„Anne Frank“ im Alten Schauspielhaus Auch in der Hölle kommt der Frühling
Die Regiedebütantin Lena Roth hat am Alten Schauspielhaus das Tagebuch der Anne Frank einfühlsam inszeniert.
Die Regiedebütantin Lena Roth hat am Alten Schauspielhaus das Tagebuch der Anne Frank einfühlsam inszeniert.
Ihre Geschichte ist Symbol und Warnung von leider wieder größter Aktualität. Anne Frank, eine deutsche Jüdin, erlebte die Hölle des Nationalsozialismus. Am 12. Juni 1942, ihrem 13. Geburtstag, begann sie ihr Tagebuch zu schreiben. Im Frühjahr 1945 starb sie, im Konzentrationslager Bergen-Belsen, mutmaßlich an Fleckfieber, wurde verscharrt in einem Massengrab.
Das Tagebuch der Anne Frank wurde schon in den 1950er Jahren sehr erfolgreich auf die Bühne gebracht, war Grundlage für Filme, Hörspiele, Opern, ein Ballett. Die Aufzeichnungen des Mädchens, das mit sieben weiteren Menschen zwei Jahre lang auf einer Fläche von 50 Quadratmetern in einer Wohnung lebte, deren Tür durch einen Bücherschrank verborgen war, in einem Amsterdamer Hinterhof, sind der wahrscheinlich meistgelesene Text zum Holocaust. Und sie gehen unter die Haut, noch immer – gerade, weil Anne doch eigentlich ganz andere Dinge im Sinn hat: Im Versteck erlebt sie ihre Pubertät, träumt von einem normalen Leben, davon, nach London und Paris zu reisen, zu studieren. Sie beobachtet ihre Umgebung genau, sie schildert ihren Alltag scharfsinnig und humorvoll, zeigt großes Talent – aber der Schrecken wächst, das Bewusstsein der Ausweglosigkeit.
Im Alten Schauspielhaus wird das Tagebuch der Anne Frank nun wieder gespielt. Regisseurin Lena Roth hat für ihre Aufführung eine neue Textfassung erstellt; Sabine Soydan ist die Anne Frank. Die Bühne: ein alter Tisch, darauf Bücher, ein Stuhl, ein Koffer in der Ecke; verhängte Fenster. Petra Kupfernagel, Ulrike Schneider und Cecile Wolfram besorgten Kostüm, Dekoration und Requisite. Anne Frank tritt auf, springt lachend an den Zuschauern vorbei, im geblümten Kleid. Sie hält ihr neues Tagebuch in den Händen, sie spricht zu ihm: „Ich werde, hoffe ich, dir alles anvertrauen können, so, wie ich es noch bei niemandem gekonnt habe. Und ich hoffe, du wirst mir eine große Stütze sein.“
Sabine Soydan wurde 1990 in Stuttgart geboren, spielte unter anderem am Berliner Theater Heimathafen Neukölln in „Die NSU-Monologe“ dokumentarisches Theater, ist in der aktuellen Spielzeit erstmals in Stuttgart zu sehen in „No net hudla“, in der Komödie im Marquardt. Lena Roth, geboren in Bad Friedrichshall, ebenfalls 1990, studierte in Tübingen. „Das Tagebuch der Anne Frank“ ist ihre erste Regiearbeit.
In 80 Minuten lernt man diese Anne Frank im Alten Schauspielhaus gut kennen – Lena Roths Textauswahl lässt ein Bild des Lebens im Untergrund entstehen, spiegelt die Enge, die Sehnsucht, das Aufbegehren wider. Anne Frank lebt im Versteck mit ihrer Mutter, ihrem Vater, ihrer Schwester Margot und der Familie van Pels – im Buch, im Stück heißt sie van Daan. Zuerst verabscheut sie die van Daans; später wird sie sich in Peter, den Sohn, verlieben. Sie mokiert sich über die gymnastischen Übungen des Vaters van Daan. Sie klagt über Flöhe im Waschwasser, ekelt sich vor dem Grünkohleintopf, von dem die Familien sich ernähren müssen. Sie steht stumm, abgewandt, blickt den schwarzen Vorhang an, der eine Wand verhüllt, als sie von Menschen erzählt, die verschleppt werden und ermordet. Sie späht hinaus in die Welt, sie duckt sich verängstigt unter ihren Tisch, als auf der Straße das Feuer von Maschinengewehren ertönt. Sie hört aber auch das Zwitschern der Vögel und sagt: „Ich spüre den Frühling in mir.“
Und wenig später dann fragt sie: „Warum können die Menschen nicht friedlich miteinander leben? Warum muss alles vernichtet werden? Warum müssen die Leute hungern, wenn in anderen Teilen der Welt die überflüssige Nahrung weg fault? Warum sind die Menschen so verrückt?“ Sabine Soydan spricht diese Zeilen im Tonfall eines jungen Mädchens, das die Welt ansieht und erschrickt. Am 1. August 2024 werden 80 Jahre vergangen sein, seit der letzten Tagebucheintragung der Anne Frank. Ihre Fragen sind noch unbeantwortet. Im Alten Schauspielhaus zieht sie sich die gestreifte Jacke der KZ-Häftlinge über und geht von der Bühne.
Weitere Termine: 10., 17., 22., 23. Februar; 8., 9., 14., 15., 21., 22., 24. März; 11., 12., 13. April. Vorstellungen um 11 Uhr oder 20 Uhr. Informationen unter