Anne Will und das Corona-Virus „An der Würstchenbude ist das Problem“

Berlins Bürgermeister Müller will die  Quarantäne verlagern in Hotels und Pensionen. Foto: dpa/J. Carstensen
Berlins Bürgermeister Müller will die Quarantäne verlagern in Hotels und Pensionen. Foto: dpa/J. Carstensen

Bei Anne Will mischt Vanessa Vu, Journalistin mit vietnamesischen Wurzeln, eine deutsche Politikerrunde auf und wirft ihr Zynismus im Corona-Kampf vor. Und Markus Söder macht ein Eingeständnis.

Politik: Christoph Link (chl)

Stuttgart - Es war wieder ein recht allgemeines Stochern der Politiker im Nebel, was bei Anne Will in der ARD am Sonntagabend zur Corona-Strategie und zur Frage - „Lockern oder Verschärfen?“ - zu hören und zu sehen war. So meinte der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU), dass man jetzt mal schauen müsse, wie man mit dem „mildesten Lockdown“ in Europa über die nächsten zwei Wochen komme und wie die Maßnahmen da wirkten.

Grenzpolizei soll die Skifahrer kontrollieren

Was Weihnachten und Silvester anbelange, da könne er nur „ein Mehr am Vertiefen“ der Maßnahmen versprechen, was immerhin das nun heißen mag. Immerhin konkret geworden ist Söder bei der Kontrolle von heimkehrenden Skifahrern aus Österreich, denn ob jemand beim Skifahren war, das könne man ja leicht am Autodach erkennen, und da werde es garantiert dann nach den Ferien Stichproben im Grenzverkehr geben – Söder will bekanntlich eine Quarantäne für aus Österreich zurückkehrende Skifahrer selbst nach einem Ein-Tages-Trip. Das man die seit langem gängigen Kurzski auch gut im Kofferraum verstauen kann, kam nicht zur Sprache.

Feiernde Privatleute sind das Problem

Dafür wies der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller (SPD), vehement Vorschläge von FDP-Chef Christian Lindner zurück, dass man Lockerungen in einer streng regulierten Gastronomie und bei Museen ins Auge fassen könnte, denn dort sei das Infektionsgeschehen sicher geringer als „im Graubereich“ von feiernden Privatleuten, so der Liberale. Müller aber meinte, dass überall dort, wo „Verkehre“ von Menschen seien, die Infektionsgefahr besonders hoch sei: „Die Parkplätze und die Würstchenbuden sind das Problem.“ Die Quelle seiner Information nannte Müller übrigens nicht – und mehrfach ist in der Sendung betont worden, dass auch das Robert-Koch-Institut der Meinung ist, dass man bei 75 Prozent der Infektionen gar nicht wisse, wo die Ansteckung eigentlich erfolgt ist.

Meckern über ein Böller-Verbot?

Es waren dann Bürgermeister Müllers Worte, wonach Deutschland besser dastehe als andere Länder mit ihrem harten Lockdown und man hier „besonnen“ einen guten Weg beschritten habe, der zu einem guten Ergebnis führen werde, die bei der Journalistin Vanessa Vu („Zeit-Online“) das Fass zum Überlaufen brachten: „400 Corona-Tote täglich in Deutschland ist kein stolzes Ergebnis“, meinte Vu, die in Deutschland geboren ist, aber vietnamesische Vorfahren hat und die Lage in Asien gut beobachtet. Es sei zynisch, dass trotz der Tatsache, dass in Deutschland alle dreieinhalb Minuten ein Mensch an Corona sterbe, überlegt werde, der Wirtschaft nicht zu schaden und „zu meckern“, dass man Böller brauche und die nicht kriegen solle. „Und die Politik stolpert von einem Gipfel zum nächsten.“ Es gehe der Politik hier mehr um Selbstprofilierung als den Schutz der Bevölkerung, hat Vu einmal geschrieben, und sie empfahl in der Sendung von Anne Will die „kollektiven Anstrengungen“ asiatischer Staaten, das Virus einzudämmen, als Vorbild zu nehmen: Grenzschließungen, Tracking, strenge Kontrollen: „Quarantäne heißt da Quarantäne, da wird kontrolliert und sanktioniert.“

In asiatischen Staaten läuft es viel besser

Sowohl China, als auch Japan, Südkorea, Taiwan und Vietnam stehen in der Viruskontroller derzeit viel besser da als Europa. In Vietnam sei die Sache so gut im Griff, dass schon wieder eine Gay-Parade stattgefunden habe, Großfamilien sich treffen und Läden neu eröffnet werden, so Vanessa Vu.

Es oblag dann Christian Lindner daran zu erinnern, dass „in unserem demokratischen System“ der Staat an das Grundgesetz gebunden sei und immer auch die Verhältnismäßigkeit der Mittel gewahrt werden müsse, so stehe der Gesundheitsschutz nicht als „alleiniger Wert“ da, es gebe beispielsweise auch die Berufsfreiheit und die Freiheit der Kunst. Lindner vertrat die Linie, vulnerable – also verletzliche Gruppen wie Ältere und Medizinpersonal – stärker zu schützen, denn dann sei eine „automatische Schließung des öffentlichen Lebens“ nicht unbedingt notwendig. Überhaupt der sogenannte „Wellenbrecher-Lockdown“ vom November: Wenn man gar nicht genau wisse, wo das Infektionsgeschehen eigentlich seinen Ursprung habe, so der Liberale, dann seien „pauschale Schließungen“ eigentlich „problematisch“.

Sekundiert worden ist Vanessa Vu immerhin von der Physikerin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut in Göttingen, die eine drastische Reduktion der Fallzahlen für Neuinfektionen verlangte, man müsse rasch auf „2000 am Tag“ runterkommen, erst „da unten“ sei die Kontrolle für die Gesundheitsämter einfach.

Auch Müller und Söder gaben schließlich ein wenig klein bei: Der Berliner kündigte an, dass die Hauptstadt jetzt auch Hotels und Pensionen für Zwecke der strengeren Quarantäne nutzen werde, was ihm ein fast empörtes „Jetzt erst - nach elf Monaten!“ von Anne Will eintrug. Und der Bayer Söder erklärte ein Grundproblem der deutschen P0litiker in der C0rona-Krise: „Wir streiten uns zuviel.“




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