Der weiße SUV steht noch am Mittwochnachmittag im Hof vor dem Haus. Der Kofferraum: bis unters Dach vollgepackt. Zelt, Isomatten, Wasser-Sixpacks und noch vieles mehr. Die Kurzers haben Routine in Sachen Heavy-Metal-Festivals und wissen genau, was sie alles mitnehmen müssen. Nur wird die Leonberger Familie in diesem Jahr zumindest in Wacken nichts davon brauchen.
Seit Tagen regnet es in Schleswig-Holstein fast ununterbrochen
Die Veranstalter hatten bereits am Montag die Anreise zum Open Air unterbrochen. In Schleswig-Holstein regnet es ununterbrochen, das gigantische Campinggelände nahe des 2000-Seelen-Dorfes Wacken war komplett aufgeweicht und mit Autos kaum befahrbar. Die Nachricht vom vorläufigen Anreisestopp ereilte die Kurzers am Montag beim Beladen des Autos. „Das war ein absoluter Schock, mir sind die Tränen gekommen“, sagt Mutter Bettina Kurzer, die an diesem Mittwoch 63 Jahre alt geworden ist. Inzwischen hat das Festival begonnen, mit den Besuchern, die es noch auf das Gelände geschafft haben. Seit Mittwoch gilt kompletter, endgültiger Anreise-Shutdown.
Besonders enttäuscht ist Sohn Anton. Der 23-jährige ist beinharter Metal-Fan, lange Haare und Aufnäher-Kutte sind selbstverständlich, der Arm voller Festivalbändchen ebenfalls. Für ihn sind die großen Open Airs im Sommer in jedem Jahr etwas ganz besonderes.
Anton hat eine körperliche und geistige Beeinträchtigung und einen Schwerbehindertenausweis. Sein Handicap hindert ihn jedoch nicht daran, von der Warmbronner Rockxplosion über Rock-Hard-Open-Air, Wacken und Summer Breeze jährlich eine ganze Reihe Festivals zu besuchen. Mal mit seiner Mutter, mal mit Schwester Lina – aber immer mit Vollgas, gerne auch in Reihe eins.
Die Kurzers verfolgen Wacken gezwungenermaßen im Livestream
Während im Wohnzimmer der Wacken-Livestream über den TV-Bildschirm flimmert – es spielt die finnische Death-Metal-Band Omnivortex –, berichten die Kurzers von ihrer Gefühlslage. „Diese Woche Wacken hat sich inzwischen zum Familienurlaub entwickelt“, sagt Bettina Kurzer. Denn neben ihr selbst, Anton und Lina wäre auch Vater Jürgen mitgekommen. Auf Hunde und Haus hätte Linas Freund Andreas aufgepasst. „Das wäre dann auch so was wie mein Urlaub gewesen“, sagt er – was von den anderen mit einem bitteren Lächeln quittiert wird.
Natürlich haben die Leonberger Verständnis für den harten, aber wohl notwendigen Cut der Veranstalter. Die Bilder, die aus dem hohen Norden Deutschlands um die Welt gehen, sprechen eine deutliche Sprache. „Das ist schrecklich“, sagt Bettina Kurzer, „so viele Hackschnitzel kann man gar nicht auswerfen.“ Außerdem gesteht sie: „Unter den Bedingungen hätte ich auch Angst um mein Auto gehabt.“
Und das, obwohl sie wieder auf der sogenannten „Wheels of Steel“-Area hätten campen dürfen, die sich in unmittelbarer Nähe des Bühnengeländes befindet. Die ist reserviert für Menschen mit Behinderung – und die „Wheels of Steel“ beziehen sich in diesem Fall nicht auf das Album der Wacken-Haus-und-Hof-Band Saxon, sondern auf die Rollstühle, die man dort auch leihen kann. Außerdem stehen Medikamenten-Kühlschränke und gut gereinigte Spültoiletten zur Verfügung. „Man fühlt sich dort wirklich gut betreut“, sagt Bettina Kurzer, „und weit hätten wir auch nicht laufen müssen.“
Es wäre Anton Kurzers viertes Wacken-Open-Air gewesen. 2018 ist er zum ersten Mal hingefahren, gemeinsam mit seiner Schwester im berühmt-berüchtigten Metal-Train. „Auch da helfen einem die anderen sofort“, berichtet Lina Kurzer von dem Trip, auf dem ihr Bruder noch einen eigenen Rollstuhl dabei hatte. Inzwischen ist er deutlich besser zu Fuß.
Es wartet schon das nächste Festival auf die Leonberger Familie
Doch es hilft nichts: Wacken ist für dieses Jahr passé, Anton Kurzer muss sich die Bands für das nächste Festival einprägen – in diesem Fall das Summer Breeze nahe Dinkelsbühl in Bayern. Der junge Mann ist ein wandelndes Metal-Lexikon, weiß aus dem Kopf, wann welche Gruppe auf welcher Bühne spielt, kennt die Musiker. Und er reagiert gerne mit einem milden Kopfschütteln, wenn seine Mutter da mal wieder daneben liegt. Auf Wacken hätten sich die Kurzers unter anderem Iron Maiden, Wardruna, Alestorm, die Dropkick Murphys, Holy Moses und Megadeth angesehen. Und die US-Death-Metaller von Possessed. „Der Sänger hat auch eine Beeinträchtigung“, weiß Anton über Frontmann Jeff Becerra, der 1989 bei einem Raubüberfall angeschossen wurde und seitdem im Rollstuhl sitzt.
Es stellt sich noch die Frage nach der Rückabwicklung der Kurzerschen Tickets. Denn auch die Chips zum bargeldlosen Bezahlen hatte die Familie bereits aufgeladen. „Ich gehe davon aus, dass die Erstattung kein Problem sein wird“, sagt Bettina Kurzer, „am besten wäre ein Tausch gegen die Karte fürs nächste Jahr.“
Jetzt muss aber erst mal das Auto wieder ausgeräumt werden. Vorher schnauft Bettina Kurzer aber noch einmal tief durch. „Es ist so schade, ich hätte mit Doro Pesch zusammen Geburtstag feiern können“, sagt sie. Die bekannte German Metal Queen begeht in diesem Jahr auf diversen Bühnen ihr 40-jähriges Bühnenjubiläum – unter anderem war es am Mittwoch in Wacken soweit.