Angriff im Rems-Murr-Kreis Wegen einer Lappalie auf Rentner eingetreten

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Im Sommer 2018 verletzte ein 18-Jähriger einen 78-Jährigen mit Fußtritten gegen den Kopf schwer. Der Vorfall hat jetzt ein Nachspiel vor dem Landgericht – der Vorwurf: Versuchter Totschlag.

Wegen einer Nichtigkeit griff der damals 18-Jährige den Senioren an (Symbolbild). Foto: Weingand/geschichtenfotograf.de
Wegen einer Nichtigkeit griff der damals 18-Jährige den Senioren an (Symbolbild). Foto: Weingand/geschichtenfotograf.de

Weissach im Tal / Stuttgart - Versuchter Totschlag – wer den schmächtigen 20-Jährigen auf der Anklagebank zum ersten Mal sieht, würde ihm eine solche Tat kaum zutrauen. Doch der junge Mann hat am Dienstag vor dem Landgericht Stuttgart selbst eingeräumt, dass es im Wesentlichen stimme, was die Anklage ihm vorwirft: An einem Abend im Juni 2018 trat er wie von Sinnen auf einen damals 78-Jährigen ein. Selbst dann noch, als der Senior schon blutend am Boden lag.

Die beiden waren sich auf einem Fuß- und Radweg in Weissach im Tal begegnet. Es war ein Samstag, gegen 19 Uhr, dank der Sommerzeit noch hell, und am Abend sollte die deutsche Fußballnationalmannschaft bei der WM in Russland gegen Schweden spielen. Der damals 18-Jährige saß mit seiner Freundin und ein paar jüngeren Kumpels auf einer Bank an dem besagten Weg. Eigentlich hätte es also ein schöner Abend werden können, doch in dem 18-Jährigen rumorte es.

Lesen Sie hier unsere erste Meldung zu dem Vorfall

Nach seinem mit Ach und Krach geschafften, nachgeholten Realschulabschluss hätten die Eltern Stress wegen einer Lehrstelle gemacht. Da er es die meiste Zeit vorgezogen hatte, mit Freunden abzuhängen und Marihuana zu rauchen, war in der Sache kein Erfolg in Aussicht. Und dann war da noch dieser Bekannte, der mit ihnen herumhing, sich aber eigentlich, so seine Vermutung, an seine Freundin ranmachen wollte. „Vielleicht kennen Sie das“, meint der Angeklagte rückblickend zur Richterin, „wenn sich ein Tag seltsam anfühlt – wie im Traum.“ Es war jedenfalls kein guter: Als der Rentner auf seinem Rad angefahren kam, hatte der junge Mann schon drei bis vier Wodka-Mixgetränke intus.

Ein mutiger Zeuge schreitet ein

Weil einer der Halbstarken auf dem Weg stand oder saß, musste der 78-Jährige anhalten und absteigen. Während er sein Rad vorbeischob, wies er die Jugendlichen zurecht – woraufhin der 18-Jährige explodierte. Ob er den Senioren sofort mit einem Fußtritt gegen den Kopf niederstreckte oder ob er ihm zunächst mit der Faust ins Gesicht schlug und der betagte, aber rüstige Mann danach mit ihm ins Ringen und dann zu Boden ging, ist unklar. Fest steht, dass er dem auf dem Boden liegenden 78-Jährigen mehrere Male gegen den Kopf trat, obwohl seine Freundin versuchte, ihn davon abzuhalten. Der Rentner trug schwere Verletzungen davon – möglicherweise bewahrte ihn nur sein Fahrradhelm vor noch Schlimmerem.

Glück für das Opfer war auch, dass just in diesem Moment ein Mann mit dessen achtjährigem Sohn angeradelt kam. Die beiden hatten sich eigentlich das Public Viewing des WM-Spiels ansehen wollen, das in der Nähe stattfand. Stattdessen erblickten sie den blutüberströmten Senior und seinen Kontrahenten. Dieser hatte offenbar aufgehört, auf sein Opfer einzutreten. Der Zeuge wies seinen kleinen Sohn an, zurückzubleiben und notfalls Hilfe zu holen. Als er sich der Szene näherte, floh der 18-Jährige.

Die Polizei hatte zunächst wegen schwerer Körperverletzung ermittelt – doch die Staatsanwältin geht nun davon aus, dass der junge Mann den Tod seines Opfers in Kauf genommen habe. Deshalb hat sie die Anklage entsprechend schwerer formuliert.

Die Aussage des Opfers und der Rechtsmedizinerin stehen noch aus

Den mutmaßlichen Täter nimmt die Situation selbst mit. Er sagt, er habe das Marihuanarauchen wieder angefangen, aus Angst vor dem Prozess. Schon bald nach dem Vorfall begann er – auf Vermittlung seines Anwalts – 200 Euro des Gehalts, das er mit seiner inzwischen begonnenen Ausbildung verdient, an den alten Mann zu überweisen.

Vor Gericht entschuldigt sich der junge Mann bei seinem Opfer: „Ich wollte Ihnen sagen, dass es mir Leid tut. Es war mein Fehler, mehr kann ich dazu nicht sagen“, sagt er zu dem 80-Jährigen gewandt. Dessen Antwort fällt ambivalent aus: „Ich kann zwar die Schuld nicht von ihm wegnehmen – aber es freut mich, dass er die Entschuldigung ausgesprochen hat“, sagt er.

Die Aussage des Opfers, aber auch die der Rechtsmedizinerin werden in den kommenden Prozesstagen erwartet. Letztere wird erläutern, welche Verletzungen der Senior erlitten hat und wie sich der Alkoholkonsum auf die Schuldfähigkeit des jungen Mannes ausgewirkt haben könnte.