Landwirte haben nicht nur große Traktoren. Sie haben teils auch große Autos. Eine lange Kolonne zieht an Horst Fallenbeck und seinen 25 Mitstreitern an diesem Mittwochabend vorbei in Richtung der Viehhalle im Bad Waldseer Industriegebiet Nord. Drinnen, im Schummerlicht, riecht es noch nach den Rindern, die einmal im Monat hier versteigert werden. Auch Fachvorträge gibt es regelmäßig in der Halle. Aber wenn es um Kälberdurchfall gehe, kämen nicht so viele, sagt Josef Volkwein, der Vorsitzende der Rinderunion.
Doch diesmal bietet er, um im Bild zu bleiben, die beste Kuh auf, die die protestierenden Bauern gegenwärtig im Stall haben: Anthony Lee. 950 Zuhörer aller Altersstufen drängen in die Halle, zahlen zwei Euro Eintritt und holen sich dann Wienerle und Spezi an der Bar. Lee hat auf seinem Youtube-Kanal 90 000 Follower. 30 Millionen haben seine Videos gesehen, in denen die aktuelle Politik abwechselnd als „schwachsinnig“ und „irre“ bezeichnet wird. Er ist der bundesweite Wortführer der Vereinigung „Landwirtschaft verbindet“. „Mein Name ist Anthony Lee und ich habe die Schnauze voll“, lautet der Satz, der zu seinem Markenzeichen geworden ist.
Der Star der Jungbauern
Der Vorschlag, den durchaus umstrittenen Influencer aus Norddeutschland einzuladen, sei schon im Herbst – und damit vor dem Beginn der Agrardieseldemos – von den jüngeren Mitgliedern im Braunviehforum gekommen. „Ich habe ihn gar nicht gekannt“, räumt Volkwein ein. Fallenbeck hingegen, der in einem Nachbardorf eine Tierpension betreibt, sieht Lee schon länger kritisch. Vor drei Wochen gehörte der 52-Jährige zu den Initiatoren der Bad Waldseer Demokratiedemo mit 1000 Teilnehmern. Jetzt organisierte er spontan die Mahnwache – auch als Reaktion auf die Eskalation des Protests beim Politischen Aschermittwoch der Grünen in Biberach. „Wir Bürger haben Verständnis für die Bauernproteste, aber wir haben kein Verständnis für rechte Richtungen.“ Lee polarisiere. „Wen holen die Landwirte das nächste Mal? Alice Weidel?“
Lee weiß, dass er unter Beobachtung steht. In Bad Waldsee, wo auch ein Team des ZDF dreht, kokettiert er damit, meidet aber allzu missverständliche Schoten. Der Sohn eines Briten trägt Bundeswehrhaarschnitt. Dort diente er acht Jahre, dann war er vier Jahre bei der Polizei. Inzwischen bewirtschaftet er einen Hof mit 180 Hektar Ackerland im Weserbergland. Seinen Opa lässt er bei seiner Vorstellung aus dem Spiel. Der sei bei der Waffen-SS gewesen, deshalb rede er selbst Klartext, hatte er sich einmal bei einer Veranstaltung der Werteunion gebrüstet. Den Spruch findet er mittlerweile selbst nicht mehr gut. Politisch hat er sich Hubert Aiwangers Freien Wählern angeschlossen, für die er bei der Europawahl kandidiert.
Sein Lieblingsgegner sind die Grünen
Bei seinen Kernbotschaften ist er aber klar: Der Wolf sei ein tolles Tier, doch mehr als 300 hätten in Deutschland keinen Platz. Er sei großer Fan von Windrädern, aber im Süden von Deutschland erreichten sie einen geradezu lachhaften Wirkungsgrad und schredderten zudem deutschlandweit fünf bis sechs Milliarden Insekten pro Tag. Wer wirklichen Klimaschutz betreiben wolle, hätte die Atomkraftwerke weiterbetreiben müssen – für Lee ein „Idiotentest“. „Das kannste dir alles gar nicht ausdenken.“
Unter dem zustimmenden Gelächter und Applaus der Landwirte arbeitet sich der 47-Jährige vor allem an seinen Lieblingsgegnern, den Grünen, ab, darunter auch Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir. „Von dem bekommt man keine vernünftige Antwort“, sagt Lee. Die da oben hätten ohnehin keine Ahnung, was die Landwirtschaft brauche. Wobei er niemals „die da oben“ sagen würde, denn dann werde man gleich als Populist abgestempelt, sagt Lee. Ohnehin werde mit zweierlei Maß gemessen. Ärzte, Lokführer, Straßenbahnfahrer – überall werde gerade gestreikt. „Aber Verdi hat noch niemand für rechtsextrem erklärt.“
Die falschen Zuhörer?
Am Ende wird noch lange diskutiert – zuerst mit dem Referenten, dann untereinander. „Anthony Lee bringt es auf den Punkt“, sagt Nikolas Sauter (29), der bei Bad Wurzach im Familienbetrieb arbeitet. „Wir kommen uns schon vor wie die Deppen der Nation.“ Die Kürzungen beim Agrardiesel schmälerten direkt den Gewinn. „Wenn du den elterlichen Hof übernimmst, willst du auch investieren“, sagt Dominik Albinger (32) aus Bad Waldsee. Aber dafür fehle dann das Geld.
Wie soll es weitergehen, wenn alle wieder mehr auf ihren Höfen arbeiten müssen? „Wir müssen Nadelstiche setzen“, sagt Lee – zum Beispiel Blockaden von Supermarktlagern. Allerdings komme man gegen die Handelsriesen kaum an. Selbst Kellogg’s oder Nestlé würden bei Preiskonflikten einfach ausgelistet.
„Ich glaube nicht, dass sich viel ändern wird“, meint Johannes Maurus (30) aus Leutkirch. Im Grunde habe Lee den Vortrag vor den falschen Leuten gehalten. „Wir denken da ja ähnlich.“ Wenigstens von den Teilnehmern der Mahnwache ist eine Abordnung unter den Zuhörern gewesen. Man wolle Lees Aussagen erst einmal einem Faktencheck unterziehen, sagen sie am Ende. Allzu viel Falsches werden sie nicht finden. Bei Lees Vortrag sind eher die Auslassungen das Problem. Zum Beispiel beim Insektenmassaker: Allein Deutschlands Waldvögel vertilgen laut einer Studie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt 400 Mal so viele Insekten wie alle 37 000 Windräder zusammen.