Anna Walther in Schönaich Eine entschieden optimistische Bürgermeisterin

Gut gelaunt, allen Widrigkeiten zum Trotz: Anna Walther steht deutlich zu ihren Überzeugungen. Foto: Eibner-Pressefoto/Michael Memmler

Bestimmt, resolut, energiegeladen: Anna Walther ist Bürgermeisterin in Schönaich. Sie hat sehr klare Vorstellungen von ihrem Amt – und sie nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, demokratische Werte zu verteidigen.

Böblingen: Melissa Schaich (mel)

Im ersten Stock des Schönaicher Rathauses befindet sich das Büro von Anna Walther. Als es um Punkt zwölf an der Tür des Vorzimmers klopft, wird die Tür innerhalb von Sekunden von innen schwungvoll geöffnet und die Bürgermeisterin streckt der Besucherin die Hand entgegen. Bestimmt, resolut, energiegeladen.

 

Anna Walther öffnet nicht nur Türen so, so wirkt sie auch in ihrem Alltag - unerschrocken und mutig. Das erregt Aufmerksamkeit. Bürgermeisterin zu sein, heißt für sie nicht nur, zu verwalten. „Wenn ich gestalten will, dann bin ich immer politisch“, sagt die Frau, die Mitglied der SPD ist. Das habe für sie jedoch nichts mit Parteipolitik zu tun. „Für mich heißt politisch sein, Werte zu haben, und dafür einzustehen.“

Sie bringt viel gute Laune mit

Seit fast drei Jahren ist Anna Walther Bürgermeisterin in Schönaich. In den vergangenen Monaten hat sie klare Kante gezeigt gegen Rechtsextremismus und Ausgrenzung. Demokratische Werte sind für sie nicht verhandelbar, und sie hat kein Problem damit, dafür einzustehen. Ob das in ihrer Neujahrsrede oder in den sozialen Medien ist: Ihr Ziel ist es, sich auf allen Ebenen für Demokratie einzusetzen. Dabei bringt die 39-Jährige etwas mit, das in der Politik oft fehlt: Gute Laune.

Kommunen seien die Basis der Demokratie und der Ort, an dem Realität bewältigt werde. In einer demokratischen Wahl gewählt zu werden, bedeutet für die Bürgermeisterin, diese Werte zu verteidigen und sie in allen Säulen ihrer Arbeit zu leben – im Gemeinderat, im Rathaus oder bei ihren repräsentativen Aufgaben. Dazu gehört ihres Erachtens nach, andere Meinungen zuzulassen und auf sich wirken zu lassen sowie ihre Wertschätzung gegenüber ihren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen auszudrücken.

Neutral bedeutet nicht untätig

Im Rathaus arbeiten mittlerweile außerdem viele Menschen aus ganz unterschiedlichen Kulturen: „Ich will, dass das Rathaus ein Abbild unserer Bevölkerung ist“, sagt sie, die selbst aus der Ukraine stammt. Und zu guter Letzt will sie diese Werte auch vermitteln, indem sie in der Öffentlichkeit darüber spricht. Dazu gehöre im Umkehrschluss eben auch, sich gegen Ausgrenzung und Rechtsextremismus stark zu machen. „Antidemokratische Bestrebungen nehme ich nicht hin, ich toleriere und normalisiere sie nicht“, sagt die Bürgermeisterin. In eine parteipolitische Ecke will sie sich deshalb trotzdem nicht drücken lassen. Ihre Neutralitätspflicht bedeute für sie nicht, untätig zu sein.

Nun ist es nicht so, dass andere Gemeinde- und Stadtoberhäupter nicht für die Demokratie einstehen. Aber nicht für jeden ist es selbstverständlich, sich per Unterschrift extra stark dafür zu machen. Anna Walther jedenfalls hat mit insgesamt 118 weiteren jungen Bürgermeistern und Bürgermeisterinnen aus ganz Deutschland einen Aufruf unterschrieben, in dem sich die Amtsträger für Vielfalt, Toleranz und ein respektvolles Miteinander aussprechen.

Die Aktion war eine Reaktion auf die Correctiv-Recherche zu dem Treffen rechtsextremer Aktivisten in Potsdam „Die Bedrohung betrifft uns alle – egal, woher wir stammen. Darum erheben wir unsere Stimmen für die Demokratie. Sie ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein aktives Bekenntnis“, heißt es in dem Aufruf.

Im März fand eine Kundgebung in Schönaich statt

Womöglich kommt es nicht von ungefähr, dass auch in Schönaich Anfang März eine Kundgebung für Demokratie und Vielfalt stattgefunden hat. Ein Aktionsbündnis aus Schönaicher Kirchen, Vereinen, Parteien und Organisationen hatte zu der Veranstaltung aufgerufen – und die Gemeinde mit ihren 11 000 Einwohnern auf eine Ebene gestellt mit den ungleich größeren Städten Böblingen, Sindelfingen und Herrenberg. Ein Beweis, dass Walthers Art, Stellung zu beziehen, ansteckend ist? Vielleicht. Gegenwind oder gar böse Briefe hat sie bislang zumindest nicht bekommen.

Sie weiß, dass sie mit ihrem eigenen Auftreten den Ton setzen kann. Deshalb besteht sie auch so sehr darauf, sich einen Grundoptimismus zu bewahren und ihre gute Laune nach außen zu tragen. „Wenn ich als Bürgermeisterin schlecht drauf bin, ständig kritisiere und jammere, dann färbt das unweigerlich auf die Bürgerschaft ab“, sagt sie. Das bedeute nicht, dass sie die Realität verleugne.

„Die Zeiten sind herausfordernd und manchmal geradezu gefährlich“, sagt die Mutter von zwei Söhnen. Trotzdem will sie die Probleme mit einer positiven Grundeinstellung angehen und sie als Chance sehen, die eigene Widerstandsfähigkeit zu stärken. Mit guter Laune, sagt sie, geht das um einiges einfacher.

Von Kiew nach Schönaich

Biografie
 Seit 2004 ist die gebürtig aus Kiew in der Ukraine stammende 39-Jährige in der Region Stuttgart zu Hause. Acht Jahre lang studierte Anna Walther Jura an der Universität Heidelberg, danach Verwaltungswissenschaft an der Fernuniversität Hagen, außerdem hat sie einen Master in Mediation abgeschlossen. Von 2015 an war sie für die Stadt Sindelfingen tätig. Zuerst leitete sie drei Jahre lang die Abteilung Bauverwaltung im Dezernat Stadtentwicklung, Klimaschutz und Bauen. Ab dem Jahr 2019 war sie Referentin im Stab des Oberbürgermeisters, im Bereich Strategie, Koordination und Bürgerangelegenheiten.

Bürgermeisteramt
 Im Jahr 2021 wurde die damals 36-jährige Renningerin mit 59,88 Prozent der Stimmen als erste Frau ins Schönaicher Rathaus gewählt. Sie übernahm das Amt von Daniel Schamburek, der nach anhaltenden Querelen mit dem Gemeinderat Anfang 2021 zurückgetreten war.

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