebtes Leben. Und als zum Schluss dieses prallen Feuerwerks der angewandten Poesie das Einhorn namens Magnifico höchstselbst eine Art Veitstanz vollführt, ist man felsenfest davon überzeugt, dass das Unwahrscheinliche tatsächlich existiert. Welch ein schöner, reicher Trost!