Stuttgart - Annett Louisan wurde im Jahr 1977 in Havelberg geboren. Wann genau, das weiß nur die Sängerin selbst. Nachdem die Mauer gefallen ist, zog Louisan mit ihrer Mutter nach Hamburg. Sie hat eine Vorliebe für einfache, zarte Melodien, verbunden mit Popmusik, Blues und französischem Chanson. Mit ihrem aktuellen Album „Kleine große Liebe“ geht Louisan auf Tour. Ihre Tochter kommt mit: „Ich kann das nicht aushalten, lange von ihr getrennt zu sein.“ Ihre Mutter wird mitreisen, um das Enkelkind zu betreuen. Wir haben mit Annett Louisan über das Familienleben gesprochen:
Frau Louisan, Sie sind in Ostdeutschland in Schönhausen an der Elbe in Sachsen-Anhalt aufgewachsen. Wie haben Sie Ihre Kindheit in Erinnerung?
Mir kommen zuerst die Wärme und Fürsorge meiner Großmutter und Mutter in den Sinn. Ich bin in einem sehr kleinen Dorf mit nicht einmal 2000 Einwohnern aufgewachsen. Meine Großeltern lebten in bescheidenen Verhältnissen. Sie hatten ein altes Lehmhaus mit einem Ofen und Plumpsklo vor der Tür. Das war eine ganz andere Welt.
Ihre Mutter war Anfang zwanzig, als Sie zur Welt kamen. Sie kamen mit sechs Monaten in die Krippe, waren dort jeden Tag acht Stunden. Sie sind jetzt selbst eher spät Mutter geworden und waren erst mal länger für Ihre Tochter zu Hause.
Dieses Thema hat mich natürlich beschäftigt, als ich selbst Mutter wurde. Und ich habe meine Mutter gefragt, wie das für sie damals war. Aber sie hatte schlichtweg keine Wahl. Sie hatte gerade ihre Lehre abgeschlossen – und musste arbeiten. Sie wäre in diesem System geächtet worden, wenn sie sich anders entschieden hätte. Es gab keine andere Möglichkeit. Das war schon eine Diktatur und nicht ganz einfach. Ich habe das anders gemacht. Ich habe die ersten anderthalb Jahre ganz bewusst genossen. Seit ich Mutter bin, hat sich meine Perspektive verändert. Ich habe Verständnis für meine Mutter. Wenn man aber etwas älter ist, macht man vielleicht nicht mehr alles mit und entscheidet sich bewusster.
Es war in Ostdeutschland doch Standard, die Kinder früh in die Krippe zu geben, weil die Frauen schnell wieder gearbeitet haben.
Ja, durchaus. Aber wer weiß, ob da alle Frauen so okay damit waren. Jede Frau muss für sich selbst entscheiden können. Es gibt bestimmt welche, die das für sich brauchen, wieder früh in ihren Job zurückzukehren. Ich möchte das nicht werten. Das ist ganz individuell. Ich glaube, dass ich bestimmt anders gewesen wäre, wenn ich jünger Mutter geworden wäre. Ich war 40, als ich meine Tochter bekommen habe. Mit 21 wäre das sicher anders gelaufen. Da braucht man vielleicht mehr Freiheit. In dieser Frage gibt es kein richtig oder falsch.
Ihre Mutter hat Sie ganz allein großgezogen.
Für meine Mutter war das schwierig, 1977 in einem kleinen Dorf alleinstehend zu sein und ein Kind großzuziehen. Das waren noch andere Zeiten. Zum Glück ist das jetzt anders. Aber vielleicht ist es auf dem Dorf doch noch schwieriger als in der Stadt. Als ich selbst schwanger war, wurde es mir wichtig, mich mit meiner Vergangenheit und mit meinen Wurzeln zu befassen. Deshalb habe ich etwas gegraben, wie das damals war. Egal ob die Kindheit gut oder schlecht war, liegen dort viele Antworten begraben. Die Zeit um die 40 empfand ich als sehr intensiv. Ich habe mir Fragen gestellt, ob es die kommenden 20 Jahre so weitergehen soll wie die 20 Jahre davor. Das sind Übergangsjahre. Es ist eine sehr intensive Zeit. Da hilft es herauszufinden, was und wer einem guttut. Ich habe mich von Menschen getrennt, neue sind hinzugekommen, und meine Werte haben sich noch einmal verfestigt.
Sie singen von der „kleinen großen Liebe“. Ist damit die Liebe von der Mutter zu ihrem Kind gemeint?
Die Liebe – egal zu wem – ist der Motor für alles, was wir tun. Liebe kann man nicht bewerten. Nicht nur die Mutterliebe. Ohne Selbstliebe etwa kann man keine gute Mutter sein. Natürlich ist meine Tochter die allergrößte Liebe meines Lebens. Dieses Gefühl hat mich überwältigt. Es war aber auch wichtig für mich, dass ich mich selbst angenommen habe.
Wurden Sie eigentlich deshalb relativ spät Mutter?
Meine Tochter ist ein Wunschkind. Aber ich musste erst Platz schaffen in meinem Leben. Ich habe zum Teil sehr exzessiv gelebt. Alles dreht sich um einen selbst und um die Karriere. Das tut auf Dauer nicht gut. Und das machte mich auch nicht mehr glücklich. Jetzt fühlt sich auch das Musikmachen viel besser an. Es hat mich auch weitergebracht, schwanger auf der Bühne zu stehen. Ich hatte mich bewusst für eine Tournee in diesem Stadium entschieden. Es war auch gut, mal nicht so eitel zu sein. Ich sah im sechsten Monat schon so aus, als wäre ich im zehnten.
Was hat sich außerdem verändert mit dem Muttersein?
Dank meiner Tochter kann ich heute viel besser Nein sagen. Ich habe eine andere Stärke. Man sorgt für sich selbst besser, weil man genau das dem Kind beibringen möchte. Durch das Mutterwerden ist auch mein Bauchgefühl wieder stärker geworden.
Und hat das Muttersein die Beziehung zu Ihrer Mutter verändert?
Das hat es. Es war eine Zeit lang auch nicht unproblematisch zwischen uns. Aber dann musste ich mich damit auseinandersetzen, weil man merkt, dass jede Baustelle, jedes unausgesprochene Problem deutlicher wird. Man möchte da aufräumen.
Zurück zu den Ostfrauen: Was ist da dran am Mythos? Hat Ihre Mutter Ihnen ein weibliches Selbstverständnis vorgelebt?
In der Idee von Sozialismus steckt so viel Gutes, und es macht mich traurig, dass das nicht umsetzbar ist, weil wir Menschen so kompliziert sind. Als ich damals nach Hamburg gezogen bin, als die Mauer gefallen ist, merkte ich schon, dass ich anders groß geworden bin. Es gab das Gefühl einer Gleichheit von Männern und Frauen, Religion spielte keine große Rolle in der Erziehung. Das hat mir auch gutgetan. Aber natürlich gab es die schlechten Seiten im Osten. Freiheit ist wichtig für den Menschen. Und ich muss jetzt herausfinden, wer ich bin. Das hat auch etwas mit meiner Kindheit zu tun.
Sie waren zwölf Jahre alt, als die Mauer fiel. Ein Mädchen kurz vor der Pubertät, das von Ost nach West, vom Land in die Stadt zog.
Das war keine einfache Zeit. Das war ein Bruch in meinem Leben. Ich war ein lautes, wildes Kind, in Hamburg wurde ich dann eher introvertiert. Ich wurde zur Beobachterin, was mir aber eigentlich nicht entsprach. Es war aber nicht einfach, als Ossi in eine westdeutsche Schule zu kommen. Konkurrenz, Konsum und der Druck; an das alles musste ich mich gewöhnen.