Annalena Baerbock im Porträt Die Kämpferin
Der Zauber des Neuen war rasch verflogen. Doch spätestens jetzt zeigt sich, dass die grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock hartnäckig bleibt.
Der Zauber des Neuen war rasch verflogen. Doch spätestens jetzt zeigt sich, dass die grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock hartnäckig bleibt.
Hamburg - Vorn auf der Bühne bemühen sie sich, gute Laune zu verbreiten. Etwas anderes bleibt ihnen nicht übrig. Die Umfragewerte könnten besser sein. Der Wahlkampf ist ruppig, und in Hamburg am Jungfernstieg regnet es Bindfäden. „Wow, es ist der Wahnsinn, wie viele Leute hier sind trotz des Hamburger Schietwetters“, ruft die grüne Landesvorsitzende ins Mikrofon. Die Band Selig spielt ihren Song „Alles ist so“. Eine Textzeile lautet: „Wenn alles so bleibt, wie es ist, dann haben wir verloren.“
Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock versucht, mit einem groß angelegten Straßenwahlkampf und medialer Dauerpräsenz wieder in die Offensive zu kommen. Sie tourt quer durch die Republik. Am Nachmittag noch hat die 40-Jährige in Berlin im Bundestag der Regierung mit einer kämpferischen Rede die Leviten gelesen. Anlass war das Debakel in Afghanistan. Nun ist sie in der Hansestadt zu Gast. Ihr grün beklebter Doppeldecker-Tourbus rollt aufs Gelände, die Bundespolizei eskortiert. Baerbock kommt heraus, geht zur Bühne und scherzt mit den Musikern und der lokalen Parteiprominenz.
Sie ruft „Moin Hamburch“. Und dann geht es los, ohne Punkt und ohne Komma: Afghanistan, Corona, Steuern, Schule, Familien, Stadt und Land, Pflege, Klima. Bei der Wahl am 26. September gehe es um jede Stimme, sagt Baerbock. „Das ist jetzt ein Dreikampf.“ Und beim Klimaschutz sei es eigentlich ein Zweikampf – zwischen einer „Stillstands-Groko“ und den Grünen. Das Publikum feiert die Kandidatin. Hamburg ist für die Ökopartei ein Heimspiel.
Man muss sich die Grünen und ihre Kanzlerkandidatin in diesen Tagen als Leute vorstellen, die Halt und Kraft im eigenen Wahlkampfmotto finden. Es lautet: „Alles ist drin.“ Da lohnt es sich, weiter zu kämpfen.
Es gibt Umfragen, die die Grünen inzwischen deutlich hinter Union und SPD sehen. Das mit dem Kanzleramt werde wohl nix, sagen erste Parteigänger hinter vorgehaltener Hand. Dennoch könnten die Grünen im Bund mit dem besten Ergebnis ihrer Geschichte rechnen. Eine Regierungsbeteiligung sei sehr wahrscheinlich.
Und dann gibt es eben auch Demoskopen, die die Grünen wieder in Schlagweite zur Konkurrenz sehen. Statt Olaf Scholz oder Armin Laschet könne am Ende doch die Grüne Annalena Baerbock in die Regierungszentrale einziehen. Das Rennen sei noch nicht gelaufen, glauben die Forscher. Euphorie und Ernüchterung liegen in diesem Wahlkampf sehr dicht beieinander. Für die Grünen gilt das allemal.
Als der Parteivorstand Mitte April Annalena Baerbock als Kanzlerkandidatin nominierte, schien die Konstellation für die Monate bis zum Urnengang klar zu sein: Schwarz und Grün kämpfen um Platz eins – wobei die Grünen stets betonten, dabei die „Underdogs“ zu sein. Nach der Wahl, auch das schien ziemlich klar, gibt es dann entweder Schwarz-Grün oder Grün-Schwarz. Zunächst schossen die Umfragewerte für die Grünen in die Höhe. Annalena Baerbock, bisher Co-Vorsitzende der kleinsten Oppositionspartei, war der neue Star der deutschen Politik. Plötzlich wollten im In- und Ausland alle wissen, wer die Frau ist, die Angela Merkel beerben will, die Europa im Herzen führt und wild entschlossen ist, die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt zum Vorreiter in Sachen Klimaschutz zu machen.
Doch dann kamen schnell Zweifel auf an der Redlichkeit Baerbocks und ihrer Eignung für das wichtigste Amt im Staate. Es ging es um Nebeneinkünfte, einen aufgehübschten Lebenslauf, um fehlende Fußnoten. Regierungserfahrung kann Baerbock nicht vorweisen. Der Zauber des Neuen verflog rasch. Die Grünen wollten über Inhalte reden, aber die interessierten die Öffentlichkeit nicht. Armin Laschet von der CDU schien im Schlafwagen Richtung Kanzleramt zu gondeln. Dann kam die Flut, Laschets Abstieg. Und plötzlich war der Sozialdemokrat Olaf Scholz der lachende Dritte.
In der Nacht von Sonntag auf Montag steht Annalena Baerbock in einem VIP-Zelt auf dem Gelände der Fernsehstudios in Berlin-Adlershof. Sie ist blendend gelaunt. Gerade hat sie das erste Triell mit ihren beiden Rivalen hinter sich gebracht. Mehr als fünf Millionen Menschen sahen an den Bildschirmen zu. Sie erlebten eine gut vorbereitete, kämpferische Kandidatin, die im Gegensatz zu ihren Mitbewerbern auch mal lächelte und deren Körpersprache Offenheit und Entschlossenheit signalisierte.
Baerbock empfindet es als befreiend, dass mal wieder kontrovers über Themen diskutiert wird. Die Grünen haben Großes vor im Falle einer Regierungsbeteiligung. Sie wollen endlich ernst machen mit dem Klimaschutz und der Transformation der Industrie. Sie wollen einen Staat, der investiert. Und sie wollen mehr Geld für Familien und Soziales ausgeben. In der TV-Debatte gelang es Baerbock an vielen Stellen, ihre Positionen deutlich zu machen.
Als am späten Abend eine Blitzumfrage ergibt, dass die meisten Zuschauer Scholz als Sieger des Triells betrachten und Baerbock deutlich vor Laschet auf Platz zwei liegt, ist die Erleichterung bei der grünen Truppe im VIP-Zelt groß. Die Kanzlerkandidatin sei auf jeden Fall wieder im Spiel, sagt eine Abgeordnete. Bei den Grünen macht sich das Gefühl breit, wieder Wind in den Segeln zu haben. Zumindest vorerst.
Vier Wochen sind es noch bis zur Wahl. Nach Lage der Dinge dürften die Grünen die einzige Partei sein, die ihren Stimmenanteil gegenüber 2017 im großen Stil wird steigern können. 160 oder 170 Bundestagsmandate scheinen drin zu sein, das wären mehr als doppelt so viele wie bisher. Die Krux ist nur: Wenn man eigentlich das Kanzleramt erobern wollte, dann aber nur auf dem dritten Platz landet und in einer etwaigen Dreierkoalition jede Menge Kompromisse eingehen muss, kann sich ein Wahlerfolg auch schnell wie eine Niederlage anfühlen. Selbst Koalitionsoptionen ohne Beteiligung der Grünen erscheinen inzwischen denkbar.
Im Hamburger Regen vergangene Woche hat Annalena Baerbock ebenfalls einen souveränen Auftritt absolviert. Nur an einer Stelle muss sie passen. Ein Mann fragt sie, wie sie denn zur UKW-Abschaltung zugunsten von DAB+ stehe. „DAB+ ist Digitalradio, UKW analoges Radio.“ Digitalradio sei billiger. Baerbock stutzt einen Moment, fängt sich und sagt dann: „Ja, das ist nicht die Aufgabe von der Politik, jedenfalls nicht von der Bundesregierung.“ Von Radiotechnik steht nichts im Wahlprogramm. Es bleibt dabei: Man lernt wohl nie aus.