Anlage Wo sind die Verkäufer?

Von Ingo Dalcolmo 

Die negative Zinsentwicklung auf dem Kapitalmarkt zwingt immer mehr institutionelle Anleger, ihr Kapital auch in Immobilien zu investieren. Doch die Suche nach geeigneten Objekten wird immer schwieriger.

Die jüngste Entscheidung der Europäischen Zentralbank, den Leitzins auf null zu setzen, hat den Anlagedruck auf institutionelle Investoren nochmals erhöht. Vor allem große Kapitalsammelstellen kommen derzeit kaum noch nach, das eingesammelte Geld in Immobilien anzulegen. Denn der Run auf das Betongold ist aufgrund der mangelnden Alternativen mittlerweile europaweit so groß, dass die wenigen noch vorhandenen Objekte den Verkäufern buchstäblich aus den Händen gerissen werden. 'Einige Besucher haben schon gefragt, wo denn die Verkäufer sind', beschreibt Frank Peter Unterreiner seinen Eindruck von der diese Woche zu Ende gegangenen Mipim, einer der großen internationalen Immobilienmessen. 'Unter diesem Eindruck werden Preise für Immobilien aufgerufen, die vor einigen Jahren noch nicht bezahlt worden wären. Und das drückt die Rendite', analysiert der Herausgeber des 'Immobilienbriefs Stuttgart'.

Hohe Attraktivität

Ein weiterer Grund für den Mangel an Immobilien ist auch in der hohen Attraktivität des Standorts zu sehen. So sind im vergangenen Jahr bei der regionalen Wirtschaftsförderung 147 konkrete Suchaufträge nach Gewerbeimmobilien eingegangen. Das seien so viele wie noch nie seit der Wirtschaftskrise 2009, so die regionale Wirtschaftsförderung. Sorgen bereitet aber auch hier die Knappheit an Industrie- und Logistikflächen, die allmählich zu Problemen führe, so deren Geschäftsführer Dr. Walter Rogg. Markus Knab, bei Ellwanger & Geiger Real Estate für Industrie und Logistik verantwortlich, sieht es ähnlich. Das Produkt Immobilie werde immer weniger. Er habe den Eindruck, dass es derzeit in allen Immobilienkategorien enger werde, und ergänzt: 'Wohl dem, der auf der Mipim noch etwas im Köcher hat.' Trotzdem sei die Stimmung in Cannes insgesamt gesehen gut. Die Gespräche verlaufen durchweg konstruktiv, so seine Einschätzung. Das liege vielleicht auch daran, dass sich die Mipim seit etwa zwei Jahren immer mehr zu einer Arbeitsmesse entwickle. Die Gesprächspartner seien alle gut durchgetaktet und die Termintreue sei hoch. Diese Einschätzung teilt auch Frank Peter Unterreiner: 'Die Zeiten, als in Cannes noch die Deals angebahnt und in München auf der Expo Real die Verträge unterzeichnet wurden, sind vorbei'. Niemand warte heute mehr ein halbes Jahr, um einen Deal abzuschließen. Dazu sei der Anlagedruck mittlerweile einfach zu groß. Das spürt auch die Landeshauptstadt auf dem Gemeinschaftsstand mit Unternehmen aus Stuttgart und der Region im Palais de Festivals in Cannes. 'Unser Stand war noch nie so voll wie dieses Mal', freut sich Ines Aufrecht, Leiterin der Wirtschaftsförderung Stuttgart. 'Auch das Interesse unserer Standpartner an Investitionen im Ausland ist sehr groß. Im Fokus stehen beispielsweise die skandinavischen Länder. Klar ist, der Immobilienmarkt ist international', so Aufrecht weiter.

Hotelinvestments im Fokus

Anfragen betrafen dieses Jahr offenbar verstärkt Investments in Hotels und Studentenapartments in der Landeshauptstadt. 'Da gibt es gegenüber den Vorjahren sehr viele Anfragen', so die Wirtschaftsförderin. Vor allem bei Hotels im Vier-Sterne-Bereich mit Anbindung an eine Tagungs- und Kongressstätte, aber auch im Fünf-Sterne-Bereich sieht Aufrecht einen Bedarf in Stuttgart. Bereits zum 19. Mal ist die Landeshauptstadt in Cannes vertreten. Seit einigen Jahren wird der Mipim-Auftritt gemeinsam mit dem Verband IWS Immobilienwirtschaft Stuttgart organisiert. Zum ersten Mal in Cannes dabei war Stuttgarts neuer Baubürgermeister Peter Pätzold, während Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn dieses Jahr fehlte. Am Rande der Mipim hat der Baubürgermeister dabei auch Gespräche mit dem Immobilienkonzern IVG über die geplante Nachnutzung des Allianz-Areals geführt. Wie berichtet, plant die Allianz, zwei Standorte in der Stuttgarter Innenstadt aufzugeben und in Vaihingen auf ihrem Sportgelände neu zu bauen. Um ganz andere Themen ging es bei Drees & Sommer auf der Mipim. Das Unternehmen hat schon traditionell etwas abseits vom Palais de Festival am Strand von Cannes seine Zelte aufgeschlagen. 'Hier ist die Luft deutlich besser als in der engen Messehalle', merkt Vorstand Dierk Mutsch­ler schmunzelnd an. Das weltweit tätige Stuttgarter Projektmanagement- und Immobilienberatungsunternehmen gehörte mit zu den ersten Unternehmen, die sich mit der Nachhaltigkeit von Gebäuden beschäftigt haben. Mittlerweile ist Green Building ein De-facto-Standard in Deutschland. Derzeit beschäftigt man sich bei Drees & Sommer aber vor allem mit Fragen ökologischer und ökonomischer Quartiersentwicklung und der Digitalisierung am Bau. Denn zunehmend werden in der Bauwirtschaft nicht nur Pläne, Prozesse und Materialien digital erfasst, sondern auch die Auswirkungen analysiert. Und das werde zu verbesserten Planungs- und Bauabläufen führen, was sich wiederum auf den Preis auswirke, sagt Dierk Mutschler.