Angriff nach Christopher Street Day Zwei Engagierte lassen sich nicht unterkriegen

Farbe und Flagge zeigen: Paul K. aus Fellbach trägt auch nach dem tätlichen Angriff seine sexuelle Orientierung offen zur Schau. Foto: Eva Herschmann

Rund vier Monate nach den Angriffen auf zwei junge Männer in Fellbach, die vom Christopher Street Day in Stuttgart kamen, leiden die Betroffenen noch immer unter den Folgen. Im Gespräch erzählen Sie, wie es ihnen jetzt geht.

Manuel Neuer, der Torwart der deutschen Fußballnationalmannschaft, wollte die „One-Love“-Regenbogenbinde bei den Weltmeisterschaften in Katar tragen – und wurde vom Internationalen Fußballverband zurückgepfiffen. Für Paul K. und Moritz F. (beide Namen geändert) ist das ein weiteres Indiz, dass sich in der Gesellschaft noch viel ändern muss. Die beiden jungen Fellbacher wurden am 30. Juli auf dem Heimweg von der Pride-Parade am Christopher Street Day in Stuttgart von einer Frau und einem Mann mittleren Alters beleidigt und angegriffen. Die äußerlichen Wunden sind verheilt, die seelischen nicht. Dass die Polizei die Täterin und den Täter ermitteln konnte, ändert daran nichts.

 

Die Ermittlungen der Polizei sind abgeschlossen. Die beiden Angreifer sind bekannt. Was bedeutet das für Sie?

Paul K.: Die Täter sind ermittelt, aber sie sind noch auf freiem Fuß, und es gibt auch noch keinen Termin für die Gerichtsverhandlung. Die Polizei hat uns wenig Hoffnung gemacht, dass der Prozess bald beginnt.

Welche Konsequenzen hat der Angriff?

Paul K.: Ich war vorher schon politisch aktiv und bin durch diese Erfahrung noch aktiver geworden. Ich engagiere mich seitdem noch offensiver, zum Beispiel war ich mit einer Regenbogenfahne bei einer AfD-Kundgebung. Mit hat der Angriff gezeigt, wie wichtig politisches Engagement ist, solange AfD-Politikerinnen und Politiker öffentlich fantasieren, homosexuelle Menschen ins Gefängnis zu sperren. Oder, wenn ich sehe, dass in Orlando in den USA am vergangenen Wochenende ein Szene-Club überfallen wurde und Menschen getötet wurden.

Die ganze Situation war dramatisch, aber was war für Sie besonders schlimm?

Paul K.: Besonders schlimm für mich war, dass fast niemand im Bus überhaupt Notiz genommen hat oder eingeschritten ist. Auch der Busfahrer hat uns in dieser schwierigen Situation nicht geholfen.

Moritz F.: Das war extrem übel. Denn mir war schon während der Fahrt vom Bahnhof nach Oeffingen klar, dass was passieren wird. Wir sind aus Sorge ja schon länger im Bus sitzen geblieben, als wir eigentlich mussten. Als wir ausgestiegen sind, sind sie uns hinterher und haben uns angegriffen. Ich musste sofort mit dem Rettungsdienst ins Krankenhaus.

Was ist über die Tat und Täter bekannt?

Paul K.: Ich bin ziemlich sicher, dass bei dem Mann ein rechtsradikaler Hintergrund da ist. Ich weiß, dass es in den sozialen Medien einschlägige Aussagen gibt. Dieser Angriff war auch kein Einzelfall. Es gibt jedes Jahr mehrere Hundert Angriffe auf Personen aus der LGBTQIA+-Community. Im Sommer starb Malte, ein junger Transmann aus Münster, infolge eines ähnlichen Angriffs. Die Zahlen sind erschreckend, dabei werden 90 Prozent der Delikte gegen queere Personen erst gar nicht zur Anzeige gebracht.

Moritz F.: Wir hatten Glück, dass wir durch ein junges Paar, das mit uns im Bus saß, unterstützt wurden. Dafür sind wir unendlich dankbar. Ich kann und möchte mir nicht vorstellen, zu was die Täterin und der Täter ohne deren Eingreifen bereit gewesen wären. Deshalb möchten wir auch alle bitten, in einem solchen Fall die Augen nicht zu verschließen, sondern einzugreifen, Hilfe zu holen und Leben zu retten. Es gibt zwar gesellschaftlich eine breite Mehrheit gegen rechtes Gedankengut, aber die Masse schweigt viel zu oft.

Gibt es im Nachhinein Unterstützung?

Paul K.: Es standen Menschen hinter uns, von denen ich vorher noch nie gehört hatte. Auch die Organisatoren vom CSD supporten uns, ebenso Leuchtlinie, die Anlaufstelle der türkischen Gemeinde im Demokratiezentrum Stuttgart für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt.

Was wäre Ihr Wunsch?

Moritz F.: Dass sich die Menschen klar positionieren und deutlich zeigen, dass sie so ein Verhalten nicht akzeptieren.

Paul K.: Dass die Gesellschaft endlich erkennt, wie viel Gefahr vom rechten Rand ausgeht und wie wichtig Unterstützung für die LGBTQIA+ Community ist – wir sind Menschen wie alle anderen auch. Aber besonders wünsche ich mir von den queeren Leserinnen und Lesern des Interviews, dass sie stolz darauf sind, wer sie sind, darauf, dass sie bunt sind, und vor allem, dass sie unüberhörbar laut sind.

Homosexualität bis 1994 unter Strafe

Geschichte
Der Paragraf 175 des deutschen Strafgesetzbuches existierte vom 1. Januar 1872 bis zum 11. Juni 1994. Er stellte sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe und ermöglichte somit die Verfolgung Homosexueller.

Die Tat
In der Buslinie 60 wurden die jungen Männer mit homophoben Äußerungen von zwei Fahrgästen beleidigt und bedroht. Als die Geschädigten an der Haltestelle Alemannenstraße in Oeffingen ausstiegen, wurden sie von den Tatverdächtigen verfolgt, körperlich angegangen, gewaltsam zu Boden gebracht und teilweise durch Fußtritte verletzt. Die Opfer wurden vom Rettungsdienst in ein Krankenhaus gebracht.

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