AnnenMayKantereit in Stuttgart Band spielt „größtes eigenes Konzert ever“
Eine wunderbare Balance zwischen Wehmut und Euphorie: Die Band AnnenMayKantereit ist am Samstag vor 25 000 Zuschauern auf dem Cannstatter Wasen aufgetreten.
Eine wunderbare Balance zwischen Wehmut und Euphorie: Die Band AnnenMayKantereit ist am Samstag vor 25 000 Zuschauern auf dem Cannstatter Wasen aufgetreten.
„Das ist unser größtes eigenes Konzert ever!“ Henning May ist glücklich. Und das Stuttgarter Publikum ist es auch. Mit ihrem knuffigen Chansonpop haben AnnenMayKantereit am Samstagabend den Wasen ausverkauft. 25 000 Besucher lockte die Band trotz des unberechenbaren Wetters an.
Doch obwohl es stimmt, dass AnnenMayKantereit noch nie bei einem Konzert vor einem größeren Publikum aufgetreten sind (Festivalauftritte zählen nicht), ist die Band, die sich vor zwölf Jahren in Köln gegründet hat, schon seit einigen Jahren eine Art Stammgast auf dem Wasen – beziehungsweise ihr Song „Pocahontas“. Wer sich einmal aufs Volksfest zwischen Bierkrüge schwenkende, „Es tut mir leid, Pocahontas!“ grölende Festzeltbesucher verirrt hat, für den ist die Band nicht mehr das, was sie mal war. Man lebt in ständiger Angst, das betrunkene Partyvolk könnte sich bald den nächsten Song einverleiben.
Dass die Band das nicht verdient hat, beweist ihr Auftritt am Samstag, bei dem das Wetter zum Glück erst im Zugabenteil nicht mehr durchhält – und das obwohl AnnenMayKantereit den Song „Heute Abend wird es regnen“ gar nicht im Programm haben.
Sänger Henning May, Gitarrist Christoph Annen, Schlagzeuger Severin Kantereit und Bassistin Sophie Chassée, die bei einigen Stücken von einem Bläser- und einem Streichquartett verstärkt werden, bieten ein großartiges Programm voller Lovesongs und Trennungslieder, Stimmungshits und heftig groovender Tanznummern – wie zum Beispiel das vom Flamenco beseelte „Ausgehen“, mit dem das Konzert nach gut anderthalb Stunden zu Ende geht.
Vor allem aber inszeniert sich Henning May, der Mann mit der markant-angerauten Stimme, als der nette Junge von nebenan, als Anti-Rockstar, der viel lächelt, bei seinen Ansagen selbstverständlich gendert, gar nicht aufhören will, die Musikerinnen und Musiker, die ihn begleiten, zu loben und auch fürs Stuttgarter Publikum ein paar ungewöhnliche Komplimente bereit hat: „Gestern haben wir ja in München gespielt, und ich muss sagen, ihr riecht einfach besser!“
Und um besonders nahbar zu sein, spielt die Band nicht nur zwei Unplugged-Nummern auf einer Minibühne mitten im Publikum (die Ballade „Ozean“ und den Babyboomer-Bossa-nova „Als ich ein Kind war“), sondern lässt für den Titelsong des aktuellen Albums „Es ist Abend und wir sitzen hier“ sogar den Tisch auf die Bühne bringen, an dem der Song entstanden ist.
Der Band gelingt es inmitten von Anleihen aus Folk, Pop, Rock, Latin oder Chanson eine wunderbar feine Balance zu finden zwischen Melancholie und Euphorie. „Ich will mal wieder mit dir die Kontrolle verlieren“, sprechsingt Henning May etwa in „Lass es kreisen“, das verziert mit einem Santana-Gitarrensolo zu einem Latingroove den Coronafrust forttanzt. May singt herrlich einzigartig von Vögeln, die vom Himmel scheißen („Marie“), von der verschwendeten Jugend zwischen Kneipen und WGs („21, 22, 23“), davon, dass du und ich manchmal zu wenig ist („Barfuß am Klavier“). Und wie im nostalgischen „Tommi“, das im Refrain zur kölschen Schunkelnummer wird, schimmert durch traurige Lieder auch immer etwas Zuversicht, und hinter den ausgelassenen Songs lauert stets ein wenig Schwermut.
Es ist auch diese Uneindeutigkeit, die AnnenMayKantereit textlich und musikalisch ganz selbstverständlich in ihr Repertoire packen, die sie zu etwas Besonderem in der deutschen Poplandschaft machen.
Setlist Wohin Du gehst | Nur wegen dir | Lass es kreisen | Pocahontas | Marie | Es ist Abend | Du tust mir nie mehr weh | Du bist anders | Vielleicht Vielleicht | Gegenwart | Oft gefragt | Ozean (Nebenbühne) | Als ich ein Kind war (Nebenbühne) | Jenny Jenny | 21, 22, 23 | 3 Tage am Meer | Ich geh heut nicht mehr tanzen | Zugaben Barfuß am Klavier | Tommi | Ausgehen