Angst vor Energielieferstopp Industrie im Alarmmodus

Der Standort Ludwigshafen des Chemiekonzerns BASF ist bei einem Energielieferstopp akut von Produktionsstillstand bedroht. Foto: dpa/Uwe Anspach

Die Lage der deutschen Industrie ist prekär. Ein Gaslieferstopp hätte dramatische Folgen. Trotz der hohen Inflationsrate sind daher keine nachhaltigen Lohnzuwächse zu erwarten, meint Matthias Schiermeyer.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

In der Industrie macht sich Unsicherheit, teilweise sogar Panik breit. Nicht nur in der energieintensiven Chemiebranche fürchten sie einen Stopp der russischen Energielieferungen – und damit einen Produktionsstillstand. Wie anfällig die Lieferketten sind, ist längst bekannt. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs stellen sich die Verflechtungen noch viel dramatischer dar. Wenn schon die Grundstoffe nicht mehr produziert werden können, droht der „old economy“ ein Kollaps. Armes reiches Deutschland.

 

Es gibt kaum einen Experten, der dieses Szenario vorhergesehen hätte. Niemand hat sich solch einen Wirtschaftskrieg vorstellen können oder – besser – vorstellen wollen. Selbst der Corona-Absturz vor zwei Jahren hat die Industrie nicht so sehr beunruhigt. Im schlimmsten Fall würden Millionen Beschäftigte in Kurzarbeit null geschickt. Wie sich schon in Pandemie und Finanzkrise erwiesen hat, ist das Instrument zur Stabilisierung gut geeignet. Es kostet viel Geld, verhindert aber Massenarbeitslosigkeit.

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Dass unter dem Fallbeil einer Rezession keine großen Lohnzuwächse zu verteilen sind, ist klar. Aktuell müssen sich die Tarifparteien der chemischen Industrie mit dieser Frage auseinandersetzen. Bei dem für diesen Dienstag erwarteten Tarifabschluss kann es daher nur um eine Brückenlösung mit guten Einmalzahlungen zum Beispiel bis zum Jahresende gehen, um einerseits die Phase der Unsicherheiten zu überwinden und andererseits die bis Kriegsausbruch wieder belebten Geschäfte zu würdigen.

Alle Kalkulationen werden zunichte gemacht

Auch die Metalltarifverhandlungen im Herbst werden vermutlich nicht in gewohnter Routine ablaufen können. Putins Invasion hat alle Hoffnungen der Gewerkschaften auf eine Steigerung der Kaufkraft über den Haufen geworfen. Es ist nachvollziehbar, dass die Beschäftigten die Preisschübe durch höhere Einkommen wettmachen wollen. Doch geht ein Gutteil der Inflation auf das Konto der Energie – dies lässt sich mit der Tarifpolitik nicht in den Griff bekommen.

Ruf nach zweistelligen Tarifabschlüssen ist blanker Populismus

Vorübergehende Mehrbelastungen bei den Heiz- oder Spritpreisen können kein Grund für dauerhafte Entgelterhöhungen sein. Und da die Ampelregierung Milliarden von Euro einsetzt, um die hohen Energiekosten teilweise auszugleichen, müssen die Unternehmen dies logischerweise nicht auch leisten. Es zeugt somit von wenig Sachkenntnis und viel Populismus, wenn weniger bedeutende Gewerkschaftsführer von zweistelligen Tarifabschlüssen schwadronieren. Die Brachialstrategie des damaligen ÖTV-Chefs Heinz Kluncker, der 1974 von Stuttgart aus bei einer kaum geringeren Teuerung als heute einen Lohnzuwachs von elf Prozent erzwang, taugt in keiner Weise als Vorbild.

Auf die Konsensfähigkeit von Arbeitgebern und Industriegewerkschaften war bei allen großen Krisen der vergangenen 20 Jahre Verlass. Die Einkommen der Beschäftigten wurden gesichert, der soziale Frieden blieb gewahrt. Und stets kamen die Unternehmen gestärkt zurück. Kurzfristig erscheint die Situation damit weiterhin beherrschbar.

Was, wenn die Welt in politische Blöcke zerfällt

Langfristig muss man sich aber große Sorgen um die Industriearbeitsplätze machen: Wenn die Welt infolge eines neuen Kalten Kriegs in politische Blöcke zerfällt, könnte die Erfolgsstory des global geschätzten Wirtschaftspartners an ihr Ende kommen. Deutschland muss fest im Lager der Demokratie verankert sein. Wenn aber der Handel mit so wichtigen Märkten wie China eingeschränkt wird, ist das Prosperitätsmodell bedroht. Es war leichtfertig, sich in derartige Abhängigkeiten begeben zu haben; Risiken wurden ignoriert. Man kann das Rad nicht zurückdrehen, doch wäre es zwingend, sich bald aus dieser Klemme zu befreien.

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