Menschen in Japan Panische Angst vor dem eigenen Geruch
Kein Mensch stinkt gern. In Japan aber ist ein strenger Geruch besonders dramatisch. Ein 30-jähriger Unternehmer macht aus der Sorge seiner Landsleute ein gutes Geschäft.
Kein Mensch stinkt gern. In Japan aber ist ein strenger Geruch besonders dramatisch. Ein 30-jähriger Unternehmer macht aus der Sorge seiner Landsleute ein gutes Geschäft.
Tokio - „Einer unserer User hat gefragt, was er tun solle, wenn vom Sitznachbarn im Büro ein strenger Geruch ausgeht.“ Auf dem japanischen Businessportal „Partners“, wo sich das Land über Wünsche, Sorgen und Probleme aus der Arbeitswelt austauscht, sorgte diese Angelegenheit vor Kurzem für große Aufmerksamkeit. „In letzter Zeit ist dies ein übliches Thema geworden“, kommentierten die Moderatoren auf der Website, weshalb sie gleich eine ausführliche Beratung draus machten. Titel: „Was ist ‚sumehara‘?“
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In Klammern wurde dieser Begriff gleich erläutert: Es handle sich um die Kurzform von „sumeru harasumento“, also die japanisierte Form des Anglizismus „smell harassment“, was auf Deutsch so viel wie „Geruchsbelästigung“ bedeutet. „Es kommt häufig vor, dass es den Personen, von denen es ausgeht, nicht bewusst ist“, erklärten die Plattformmanager. „Aber die Person darauf hinzuweisen wäre schwierig. Der bessere Weg für alle wäre wohl, wenn man im ganzen Betrieb allgemein auf dieses Problem hinweist. Bitte erwägen Sie doch diese Lösung.“
Wie viele Arbeitsplätze seither angenehmer geworden sind, wurde auf der Seite von „Partners“ nicht weiter diskutiert. Was aber von anderen Umfragen bekannt ist: „Sumehara“ zählt im ostasiatischen Land tatsächlich zu den wichtigen Sorgen. Das Marktforschungsinstitut Planet fand vor drei Jahren heraus, dass „sumehara“ zu den fünf typischsten Belästigungsarten in Japan gehört. Noch häufiger sind Ausnutzung von Macht, sexuelle Belästigung, Diskriminierung von Müttern am Arbeitsplatz sowie Mobbing.
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Shota Ishida kennt das Problem von der anderen Seite. „Das Gefühl, dass ich streng riechen könnte, hat mich immer wieder beschäftigt“, sagt der 30-jährige Unternehmer aus Tokio in einem Videocall. Aus seiner Sorge hat Ishida ein Geschäft gemacht. Als er vor fünf Jahren seine Masterarbeit in Volkswirtschaft schrieb und von der ausufernden Datenanalyse überwältigt die tägliche Körperpflege vernachlässigte, hielten seine Studienkollegen im Computerlabor allmählich Abstand von ihm. „Mir hätte natürlich niemand offen gesagt, dass ich stinke.“
Seit 2018 verrät dies aber Shota Ishidas Startup Odorate. Der Betrieb hat sich darauf spezialisiert, Körpergerüche herauszufiltern und zu bewerten. Es scheint, als hätte Ishida damit offene Türen eingerannt. Nach nur einigen Interviews zur Marktanalyse und einer konkreten Vorstellung für die nötige Analysetechnologie sammelte er zehn Millionen Yen an Risikokapital ein, etwa 750 000 Euro.
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Das Geschäft läuft. Um die 1400 Tests für umgerechnet 115 Euro hat Odorate seit der Gründung vor drei Jahren bis jetzt durchgeführt. Seinen Kunden schickt Ishida ein luftdicht verpacktes, geruchsneutrales T-Shirt, dazu ein Fläschchen mit Aktivkohle im Deckel. Die Kohle kleben die Kunden unter das Hemd, tragen es 24 Stunden lang und schicken es zurück an Odorate.
In einem Ein-Raum-Labor im Tokioter Vorort Wako erhitzt Ishida das Shirt, um zu erkennen, an welchen Stellen sich Gerüche befinden. Dann gibt er eine Flüssigkeit namens Dichlormethan drauf und legt es in einen Ultraschallbehälter. Anschließend lösen sich die Geruchsstoffe auf, können mit einer Spritze herausgelöst und in eine 30 Zentimeter hohe, würfelförmige Analysemaschine gegeben werden. Die untersucht das Shirt auf 25 chemische Stoffe, die etwa in müffelnden Achseln vorkommen.
Eine Stunde später zeigt der Bildschirm einen Wert zwischen null und fünf an. „Null bedeutet völlig geruchsneutral, ab drei dürften Personen im Umkreis etwas wahrnehmen“, erklärt Ishida. „Bei eins und zwei bemerkt man den Geruch erst aus unmittelbarer Nähe.“
Viele Japaner sind extrem auf Reinlichkeit bedacht
Shinto
Kaum irgendwo auf der Welt ist die Kultur der Reinlichkeit so ausgeprägt wie in Japan. Wer einen Schrein des Shinto besucht, der japanischen Urreligion, stößt am Eingang auf ein Waschbecken mit Bambuskellen und fließendem Wasser.
Sumo
Auch im Sumo, der traditionellsten aller Sportarten Japans, streuen die Ringer vor jedem Kampf Salz in den Ring – eine Geste der Säuberung. Man geht in der Regel auch nicht ins Bett, ehe man nicht vorher geduscht hat.