Andreas Hollatz ist Chef von 114 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern – und von rund 7300 Brücken, 100 Tunneln und 15 000 Straßenkilometern. Der Reichenbacher leitet die Abteilung für Straßenverkehr und Straßeninfrastruktur im Verkehrsministerium. Damit ist er neben den Landesstraßen fachlich auch für das Bundesstraßennetz in Baden-Württemberg zuständig.
Fünf Abteilungen hat das grün geführte Verkehrsministerium. Da ist Andreas Hollatz als langjähriges FDP-Mitglied und Mitgründer der Freien Wähler in Reichenbach schon „ein Exot“, wie er sagt. Problematisch ist das für ihn nicht, denn er unterstützt die Klimaziele; deren Umsetzung hat in seinem Bereich viel mit technischen Innovationen zu tun. Auch wenn der Straßenbau kein grünes Image habe, sei der „Klimaschutz doch sehr stark verortet in diesem Bereich“.
Asphalt wird recycelt
Dafür hat er jede Menge Beispiele parat: So werde für den Oberbau von Straßen größtenteils recycelter Asphalt verwendet. Bei den Vergabekriterien für den Straßenbau bekämen zunehmend ökologische Aspekte Gewicht. Photovoltaikanlagen am Straßenrand oder für die Stromversorgung von Tunneln seien weitere Themen. Das Paradebeispiel für Klimaschutz schlechthin ist für den Fachmann der neue Albaufstieg der A 8: Er wird fast vier Kilometer kürzer als die aktuelle Strecke sein – bei rund 70 000 Autos, die hier täglich rollen, macht das eine ordentliche Einsparung. Aber auch der Radwegebau ist Hollatz’ Abteilung zugeordnet. „Da hat Baden-Württemberg noch etwas Nachholbedarf“, stellt der Bauingenieur fest.
Für ihn ist es keine Frage: Wer den Klimaschutz voranbringen will, kann mit einem technischen Studium, mit Bauingenieurwesen oder Landschaftsplanung am meisten erreichen. „Trotzdem bekommen wir nur ganz schwer Nachwuchs“, sagt Andreas Hollatz, der auch Vorlesungen an der Universität Stuttgart hält. Er bedauert sehr, dass diese Fächer offenbar für junge Leute nicht verlockend sind. Er selbst hat in Stuttgart Bauwesen studiert und war zunächst Bauleiter beim Straßenbauamt in Kirchheim/Teck, wo er unter anderem für den Bau der B-10-Ortsumgehung Uhingen zuständig war. Den Ausbau der B 10 von Göppingen bis Gingen hat er später als Referent im Regierungspräsidium (RP) Stuttgart verantwortet. Über verschiedene Positionen beim RP und beim Verkehrsministerium kam er schließlich zu seiner heutigen Stelle.
Für die Straßen – einschließlich der Radwege – sind mehrere Verwaltungsebenen zuständig: Planung und Bau sind beim RP angesiedelt, der Betrieb bei den Landratsämtern als unteren Straßenbehörden. Im Ministerium geht es um die übergeordneten Aufgaben. So erarbeitet Hollatz’ Team zum Beispiel Programme für die Sanierung von Brücken, Prioritätslisten für die Straßenerneuerung oder Leitlinien für Vergaben. Kürzlich hat es den Bedarfsplan für Radwege veröffentlicht.
Kenntnis bis ins Detail
Aber auch wenn es in der Abteilung vorwiegend um Grundlegendes geht, kennt der Reichenbacher viele Projekte bis ins Detail und spricht mit Begeisterung über sie. Nach ein paar Minuten hat man von ihm gelernt, dass Baden-Württemberg wegen seiner hügeligen Topografie enorm viele Tunnel hat – mehr als Bayern – und an vielen davon demnächst die Sanierung ansteht. Dass zahlreiche Brücken grundlegend saniert oder an gleicher Stelle neu gebaut werden müssen und dass der Klimawandel mit dem häufigen Wechsel von Frost- und Tauwetter die Felsen brüchig macht – deshalb müssen Hänge immer öfter gesichert werden.
Den Bau des Radschnellwegs im Neckartal, ein Herzensprojekt des Verkehrsministers, hält Hollatz an sich für nicht besonders kompliziert. Da fehlt es seiner Meinung nach in einigen Kommunen eher am politischen Willen oder am Pragmatismus. Deshalb soll der Radweg nun abschnittsweise gebaut werden, erklärt er. Ob der 62-Jährige die Fertigstellung noch in seinem Berufsleben wird feiern können, ist fraglich.
Den Minister kennt der Reichenbacher schon seit vielen Jahren und arbeitet sehr gut mit ihm zusammen. Bezeichnend für das Verhältnis der beiden ist, dass Winfried Hermann schon zweimal bei einer Freitagabendandacht in der Reichenbacher Siegenbergkirche einen Impulsvortrag gehalten hat. Hollatz gehört zum Organisationsteam dieser Andachten und hatte seinen Chef eingeladen. Man versuche, für dieses Format alle vier Wochen jemanden zu gewinnen, der spannende Aspekte aus dem Beruf oder dem Privatleben beisteuern kann, erklärt er.
Hollatz selbst ist Kirchengemeinderat in Reichenbach und Prädikant im Dekanat Esslingen. Als solcher leitet er regelmäßig Gottesdienste. Für ihn ist das ein Ausgleich zu seinem Berufsleben und möglicherweise eine interessante Aufgabe für den späteren Ruhestand. Die Bibel aus der Perspektive eines Technikers auszulegen, das findet er reizvoll. „Unsere Themen sind zukunftsweisend“, sagt er. „Man kann Entwicklungen anstoßen und etwas bewegen.“
Geplante und gewünschte Straßenprojekte
Ausbau der B 10
Die Bundesstraße 10 wurde bisher im Filstal bis nach Gingen ausgebaut. Der letzte rund acht Kilometer lange Abschnitt von Gingen bis hinter Geislingen ist momentan in Planung; bis zum Ende des Jahres soll er dem Bundesministerium für Digitales und Verkehr zur Genehmigung vorgelegt werden. Das Verkehrsministerium Baden-Württemberg geht davon aus, dass spätestens im Jahr 2025 das Planfeststellungsverfahren für diesen Abschnitt eingeleitet werden kann.
Nicht auf der Prioritätsliste
Die Ampelkoalition hat kürzlich eine Liste mit 144 Straßenbauprojekten veröffentlicht, die beschleunigt ausgebaut werden sollen. Darin ist allerdings weder der neue Albaufstieg der A 8 noch der Weiterbau der B 10 bis Geislingen enthalten. Das ist vor allem im Landkreis Göppingen auf Kritik gestoßen.