Zeiten, die von Ungewissheit geprägt sind, wie beispielsweise durch eine Pandemie oder einen Krieg, können sich negativ auf unsere psychische Gesundheit auswirken. Ist dabei zusätzlich eine Angststörung im Spiel, dreht sich das Gedankenkarussell schneller, als man zusehen kann.
Wie schaffen wir es mit Ungewissheit gesund umzugehen und Katastrophengedanken im Zaum zu halten? Wir haben beim Stuttgarter Diplompsychologen Oliviero Lombardi nachgefragt.
Was die Zukunft bringt, kann keiner wissen. Sind wir sicherer, wenn wir grübeln und alle Eventualitäten durchdenken?
Menschen sind viel zu sehr in der Zukunft oder in der Vergangenheit verhaftet und viel zu wenig in der Gegenwart, im Hier und Jetzt, wo das Leben tatsächlich stattfindet. Grübeln und zu viel Nachdenken führt immer zu negativen Gefühlen – langfristig ist das gefährlich. Nehmen wir mal folgende drei Szenarien an:
1. Hast du Probleme im Leben? Nein? Also warum Sorgen machen?
2. Hast du Probleme im Leben? Ja! Kannst du etwas ändern? Ja! Also warum Sorgen machen?
3. Hast du Probleme im Leben? Ja! Kannst du etwas ändern? Nein! Also warum Sorgen machen.
Glücklich sein ist nur möglich, wenn man sich im Hier und Jetzt auf das Positive fokussiert.
Was sind typische Angewohnheiten von Menschen, die schlecht mit Ungewissheit auskommen?
Ängstlichkeit in allen Bereichen, mangelndes Selbstvertrauen, Pessimismus und ein negatives Weltbild.
WEITERLESEN NACH DIESEM VERLAGSANGEBOT
Oft erscheinen Menschen mit Angsterkrankungen Katastrophen oder Worst Case Szenarios deutlich wahrscheinlicher als Menschen ohne dieser Tendenz. Wie können wir diesen Gedanken den Wind aus den Segeln nehmen?
Diese Gedanken sind Ausdruck eines negativen Mindsets, das sich bereits in der frühen Kindheit gebildet hat. Man ist dann eher ein Pessimist als ein Optimist. Wichtig ist aber zu wissen, dass sich durch unsere Denkweise eine Art Autobahn im Gehirn entwickelt. Nur wenn man die Autobahn des negativen Denkens nicht mehr bedient, wird sie zur Landstraße oder zum Kiesweg. Wenn man hingegen positives Denken an den Tag legt und trainiert, wird dieser Kiesweg zur Autobahn.
Tiefenpsychologisch geht es insbesondere darum, von innen heraus mehr Selbstvertrauen, mehr Selbstbewusstsein und letztlich mehr Souveränität zu entwickeln. Denn auf dieser Basis sieht man die Welt nicht nur durch eine andere Brille und nimmt die Welt dann als weniger bedrohlich war, sondern man verhält sich auch von innen heraus optimistischer.
Umso mehr gegrübelt wird, desto weniger helfen gedankliche Spagate dabei, sich wieder besser zu fühlen. Können wir auf körperlicher Ebene vorgehen, um unser Nervensystem zu beruhigen?
Jede Angststörung, zu der auch Zwangsstörungen gehören, geht mit Stress und Anspannung einher. Das verkrampft die Muskulatur und führt zu vielen körperliche Begleiterscheinungen. Zum Beispiel Rückenschmerzen, Nackenschmerzen, Kopfschmerzen, aber auch Zähneknirschen.
Deshalb sind Entspannungsübungen ein wichtiger Teil der Psychotherapie. Denn nur wer regelmäßig und systematisch für sich sorgt, steht mit vollem Akku da und wird dadurch belastbarer, aber auch resilienter.
Ein bedrohlicher Gedanke nähert sich. „Was wäre, wenn… in der Zukunft passiert“, und jetzt?
Meines Erachtens geht es darum, dass Betroffene lernen, Gedanken und Kopf wieder selber zu kontrollieren, und keine „Was wäre wenn ...“ Gedanken zuzulassen. Das kann man trainieren, indem man sich alternativ auf etwas Positives fokussiert und destruktive Gedanken unterbricht - zum Beispiel den eigenen Atem wahrnimmt und den Kopf so sauber hält. Dann entstehen keine negativen Gefühle, sondern sogar positive.
Ungewissheit wird von Menschen mit Angsterkrankungen als große Gefahrenquelle wahrgenommen und kann lähmen. Wie können wir diese Anspannung in gesunde Aktivitäten umsetzen?
Wenn Ungewissheit Angst auslöst, fehlt es an Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein sowie an Urvertrauen. Erfreulicherweise kann in der Psychotherapie genau das verbessert werden. Ich arbeite vor allem an der Heilung des inneren Kindes.
Welcher Persönlichkeitstyp kommt gut mit Ungewissheit aus, und was können wir von ihm lernen?
Ängstlichkeit ist ein erlerntes Verhalten am Modell oder durch mangelnde Wertschätzung. Es gibt also keinen speziellen Persönlichkeitstyp. Auch wenn es Betroffenen oft so erscheint, ist all das ein erlerntes Verhalten, dass sich durch jahrelange Routine manifestiert. Diese Denkweisen und Routinen können aber unterbrochen und das Mindset neu aufgestellt werden. Dann sieht die Welt ganz anders aus – diese Option hat jeder Mensch.
Wie kann das Umfeld konkret unterstützen?
Die beste Hilfe ist keine Hilfe. Wer den Betroffenen hilft, unterstützt das kranke System. Dadurch wird es stabiler und eine Änderung unwahrscheinlicher oder auch unnötiger. Hilfe muss deshalb nicht abrupt abgebrochen, aber sukzessive abgebaut werden. Parallel ist es essenziell, an der Entwicklung von Selbstvertrauen und eigener Kompetenz des Betroffenen zu arbeiten.
Können wir unsere Toleranz für Ungewissheit trainieren, oder ist das eine unnötige Qual?
Wenn man durch die Entwicklung von mehr Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein und mehr Souveränität ein anderes Standing hat, ist Ungewissheit nicht bedrohlich, sondern eine spannende Herausforderung. Die Empfindung gegenüber Ungewissheit ist schlicht und ergreifend abhängig vom (Selbst-)Vertrauen.
Wie finden wir Sicherheit in einer Welt voller Ungewissheit, wenn dabei zusätzlich Angststörungen im Spiel sind?
Das Empfinden von Sicherheit kann nur von innen heraus entstehen. Das passiert ausschließlich durch die Entwicklung von Optimismus, Zuversicht, Selbstvertrauen und Urvertrauen.